Haute Couture: Die verlorene Zeit

Leben und Gesellschaft verändern sich rasant. Die Mode lebt ebenfalls vom und für den Wandel. Eine Ausnahme ist die Haute Couture: Sie scheint stillzustehen.

Reinzeichnung. Für ihre Illustrationen fand Blagovesta Bakardjieva Inspirationen unter anderem in den Kollektionen von Dior (Cover), Gaultier, Margiela, Chanel und Valentino.
Reinzeichnung. Für ihre Illustrationen fand Blagovesta Bakardjieva Inspirationen unter anderem in den Kollektionen von Dior (Cover), Gaultier, Margiela, Chanel und Valentino.
Reinzeichnung. Für ihre Illustrationen fand Blagovesta Bakardjieva Inspirationen unter anderem in den Kollektionen von Dior (Cover), Gaultier, Margiela, Chanel und Valentino. – (c) Illustrationen: Blagovesta Bakardjieva

Ein landesweiter „Grand Débat" unter der Ägide von Emmanuel Macron soll den Franzosen dabei helfen, Antworten auf die brennendsten Fragen in ihrem Land zu finden. Auslöser für diesen zukunftsorientierten Prozess sind die Proteste jener „Gilets jaunes", der Gelbwesten, die seit vielen Wochen gegen die Lebensbedingungen benachteiligter Bevölkerungsschichten aufbegehren und auf ihren einschneidenden Kaufkraftverlust hinweisen.

Derlei Sorgen sind naturgemäß in der Welt der Haute Couture, die am anderen Ende der Gesellschaftsskala angesiedelt ist, unbekannt. „Pouvoir d’achat" ist für potenzielle Kundinnen ein Fremdwort, denn hier gilt wohl mehr als sonst wo in der Mode: Wer nach dem Preis fragen muss, kann sich eine Robe um zigtausend oder gar einige Hunderttausend Euro nicht leisten. Das andere freilich, um das es gerade in Frankreich geht, sollte der Haute Couture – einer Spielart der transformationsversessenen Mode immerhin – nicht fremd sein: Veränderung, Erneuerung, Aufbruchswille.

Gerade dies war es nämlich lange, und sollte es weiterhin sein, das der Haute Couture, auch wenn die Klientel winzig klein ist, im größeren System der Mode ihre Berechtigung gibt – das Hervorblitzen innovativer Impulse, das Bewerkstelligen von Dingen, die anderswo schlichtweg nicht möglich sind, aber in abgeschwächter Form später etwa im Prêt-à-porter von Bedeutung sein mögen. Die Handwerkskunst freilich, sie ist es, die in erster Linie den besonderen Charakter dieser luxuriösen Kollektionen ausmacht. Was hier möglich gemacht wird, von den besten Schneiderinnen und Schneidern der Welt, den „petites mains" in den überlebenden Ateliers im Dienste der großen Maisons, ist von atemraubender Detailverliebtheit (eine aktuell auf Netflix verfügbare Dokumentation über die letzten sieben Tage vor einer Haute-Couture-Show von Chanel veranschaulicht dies ganz wunderbar).

Lebende Koralle. Ergänzend sollten jedoch Designer der Haute Couture ihre Relevanz im Modesystem beweisen, indem sie nicht bloß einem tradierten Bild anhaften, sondern sich auf neue Wege begeben. Nirgendwo ist festgeschrieben, dass eine Haute-Couture-Robe unbedingt raumfüllend zu sein hat und zwangsläufig in die Kategorie „Rüschentraum" fallen muss.

Dies scheint sich aber nur bedingt in den Köpfen der Kreativen festgeschrieben zu haben – oder es entspricht auch einfach nicht den Erwartungen der handverlesenen Kundinnen, die häufig im arabischen Raum und Ostasien beheimatet sind. Man muss sich dennoch wundern, wenn etwa Olivier Rousteing seine allererste Haute-Couture-Kollektion für Balmain so anlegt, dass er Frauen als Perlen über den Laufsteg schickt. Ebenfalls tief ins Aquarium geblickt hat wohl Elie Saab: Seine Unterwasserwelten waren etwas weiter von der Meerjungfrauenkiste entfernt, korallenähnliche Looks haben aber auch 2019 (wir erinnern uns: „Living Coral" ist die Farbe des Jahres) etwas Ungeschicktes.

Zu den Liebkindern der Modebranche zählt derzeit Pierpaolo Piccioli als Hausdesigner bei Valentino: Ehrengast Céline Dion zeigte sich von seiner Couture zu Tränen gerührt, allerdings waren auch hier viele sehr kostümierte Silhouetten zu sehen. Auf der Suche nach einer gegenwartsbezogenen Mode-DNA ist weiterhin Bertrand Guyon bei Schiaparelli, der mit der schwierigen Aufgabe der Wiederbelebung einer „Sleeping Beauty" betraut ist.

Fernöstliche Inspirationen (das Musée des Arts Décoratifs zeigt gerade eine große Japonismus-Schau) waren bei zwei bekannten Designern maßgeblich: Giorgio Armani evozierte mit seinen Entwürfen kunstvolle Arbeiten in lackiertem Holz aus der Ära des Art déco. Jean-Paul Gaultier hingegen, der sich mit der Ausrichtung einer „Fashion Freak Show" in den Folies Bergère seit Oktober einen Kindheitstraum erfüllt, schickte eine Art modischer Japanrevue über den Catwalk.

Ein Abwesender. Für viel Gesprächsstoff während der Couturewoche sorgte Karl Lagerfeld – nicht nur mit Mode, sondern auch durch seine Abwesenheit. Er ließ sich bei der Schlussverbeugung nach dem Chanel-Defilee von der Chefin des Kreativstudios, Virginie Viard, vertreten, was Sorge über seinen Gesundheitszustand auslöste. Der Meister fühle sich müde, sei aber wohlauf, versicherte das Maison, und die Qualität seiner Arbeit ließ an Letzterem kaum Zweifel aufkommen. Dennoch rief diese Absenz manchen in der Erinnerung, dass es dereinst ein Chanel ohne Lagerfeld geben werde.

Sollte man sich um Nachfolge bemühen, wäre es gewiss interessant, eine Frau an die Spitze des Traditionshauses zu berufen. Das Maison Dior macht mit Maria Grazia Chiuri derzeit gute Erfahrungen (Motto ihrer Kollektion diesmal: Zirkus und Clownerie), und bei Givenchy überzeugte Claire Waight Keller mit der wohl modernsten unter allen Haute-Couture-Kollektionen. Ein willkommener neuer Ausblick, wenn der „Grand Débat" unter den Couturiers schon ausblieb.

(c) Vittorio Zunino Celotto via Getty images

En Villégiature. Eine komplette Garderobe für die Sommerfrische an der Riviera präsentierte das Maison Chanel mit seiner Haute-Couture-Kollektion. Während es draußen in Paris schneite, wurde im Grand Palais ein sommerliches Setting aufgebaut. Die Leichtigkeit der Modelle bestach, mancherorts waren Anspielungen an Kleidung des 18. Jahrhunderts zu sehen – auch hier elegant und mühelos, keinesfalls historisch überfrachtet. Für Erstaunen sorgte eine Premiere: Erstmals ließ sich Karl Lagerfeld am Ende der Show entschuldigen und trat nicht vor seine Kundinnen und die Presse. Er fühle sich müde, hieß es in einem offiziellen Statement des Hauses. Vertreten wurde er von Virginie ­Viard, die das Kreativstudio von Chanel leitet.

(c) APA/AFP/FRANCOIS GUILLOT

Meme-Couture. Originell und witzig oder ab­geschmackt und Selbstkopie: Die Haute Couture von Viktor & Rolf ist traditionell etwas außerhalb der Konventionen angesiedelt. Diesmal schickte man Mode mit Message über den Laufsteg. Den einen gefiel es, die anderen fanden die Kleider in erster Linie albern. Für Gesprächsstoff sorgten die beiden Niederländer aber allemal. Und das ist oft ja schon genug.

(c) APA/AFP/BERTRAND GUAY

Laufsteg des Lächelns. Durch einen halbtransparenten weißen Vorhang mit zentralem roten Lichtkreis – also eine stilisierte japanische Flagge – betraten Models den Laufsteg bei Jean-Paul Gaultier. Der Designer, der vielleicht die Japonismus-Ausstellung im Musée des Arts Décoratifs besucht hatte, zeigte eine monothematische Kollektion. Arigatō gozaimasu!

(c) Beigestellt

Zukunftsmusik. Zu den jungen Designern, die am Rande der Haute-Couture-Defilees mit eigenständigen Präsentationen Aufmerksamkeit zu erregen versuchen, zählt seit einigen Saisonen Flora Miranda. Die Österreicherin, die in Antwerpen ihre Ausbildung absolvierte und weiterhin in der belgischen Stadt lebt, wurde bereits 2016 mit dem Outstanding Artist Award des BKA und der Austrian Fashion Association geehrt. Sie legt den Schwerpunkt ihrer Arbeit, die an der Grenze zwischen Mode- und Kostümdesign mit großer Affinität zur Hochtechnologie ausgestattet ist, auf das Ausloten neuer Möglichkeiten. Diesmal interessierte sie sich für das Szenario eines maschinenunterstützten – oder gar zur Gänze automatisierten – Modeschaffens. Die Kollektion „Deep Web" wurde in Zusammenarbeit mit der Performancekünstlerin Signe Pierce gezeigt.

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