Testessen in Josefs Himmelreich am Wagram

Die neue Schlichtheit am Wagram. Kritikpunkte? Muss man mit der Lupe suchen.

(c) Beigestellt

Angesichts der in den letzten Wochen omnipräsenten Häschen, Eierchen und Wuschelküklein ist ein explizit undekoriertes Lokal (und ein ebenso explizit undekorierter Gutsinnenhof) Balsam für die Augen. Diese seltene Aufgeräumtheit zieht sich im Landgasthaus Josefs Himmelreich im kleinen Ort Zaußenberg am Wagram aber noch weiter: bis hin zur Speisekarte, zu den Weinen, den Zalto-Gläsern. Der Winzer Josef Fritz hatte den 300 Jahre alten Ausgedingehof neben seinem Weingut aufwendig restaurieren lassen und zwei kleine Gasträume geschaffen, erholsam schlicht mit soliden Materialien gestaltet. Als Pächter fand er ein junges Paar, Josef Kellner aus dem Tullner Raum, der davor im hochdekorierten Mesnerhaus im Lungau kochte, und die Lungauerin Jasmin Wieland. Wenn nicht gerade die Schwester aushilft, steht Kellner allein in der Küche, Wieland schupft währenddessen den Service – in Jeans, T-Shirt und Sneakers, mit natürlichem Charme und einer ruhigen, zugewandten Art. Meist nehme man bewusst weniger Reservierungen an, als vom Platz her möglich wären (24 Gäste), sagt sie. „Wir wollen es ja gut machen." Von Schnitzel und Co. ist Josefs Himmelreich weit entfernt:

(c) Andreas Jakwerth
Es gibt nur ein Menü, das vier-, fünf- oder sechsgängig zu bestellen ist (50/61/72 Euro). Die Weinbegleitung bedient sich ausschließlich im Portfolio von Josef Fritz. Dessen Herzstück ist der hauptsächlich hier am Wagram kultivierte Rote Veltliner – die Lage Mordthal darf auch die Hauptspeise begleiten: Hendlstücke mit plattiert-knuspriger, idealtypisch hendlaromatischer Haut, dazu ein geradezu frühlingsfrisches Rote-Rüben-Püree (das muss man bei diesem oft lagerdumpfen Gemüse erst einmal zusammenbringen), marinierte Rote Rüben und gehackter Grünkohl. Unprätentiös, gelungen. Auch bei den Gängen davor wird klar: Der Name der Domain, gutehrlichessen.at, ist gleichzeitig der Leitspruch. Eindeutig Richtung Mesnerhaus winkt der Gruß aus der Küche, ein Erdäpfelkrapfen mit Aschemayonnaise im winzigen Emailgschirrl. Es folgt geflämmter Saibling mit eingelegter Radieschenvielfalt: Der eingegossene leicht gebundene Fischsud greift beides auf und wogt am Ende wundersam zwischen rauchig und süß-sauer. Gekochter weißer Spargel bekommt Gesellschaft von roh mariniertem, dazu gibt es wirklich zu Ende gebratene Butterbröseln. Kritikpunkte? Muss man mit der Lupe suchen. Hier will ein grundsympathisches Team nicht zu viel und macht genau darum alles richtig.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2019)

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