Advanced Style: „Je mehr Falten, desto besser“

Ältere Menschen und ihren persönlichen Stil porträtieren: Was international immer häufiger geschieht und unter Advanced Style läuft, versucht Catherine Ebser mit ihrem Projekt „Altmodisch" auch in Wien.

(c) Catherine Ebser

„Jugend ist ein alter Hut", erlaubte sich die Modekritikerin der „New York Times", Vanessa Friedman, in einem ihrer Artikel einen pointierten Seitenhieb auf die Begeisterungsfähigkeit der Fashion Industry für die sogenannte „Silver Economy". Damit bezeichnet man ein spezifisches Angebot für ältere Menschen, wie es zunehmend auch von Lifestyle-Marken gemacht und von entsprechenden Imagekampagnen begleitet wid. Anlass für Friedmans Kommentar waren 2015 manche Kampagnen, die ältere Persönlichkeiten (etwa Joan Didion, Helen Mirren, Charlotte Rampling) in den Mittelpunkt stellten, sowie das Auftauchen von Models jenseits der sechzig (etwa Carmen Dell’Orefice, Eveline Hall) bei wichtigen Modeschauen.

Großen Anteil an der Sichtbarmachung von stilbewussten Senioren in diesem Branchenumfeld hatte der Amerikaner Ari Seth Cohen, der mit einem Blog, darauf basierenden Büchern und schließlich auch einer Filmdokumentation mit dem Titel „Advanced Style" als einer der Ersten konsequent über dieses Thema berichtete. Seine Motivation, wie auf „Advanced Style" nachzulesen ist, bestand darin, die Abwesenheit von stilsicheren, gut angezogenen älteren Menschen in einem traditionellen Modeumfeld ausgleichen zu wollen. „Den Sinn für Mode von älteren Leuten" wolle er dokumentieren, schreibt Cohen auf seiner Website.

Projekt „Altmodisch": Mode für Fortgeschrittene

Shooting mit Erinnerung. Dass Unterfangen wie das von Cohen von modeaffinen Mediennutzern gut angenommen werden, zeigt nicht nur der Erfolg dieser Formate, sondern auch die Beliebtheit des von vielen Usern genutzten Hashtags #AdvancedStyle auf Instagram (derzeit etwa 135.000 Beiträge). Ähnlich stellt sich ein in Wien zuletzt viel besprochener Instagram-Account namens „Grannies of Vienna" dar: Hier freilich werden gut, originell oder auffällig angezogene Damen und Herren jedoch von den Betreibern, Kristina Königseder und Clemens Fantur, vorwiegend im Vorübergehen fotografiert. Etwas, das im weitesten Sinn als Street-Style-Dokumentation begriffen werden kann, zeigt in diesem Fall leider so gut wie nie die Vorderseite der Abgelichteten, die wohl zumeist ohne ihr Wissen und „en passant" geknipst werden.

Einen anderen Zugang verfolgt die ebenfalls in Wien beheimatete Fotografin Catherine Ebser mit ihrem Projekt „Altmodisch", das man – selbstverständlich – auch auf Instagram findet. Ebser arbeitete jahrelang als Grafikerin und Producerin im klassischen Medienbereich, ehe sie ihrem Wunsch nachgab, selbst als Kreative tätig zu werden. Dass sie sich dem Stilbewusstsein von Senioren widmete, ergab sich auf Vermittlung ihrer Mutter, die in einem Altersheim in Gmunden arbeitet. „Wenn ich in so ein Heim gehe, habe ich die Modelkartei quasi offen vor mir", sagt Ebser und freut sich, seit 2016 allein in Gmunden an die 70 Heimbewohner fotografiert zu haben. „Meist sind es allerdings Damen", präzisiert sie, „die Herren zeigen sich etwas weniger gern vor der Kamera."

Profi-Styling. Wenn Catherine Ebser sich in eine Seniorenresidenz begibt, dann sind alle eingeweiht und vorbereitet: Fotografiert wird nur, wer fotografiert werden will. Was sie anziehen wollen, entscheiden Ebsers Kunden selbst – entweder sie suchen sich etwas Extravaganteres aus dem mitgebrachten Styling-Fundus aus, oder sie bedienen sich in ihrer persönlichen Garderobe. Ausgefallenere Kleidungsstücke aus der eigenen Vergangenheit stehen Bewohnern einer Residenz aber oft nicht mehr zur Verfügung: Der Platz ist begrenzt, besondere Gelegenheiten machen sich rar, darum wird auch die mitgenommene Kleidung an diese Lebensumstände angepasst.

Wer sich nur für ein auffälliges Accessoire entscheiden möchte, dem kann dies Catherine Ebser ebenfalls zur Verfügung stellen: „Ich bin begeisterte Flohmarkteinkäuferin und habe mittlerweile schon eine wirklich große Auswahl an Hüten, Tüchern und Ähnlichem." Besonders berührend sei es, wenn eine ältere Dame sich etwa für ein Tuch entscheide, das sie an eines ihrer eigenen aus der Vergangenheit erinnere: „Dann kann es schon sein, dass ich Geschichten aus dem Leben dieser Senioren zu hören bekomme, an die sie sich wegen eines Kleidungsstücks erinnern." Was fotografiert wird, fungiert dann sozusagen als Platzhalter. Wie eng persönliche Erinnerungen an bei besonderen Anlässen oder auch nur gern und oft getragene Kleidung geknüpft sind, zeigt sich wohl selten so deutlich wie in Ebsers Arbeit. Gern erzählt sie auch von einer Dame, die zeitlebens gern Trachtenkleider trug, im Altersheim aber kein Dirndl mehr besitzt. Als sie für ein Shooting einen Trachtenrock, Schürze und ein Bluserl anziehen konnte, war sie mit einem Mal bestens gelaunt.

Neues Selbstbild. Eine Alters(unter)grenze, ab wann jemand für sie als Motiv infrage kommt, kann Catherine Ebser nicht definieren, es gelte aber das Motto: „Je mehr Falten, desto besser." Wenn sie ein neues Gegenüber vor sich hat, ist es – wie zumeist in der Porträtfotografie – zunächst wichtig, möglichst rasch ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und, wo vorhanden, dem anderen die Scheu vor der Kamera zu nehmen. Häufig gehe es außerdem darum, Vorbehalte wie „Wieso brauche ich noch ein Foto von mir in schöner Montur?" auszuräumen. Ein gutes Beispiel sei ihre Großmutter, meint Catherine Ebser, mit der sie gern neue Konzepte erarbeite und die entsprechend oft in ihren Bilderserien zu sehen ist. „Sie hat auf einem Bauernhof gelebt und sagte einmal zu mir, dass sie sich nie als fesche Frau empfunden habe. Als sie aber die Bilder gesehen hat, die ich von ihr mache, hat sie ihre Meinung von sich geändert und ist ganz zufrieden damit, wie sie aussehen kann", erzählt die Fotografin. Die von ihr Porträtierten seien oft selbst „überrascht, was in ihnen steckt", fährt sie fort und beschreibt nicht ohne Stolz die Langzeitwirkung ihres Projekts in jenem Gmundner Heim, wo es seinen Ausgang fand: Die dort ausgestellten, bereits realisierten Porträts entpuppten sich später als Anreiz für andere Bewohner, sich ebenfalls fotografieren zu lassen. Und manche derjenigen, die sich bereits in Szene setzen hatten lassen, empfanden die Bilder als Ansporn, sich auch weiterhin von einer besonders guten Seite zu zeigen, wie Ebser erzählt.

Über die zahlreichen Begegnungen mit Seniorinnen und Senioren und all jenen, die sich von ihr ohne große Erwartungen bislang „stylen" ließen, zeigt sich Catherine Ebser sehr erfreut. Schöne Momente brachte etwa ein vom Wiener Fonds für Soziales Wohnen initiiertes Projekt mit dem Titel „Träume leben" mit sich: Hier konnten sich Menschen in einer Arbeitsmontur zeigen, die ihrem – ausgeübten oder erhofften – Traumberuf entsprachen. Berufstänzerin Maria, die tatsächlich ihrer Lieblingsprofession nachging, zeigte sich etwa im Ballettkostüm und war durch und durch zufrieden. „Man muss immer den richtigen Moment erwischen", meint Ebser und wird nur beim Gedanken an den einen traurig, den sie nicht rechtzeitig überreden konnte, vor ihre Kamera zu treten. Im vergangenen Jahr verstarb nämlich ihr Vater, der seine Tochter von Mal zu Mal vertröstet hatte: Dass sie von ihm kein „Altmodisch"-Porträt machen konnte, tue ihr unendlich leid, sagt Catherine Ebser – diesmal spricht freilich die Tochter, nicht die Fotografin.

Tipp

Altmodisch. Auf ihrer Homepage Altmodisch.at informiert Catherine Ebser über anstehende Shootingtermine und Ausstellungen. Auch ein Buch ist in Arbeit.

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