Trachten: Die Lust an der Lederhose

Der Umsatz mit Trachten hat sich in den vergangenen Jahren vervierfacht. Sehnen sich die Menschen wieder nach Vertrautem, nach Heimeligem, nach Tradition? Nein, eher nach Spaß.

Trachten: Die Lust an der Lederhose
Trachten: Die Lust an der Lederhose
Trachten: Die Lust an der Lederhose – EPA

Die Lederhose ist dunkel, ohne einen einzigen hellen Fleck. Nicht abgewetzt, nicht faltig, und noch nie hat jemand einen vom Hendl fettigen Finger an dieser Lederhose abgewischt oder versehentlich ein Bier drübergeschüttet. Auch hinten hat kein stundenlanges Sitzen auf einer dreckigen Zeltbank Spuren hinterlassen.

Man erkennt an dieser Lederhose sofort den Wiener. Zumindest in Altaussee, wo Anfang September der traditionelle „Kiritag“, das Zeltfest der Freiwilligen Feuerwehr, stattfindet. Dann packen die Ostösterreicher, die im idyllischen Salzkammergut ihre Sommerfrische verbringen, die maßgeschneiderte Lederhose aus, um ein Mal im Jahr richtige Einheimische zu sein. „Mei“, sagen die in Aussee, die Lederhosen haben, die vom täglichen Gebrauch abgerieben sind, fettig und mit hellen Flecken, „mei, die tuan si hoit gern verkleidn.“


Umsatz vervierfacht. Nicht nur in Aussee tun sie sich gern verkleiden, auch in Wien und Linz und Graz. Eigentlich überall in Österreich. Lederhosen und Dirndln boomen wie in den 1980er-Jahren die Schulterpölster. Die Verkaufszahlen haben sich in den vergangenen Jahren mehr als vervierfacht, mittlerweile bietet sogar schon „Hofer“ Dirndln und Lederhosen an. Allein die „Zillertaler Trachtenwelt“, mit bald 40 Filialen Österreichs größter Trachten-Diskonter, steigerte ihren Umsatz seit der Gründung vor sieben Jahren jährlich um bis zu 50 Prozent: 2010 setzte man mit Billigdirndln und Lederhosen ab 99 Euro noch 21,5 Millionen Euro um, vergangenes Jahr waren es schon 30 Millionen Euro. Heuer wanderten bereits 47.000 Dirndln und 65.000 Lederhosen über den Ladentisch.

Die meisten Käufer wird man Ende des Monats auf der Wiener Wiesn sehen, auf der man sich fühlt wie bei einem Trachtenumzug in Disneyland. 150.000 Wiener schunkelten vergangenes Jahr in Lederhose und tief ausgeschnittenem Dirndl in den Bierzelten, tanzten auf den Tischen und sangen lautstark Volkslieder. Schwer irritierend, vor allem wenn man die gleichen Jugendlichen ein paar Tage später mit einem Ring in der Nase in der U-Bahn sieht, wie sie den ganzen Waggon mit Rap aus ihren Kopfhörern beschallen.

Warum also die Verkleidung für das Zeltfest? „Warum zieht man sich für einen Ball einen Smoking oder einen dunklen Anzug an?“, kommt die Gegenfrage von Antony Kaslatter, einem Wiener IT-Berater und bekennenden Lederhosenträger. „Es gehört einfach dazu. Außerdem ist's ein Spaß.“

ÖVP und FPÖ würden wohl lieber hören, dass es ein neues Erstarken des Konservativen ist. Früher erkannte man deren Stammwähler ja daran, dass sie in Tracht zu den Urnen gingen. Unter Jörg Haider kultivierte die FPÖ die Tracht und machte den braunen Kärntneranzug zur inoffiziellen Parteiuniform. Die Freiheitlichen zeigten wenig Berührungsängste mit einer Mode, die unter den Nazis weitverbreitet und deswegen lange Zeit verpönt war (im Salzkammergut hatten die Nationalsozialisten den Juden einst verboten, eine Tracht zu tragen). Nein, Ideologie spielt heute bei der Tracht keine Rolle mehr.

Man könnte jetzt einen Bogen von der Wirtschaftskrise zum Wunsch der Menschen nach Heimeligem und nach Bekanntem spannen. Die Tracht als letztes Fixum, als Kontrapunkt zur Globalisierung und zu einer Welt, die immer schneller, moderner und komplizierter wird. Da braucht man wieder Einfaches und Lokales, man besinnt sich seiner Herkunft, seines Dialekts, der Eigenheiten. Versteckte man früher fast peinlich berührt, dass man aus dem Waldviertel kommt, zeigt man es heute mit Stolz. Land schlägt Stadt, Gmünd New York.

Aber auch das ist für die Motivforscherin Sophie Karmasin nur ein Aspekt des Trachtenbooms. „Den meisten geht es um den Stil“, erklärt sie. Das Tragen einer Tracht sei keine Entweder-oder-Entscheidung mehr wie früher, sondern eine Parallele. „Man zieht die Lederhose oder das Dirndl zu den entsprechenden Anlässen an. Und weil es jeder nach seinem Geschmack anpassen und kombinieren kann, zum Beispiel die Lederhose zu modernen Sportschuhen, ist man auch viel bereiter, zur Tracht zu greifen.”


300 Dirndln im Kleiderschrank. Für jemanden wie Gexi Tostmann muss das der Horror schlechthin sein. Sie ist die Grande Dame der Tracht und hat angeblich in ihrem (wohl etwas größeren) Kleiderschrank mehr als 300 Dirndln. Zusammen mit anderen Textilunternehmen vergibt sie jährlich den Preis „Botschafter der Tracht“. Am Dienstag wird damit unter anderem der deutsche Ex-Skifahrer Markus Wasmeiser geehrt. Sogar die Punk-Modedesignerin Vivienne Westwood macht man schon zur Botschafterin der Tracht, vermutlich wegen ihres klugen Satzes, dass es keine Hässlichkeit mehr auf dieser Welt gäbe, würde jede Frau ein Dirndl tragen.

Ähnliches glaubt auch der Wiener Soziologe Roland Girtler, der hinter dem Boom Urinstinkte vermutet: „A Madl in einem Dirndl“, kurz hält er inne, „und da wird die Brust so präsentiert“, wieder hält er inne, „das g'fallt den Burschen schon.“ Dazu kämen die historischen Hintergründe, denn früher waren Lederhosenträger entweder reich oder wild: „Die Tracht war etwas, was das Bürgertum getragen hat und die Aristokratie bei der Jagd.“ Oder ein Wilderer. Eine Bäuerin habe kein Dirndl angehabt – „die hätte ja bei der Arbeit keine Luft bekommen“. Erst später sei die Tracht über Traditionsvereine zur Bevölkerung gekommen.

Im Ausseergebiet war sie schon immer beim Volk. Eine Lederhose gehört dort zur Grundausstattung. Die meisten haben drei oder vier, nur Christian Raich hat nur eine, dabei ist er der Quell der meisten Lederhosen im Salzkammergut. Nur kommt er eben nie dazu, sich selbst eine zu machen.


Lange Wartezeit. Wer sich bei dem sympathischen Altausseer eine Lederhose anpassen lässt, wartet zumindest ein Jahr, bevor er sie anziehen kann. „A g'scheite Lederhosen braucht halt a Zeit.“ Die wird schließlich nicht, wie die Billigkonkurrenz, mit Ziegenleder in Pakistan gefertigt. Um die 30 Hosen stellt Raich pro Jahr her. Und bei der Warteliste gibt es keine Bevorzugungen, weil Mensch ist Mensch, und die Großkopferten aus Wien kennt man hier ohnehin nicht.

Es gibt eine schöne Geschichte dazu: Hannes Androsch (der vier Lederhosen besitzt) kam einst mit dem damaligen Casinos-Austria-Chef Leo Wallner zu Raichs Großvater zum Maßnehmen. Ein paar Monate später kam Wallner wieder vorbei um nachzufragen, ob die Lederhose schon fertig sei. „Sie erinnern sich vielleicht noch an mich“, hob der Casino-Chef an. „Sicher“, kam die Antwort, „Sie san der Chauffeur vom Androsch.“

Zahlen

65.000 Lederhosen hat der Diskonter „Zillertaler Trachtenwelt“ bis Ende August bereits verkauft.

49.99 Euro kostet ein Dirndl bei einem großen Lebensmitteldiskonter.

1000 bis 2000 Euro kostet eine maßgeschneiderte Lederhose bei Christian Raich in Bad Aussee.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)

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