Design: Ein Teil des Ganzen

Wie dient Design dem Menschen im 21. Jahrhundert? Junge Gestalter brauchen einen Sinn in ihrer Arbeit – und orientierten sich dafür an einem 50 Jahre alten Konzept.

(c) Kollektiv Fischka/Nimführ

In kaum einem Gespräch mit jungen Designschaffenden bleibt er heute unerwähnt: Victor Papanek. Jener gebürtige Wiener Designer und Designphilosoph, der in den 1970er-Jahren die Designwelt mit seinem Buch „Design for the Real World“ aufrührte. Kultur- und konsumkritisch argumentierte er für ein soziales, ökologisches Design für die Menschheit. Design als innovatives, kreatives, interdisziplinäres Instrument, „das den wahren Bedürfnissen der Menschen gerecht wird“. Nicht Schönheit sei das Maß der Dinge, sondern ökologische Wirkung, und zwar gedacht als Ökologie im Sinne der Lehre von der Beziehung der Lebewesen zu ihrer Umwelt. Papaneks Worte und Ideen sind heute für junge Designschaffende – fast 50 Jahre nach Ersterscheinung seines Werkes – wahrer, aktueller und gültiger denn je.

Social Design. Ebru Kurbak (unten) initiierte 2015 das Projekt „Infrequently Asked Questions“ in Wien-Favoriten.
Social Design. Ebru Kurbak (unten) initiierte 2015 das Projekt „Infrequently Asked Questions“ in Wien-Favoriten.
Social Design. Ebru Kurbak (unten) initiierte 2015 das Projekt „Infrequently Asked Questions“ in Wien-Favoriten. – Kollektiv Fischka/Gregor Buchhaus

Nach dem Konsum. „Design ist ein vielseitiger Teil des Ganzen. Früher dachte man bei Design an klassisches Produktdesign, an die Gestaltung schöner Konsumgüter. Aber es geht um viel mehr“, sagt Designerin Anna Maislinger. Seit zwei Jahren betreibt sie mit Michael Schwab das Designstudio In Pretty Good Shape.
Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Naturkatastrophen, kulturelle Umbrüche – diese Themen sind es, die junge Designschaffende beschäftigen. „Design darf nicht Konsum bedeuten“, sagt Maislinger. „Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, und da ist Nachhaltigkeit unumgänglich. Das gilt aber nicht nur für das Design – ganz allgemein müssen wir unseren Lebensstil überdenken.“ Die Herausforderungen sind mannigfaltig: Bis 2050 soll laut aktuellen Berechnungen die Erdbevölkerung auf rund neun Milliarden Menschen anwachsen. In Österreich allein rechnet man bis dahin mit rund zehn Millionen Einwohnern. Die steigenden Temperaturen verstärken den bereits stattfindenden Klimawandel – bis Ende des Jahrhunderts wird es weltweit zwischen zwei und 4,5 Grad Celsius wärmer sein, in den Alpen könnten es sogar fünf Grad Celsius werden. Naturkatastrophen und Konflikte lösen Völkerwanderungen aus, gefolgt von massiven kulturellen Umbrüchen.

Moralischer Anspruch. Michael Schwab und Anna Maislinger.
Moralischer Anspruch. Michael Schwab und Anna Maislinger.
Moralischer Anspruch. Michael Schwab und Anna Maislinger. – (c) Christian Maislinger

Zukunftsorientiert. „Wir haben die Kreativität zur Pro­blemlösung nicht gepachtet, aber Designer sind geschult, anders zu denken. Sie können Probleme erkennen und versuchen diese kreativ zu lösen. Dabei sind sie immer kritisch, arbeiten interdisziplinär und abseits der Konventionen“, erklärt Maislinger ihren Anspruch an ihre Arbeit. Ihr Portfolio bewegt sich zwischen Kommunikations- und Produktdesign und reicht von Logos für Ernährungscoaches bis zu Stühlen im Stecksystem. Der Schritt in die Selbstständigkeit als junge Designerin war auch eine Gewissensentscheidung: „Ich habe hohe moralische Vorstellungen und keinen Arbeitsplatz gefunden, der diesen entspricht. Jetzt kann ich mir die Projekte aussuchen und als Generalistin bei vielem mitarbeiten.“ Maislinger ist neben ihrem Beruf auch Vorstandsmitglied von Design Austria, Interessenvertretung und Know-how-Cluster von mehr als 1300 Designschaffenden in Österreich. Grafik, Medien, Möbel, Textilien gehören zum Schaffensspektrum der Mitglieder. An der Aufmerksamkeit für Bereiche wie Service, Sustainable Information oder Inclusive Design arbeiten sogenannte Expertencluster. „Social Design ist ein Bereich, der sich extrem stark entwickelt hat. Für mich persönlich ist es der Bereich in der Designlandschaft, der dem Design wieder einen Stellenwert gegeben hat, wo Design in der Entwicklung die Nase vorne hat“, sagt Lilli Hollein, Direktorin der Vienna Design Week. Mit dem Format der Stadtarbeit setzt Österreichs größtes Designfestival in Wien alljährlich einen Fokus auf soziales Design. „Dabei denkt man nicht immer in dreidimensionalen Resultaten, sondern es sind Handlungsanweisungen, Prozesse, die man entwickeln muss“, sagt Hollein. Die heutige Zeit sei reif dafür: „Wir haben im Moment viel zu viele Themen, für die nicht nur Lösungen gefragt sind, sondern auch Problemformulierungen. Das Zusammenleben der Gesellschaft zu gestalten, ist eines der großen Themen der Zukunft.“

Stadtarbeit. Lilli Hollein, Direktorin der Vienna Design Week.
Stadtarbeit. Lilli Hollein, Direktorin der Vienna Design Week.
Stadtarbeit. Lilli Hollein, Direktorin der Vienna Design Week. – (c) Katharina Gossow

Umdenken. Ebru Kurbak hat genau das thematisiert. Im Vorjahr präsentierte die Künstlerin und Designerin im Rahmen der Vienna Design Week ihr Projekt Infrequently Asked Questions. Sie stellte Migrantinnen und Migranten die Frage „Was kannst du gut?“ und bat sie, ihr Wissen in Workshops in einem Stand am Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten weiterzugeben. Für ihr Projekt erhielt Kurbak den MehrWert-Designpreis der Erste Bank – heuer präsentierte sie ihr Projekt während der Design Week auch im Wiener Volkskundemuseum. „Das Bestechende an Ebru Kurbaks Beitrag war, dass es manchmal einfach jemanden braucht, der Designprozesse erkennt und diese strukturiert“, sagt Hollein. „Sie hat das mit einem eleganten Twist gelöst – indem sie einfach die Fragestellung geändert hat. Nicht gefragt hat, was kann jemand nicht, sondern, was kann er gut.“

Partizipatorisches, dezentralisiertes, demokratisiertes Design – das sollten schon laut Papanek die Designschaffenden der 1970er-Jahre gut können. „Wir dürfen unseren Planeten nicht länger mit schlecht gestalteten Objekten und Bauten verschandeln“, schrieb er. Und: „Es gibt Berufe, die mehr Schaden anrichten als der des Industriedesigners, aber viele sind es nicht.“
Anna Maislinger sagt heute: „Ich muss das Gefühl haben, bei der Arbeit etwas Sinnvolles zu schaffen.“ Sowohl Nachhaltigkeit im sozialen, ökologischen und ökonomischen Sinne als auch die eigenen Ideale spielen dabei eine große Rolle. Dabei sei gutes Design nicht ausschließlich immateriell. Langfristig gehe es um die Verlagerung vom Konsum zu einem „zufriedenen Leben mit wenigen Dingen“.

 

Tipp

Design Austria. Berufsverband der Grafiker, Illustratoren und Produktdesigner in Österreich. www.designaustria.at

Victor Papanek. „Design for the Real World. Human Ecology and Social Change“, Pantheon Books. Englische Originalausgabe, 1972.

Stadtarbeit. „Stadtarbeit. Ten Years of Design Featuring the City“, Lilli Hollein und Tina Thiel (Hrsg.), Umstaetter Publishing. 2016. www.viennadesignweek.at

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