Tokio: Kreativer Paarlauf

Was bewegt Modemacher bei ihrer Arbeit, was wollen Designer mit ihren Kollektionen ausdrücken? Eine Veranstaltung in Tokio mit Wurzeln in Wien suchte nach Antworten.

Straßentauglich. Zwei Besucher der Ausstellung ließen sich in österreichischer Mode fotografieren.
Straßentauglich. Zwei Besucher der Ausstellung ließen sich in österreichischer Mode fotografieren.
Straßentauglich. Zwei Besucher der Ausstellung ließen sich in österreichischer Mode fotografieren. – (c) Mario Kiesenhofer

Leuchtreklamen, Wolkenkratzer und riesige Menschenmassen auf den Straßen – diese Bilder von der berühmtesten Straßenkreuzung in Tokios Stadtteil Shibuya sind jedem bekannt. Umso überraschter ist der Besucher einer, wie es heißt, momentan sehr angesagten Location während der wichtigsten Modewoche in Japan, wenn es dort weder Menschenmassen noch Hochhäuser zu sehen gibt. In einer der vielen schmalen Gassen abseits der Hauptverkehrsadern Tokios ist das Light-Box-Studio in einem kleinen, unscheinbaren Haus untergebracht. Ein Blick durch die großen Glasfenster lässt erahnen, dass hier in wenigen Minuten eine Ausstellung eröffnet wird. Eine Dreiergruppe sammelt gerade noch die letzten Zigarettenstummel von der Straße auf, die Gäste können also nicht mehr weit sein. Diese beflissene Dreiergruppe, das sind die Designerin Vivien Sakura-Brandl, Andreas Spiegl, Lehrender am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaften der Akademie der bildenden Künste Wien, und Fotograf Mario Kiesenhofer.

Anprobiert. Tomo Yamaguchi, Architekturstudentin, probiert einen Mantel von Meshit. – (c) Mario Kiesenhofer

Mozart und Mode. Die drei haben ein Projekt initiiert, das es Modedesignern aus Österreich ermöglichen soll, ihre Kollektionen während der Tokyo Fashion Week einem möglichst breiten Publikum zu präsentieren. Unter dem Titel „Ad’Dressing – Fashion & Architecture“ hat das Trio in den Räumlichkeiten des Light-Box-Studios zusammen mit dem japanischen Architekten Ryo Abe eine Mischung aus Ausstellung und Showroom entstehen lassen. Vier Tage lang konnten Journalisten, Einkäufer und andere Interessierte die jungen Labels aus Österreich inspizieren und an Diskussionsrunden zum Thema „Dialogues in Fashion and Architecture“ teilnehmen.

In Japan wird die klassische Musik mit keinem anderen Land der Welt so sehr assoziiert wie mit Österreich. Japan ist zugleich der Hauptabsatzmarkt für österreichisches Modedesign. Die gegenseitige Wertschätzung ist also da: Mit ein Grund dafür, dass Sakura-Brandl, Spiegel und Kiesenhofer sich diesmal nach Tokio begeben haben. Vor ein paar Jahren realisierten die drei bereits ein ähnliches Projekt namens Fashion and Art in Linz, Graz und München.
„Wir versuchen damit, jungen Designern eine Plattform außerhalb von Modemessen zu bieten“, sagt die Designerin, die auch in ihrem Shop in Wien viele kleine Marken vertreibt. „Markt und Medien schließen viele gute Labels aus“, bedauert Andreas Spiegl, „in den meisten Medien herrscht oft Ignoranz gegenüber den Inhalten der Kollektionen der Designer.“ Mit Projekten wie Ad’Dressing soll nun ein Diskurs über die Themen der Mode ermöglicht werden. Idealerweise sollen auch die Intentionen der Designer selbst sichtbar gemacht werden. Daher hat Mario Kiesenhofer, der als Art Director des Projekts fungiert, auch einen kurzen Film produziert, in dem die Designer der teilnehmenden Marken zu Wort kommen und der im Ausstellungsraum gezeigt wurde.

In diesem Film sprechen die Designer über ihre Arbeitsweise, Inspirationsfindung und was sie bewegt, Kleidung zu machen. Bei Moto Djali, das erst 2014 gegründet wurde, DMMJK, Bradaric Ohmae, Meshit, GON sowie der Marke Sight Line von Vivien Sakura-Brandl selbst handelt es sich um relativ neue Unternehmen. Etwas länger gibt es bereits Werkprunk, Natures of Conflict und House of the Very Island’s, als alten Hasen im Geschäft kann man nur Eva Blut bezeichnen, die seit 1999 Accessoires und Taschen für Männer und Frauen entwirft. Als einzige Vertreterin der Kreativen kam Lena Krampf von Meshit zur Eröffnungsparty. Zwischen aufgestellten Holzbrettern schlüpften da gut gekleidete Menschen hindurch, in den Händen hielten sie Fotoapparate und Weingläser. Das Raumkonzept beeindruckte: Architekt Ryo Abe hatte zusammen mit Studierenden der Universität der Künste in Tokio die Gestaltung erarbeitet. Aus unbehandelten Holzbrettern waren kreisförmige Innenräume entstanden, in deren Zwischenräume die Stücke der österreichischen Designer von quer eingesetzten Holzstangen baumelten.

Eingenäht. An die Nähte eines Saumes soll das Raumkonzept von Ryo Abe erinnern. – (c) Mario Kiesenhofer


Theorie und Praxis. Freitagnachmittag fand dann der erste Talk statt. Zum Gespräch mit den Kuratoren Sakura-Brandl und Spiegl zum Thema „Dialogues in Fashion“ versammelten sich Akiko Shinoda, Direktorin für internationale Beziehungen der Tokyo Fashion Week, Designerin Edwina Hörl und Spontanteilnehmer Hiroyuki Horihata vom Modelabel Matohu. Gesprochen wurde über die finanziellen Schwierigkeit von Nachwuchsdesignern und über den immer wieder gern diskutierten Wandel in der Modeindustrie. Dieser sei, so Andreas Spiegl, auf die Veränderung unserer ganzen Gesellschaft zurückzuführen. Außerdem gebe es eine Spannung zwischen Mobilität, Migration und der Konservierung der eigenen Kultur. „Die Wertschätzung von unbegrenzter Mobilität mit gleichzeitiger Ablehnung fremder Kulturen ist paradox, aber in Japan und Europa gleichermaßen spürbar“, meinte der Kurator, „die Designer in Österreich reagieren darauf auf positive Weise, Divergenz und Differenz tragen in ihren Entwürfen zur Qualität des Designs bei.“ Der Dialog müsse daher nicht nur über Mode stattfinden, sondern eben auch innerhalb der Mode.

Und in der Tat spielt der Dialog für den kreativen Prozess eine bedeutende Rolle. Viele österreichische Labels entwerfen als Zweierteam, so auch Tanja Bradaric und Taro Ohmae. Die Kroatin und der Japaner arbeiteten schon während ihrer Studienzeit zusammen. In ihrem aktuellen Handtaschendesign trifft Leder auf Rattan. Austausch von Kulturen spielt auch bei Moto Djali eine Rolle, wo japanische und persische Silhouetten kombiniert werden. Als Ergebnis eines intensiven Dialogs entstehen auch die Designs von Karin Krapfenbauer und Markus Hausleitner, deren Entwürfe meist aus Unterhaltungen und Diskussionen hervorgehen. Doch selbst, wenn Designer so arbeiten, dass ein gedanklicher Unterbau ihre Entwurfsarbeit stützt, wird das nur selten gewürdigt. „Die Buyer auf Modemessen lesen meist nicht die Texte oder hören sich die Aussagen zu den Kollektionen an“, weiß Designerin Edwina Hörl. Die Österreicherin lebt und arbeitet seit 2000 in Tokio, 1990 war sie die Gewinnerin des ersten Austrian Fashion Award.
Darum war es für das Kuratorentrio wichtig, nicht nur einen Showroom für die österreichischen Designer zu organisieren, sondern auch einen Diskurs über Mode zu initiieren: „Wir wollten wissen: Welche Fragen kann man sich abseits vom Markt stellen? Aber natürlich geht es auch um Geld und am Ende des Monats muss jeder Designer seine Miete zahlen können“, so Vivien Sakura-Brandl.

(c) Mario Kiesenhofer

Mission: verkaufen. Das Dilemma der Rezeption von Mode konnte zwar auch in Tokio nicht gelöst werden, dafür war aber die Medienpräsenz unerwartet hoch. Rund 40 Journalisten waren zur Pressekonferenz erschienen. Vom nationalen Rundfunk bis hin zu Fachzeitschriften und Blogs. Auch Spezialisten der Stoff- und Textilbranche sowie Vertreter der Architekturabteilungen der Universitäten ließen sich blicken. Auf der Straße vor dem Studio tummelten sich Fotografen, die extravagant gekleidete Besucher ablichten wollten. Bekannte Einkäufer aus London und Tokio posierten lässig mit Blogger-Mädchen. „Dass so viele gekommen sind, hat uns selbst überrascht und unsere Erwartungen weit übertroffen“, resümiert das Kuratorenteam. „In Tokio haben kleine Shops einen viel höheren Stellenwert“, betont Vivien Sakura-Brandl, „außerdem ist die Fashion Community in Tokio kleiner als man denkt, so ein Event spricht sich schnell herum.“ Auch über den Verlauf der anberaumten Talks über Mode am Freitag und Architektur am Samstag freute man sich. Diese lagen vor allem Andreas Spiegl am Herzen. „Scheinbar besteht Bedarf an beidem“, sagt dieser abschließend, „nach Design aus Österreich und nach einer Diskussion über Mode jenseits ihrer bloßen Vermarktbarkeit.“

Die Reisekosten der Autorin wurden von den Veranstaltern getragen.

Tipp

Modedesigner im Gespräch. Den Film von Mario Kiesenhofer mit allen Interviews gibt es zu sehen unter vimeo.com/122820077

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