Geschmacksfrage: Bei Silvio Nickol im Palais Coburg

Wie schmecken die zwei Sterne Silvio Nickols? Sehr gut und lustig. Und sehr verspielt.

Geschmacksfrage Silvio Nickol
Geschmacksfrage Silvio Nickol
(c) Jürgen Hammerschmid

Kann man Humor essen oder kochen? Schwierig. Ich scheitere bisweilen sogar daran, Humor zu schreiben. Oder Sie daran, Ironie zu lesen? Schmäh ist eine heikle Angelegenheit, wie ich unlängst bei einem Telefonat bemerkte. Das Palais Coburg verlangte eine Bestätigung meiner Reservierung im Restaurant Silvio Nickol (jetzt mit zwei Michelin-Sternen), wie mir eine Mitarbeiterin ausrichten ließ. Brav rief ich an und bat, die Frau sprechen zu dürfen. Das ging aber nicht so einfach, zuerst musste ich mein Anliegen erklären. Irgendwo in der Mitte des Gesprächs sagte man mir, dass das Restaurant ausreserviert, aber im Bastei-Lokal noch ein Platz frei sei. Als ich etwas aufgebracht den Scherz „Oder gleich im Babylon?“ anbrachte, wurde ich sofort ins Bastei-Lokal verbunden.

Zur Ironie-Klarstellung: Das Babylon liegt dem Coburg nur geografisch nahe. Was manche Gäste ab und zu vergessen dürften, zumindest machten die betrunkenen Belgier im Nebenzimmer beim Testbesuch einem Rotlichtlokal alle Ehre. Aber wir sind ja tolerant und wegen der Küche hier.

(c) Jürgen Hammerschmid
Die hat sich unter Silvio Nickol und seinem jungen Team in seinen ersten elf Monaten radikal verändert: Hat Nickol in Velden mit viel Handarbeit und Ehrgeiz eine Art Leistungsschau veranstaltet, beweist er nun Humor. Die Gerichte tragen knappe Namen, zitieren Landstriche oder ein altes Lied. Unter „Old Mac Donald had a farm“ etwa gibt es eine kleine bäuerliche Arbeit mit Huhn, dem dazugehörigen Fond und Mais. Ich hätte mir bei diesem bereits legendären, auch innenarchitektonisch interessanten Gericht fast noch mehr Aroma erwartet, das sich etwa bei einer normalen warmen Auster dank allerlei versteckter Würzung entwickelt. Wie unfassbar viel Vorbereitung in den Gerichten steckt, lässt eine Pilzwaldlandschaft erahnen: Da liegen auf einem Chlorophyll-Trockensteinpilz-Boden aus Gänseleber geschnitzte Pilze, deren Unterteile etwas mit Stärke geweißelt wurden. So viel kann das Auge gar nicht essen. Beim exzellenten Rindhauptgang „Picasso“ spritzt der Restaurantchef Sauce Béarnaise aus Tuben auf den Teller und verwischt sie mit einem Pinsel. Ganz kurz bilde ich mir ein, ein verstecktes aber schallendes Lachen in seinen Augen zu sehen. Besser isst man nur sehr selten in Wien, unterhaltsamer nirgendwo. Vom Wein-Weinen rede ich erst gar nicht. Und die unerträglichen Macho-belgier verbinden wir das nächste Mal am Telefon in die Endlosschleife.

INFO

Silvio Nickol, Coburgbastei 4, 1010 Wien. Tel.: 01/51818800, Di bis Sa: 18 bis 21.30 h.


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