Hermès und Margiela: Der Mythos des unsichtbaren Meisters

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Vielleicht hat Martin Margiela genau das geschafft, was er stest erreichen wollte: dass der Fokus ganz auf seiner Arbeit, auf seinen Schöpfungen liegt, nicht auf ihm als Designer, als Person. Seine Denkschule ist im Moment auf den Laufstegen hochpräsent, kein anderer Designer wird so stark zitiert wie er; es scheint, als ob Margiela mit seiner radikalen Dekonstruktion der Mode und all ihrer althergebrachten Standards eine ganze Generation geprägt hat.

Margiela trennte sich 2009 von seiner Maison Martin Margiela (die seit 2014 von John Galliano kreativ angeführt wird - wohl als Person das absolute Gegenstück zu Margiela, der keine Einzelinterviews gab und stets das Designteam als großes, ganzes "Wir" sprechen ließ) - und widmet sich seither offenbar der Malerei. Für das Modemuseum in Antwerpen, jener Stadt, in der auch seine eigene Karriere begann, entwickelte Margiela eine Ausstellung seiner Arbeiten mit: "Margiela. The Hermès Years" stellt Kreationen des Meisters für das Modehaus Hermès von 1997 bis 2003 und für seine eigene Maison gegenüber.

(Bild: Maison Martin Margiela, Frühling/Sommer 1996)

Marina Faust
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Margiela wurde 1997 zum Kreativdirektor des Traditionshauses Hermès gemacht: Er forderte von Jean-Louis Dumas, dem Hermès-CEO, die Carte blanche - und erhielt sie. Der Designer entschied sich gegen die Hermès-Carrés, gegen bedruckte Seidentücher und für eine schlichte Farbpalette, innovative Schnitte, Materialien: Im Fokus der zeitlosen zwölf Kollektionen, die Margiela für das Haus entwarf, stand der Komfort für die Trägerin und die Langlebigkeit der Kleidungsstücke.

Erfolgreiche Teile wurden zudem von Kollektion zu Kollektion wiederholt - in neuen Materialien etwa. Die Kollektionen verschmolzen so miteinander, wurden zu einer breiteren Vision - Margiela betrieb "slow fashion", bevor sie überhaupt ein Begriff war.

(Bild: Hermès, Herbst/Winter 2002-2003; Überrock aus Seiden-Ottoman aus "Les Gestuelles")

Marina Faust
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Komfort war unterdessen nicht das Schlagwort für die Trägerin der Kreationen der Maison Martin Margiela: In den Augen der Maison liebt sie das Aufregende, das Experimentielle der konzeptuellen Kollektionen der Maison Martin Margiela. Kleidung als Statement, kontroversiell und unerwartet. Künstlerischer Ausdruck, Originalität und Mut vor Komfort.

(Maison Martin Margiela, Herbst/Winter 1991-1992)

Marina Faust
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Diese Bilder hatten aber eines gemein: Margiela-Trägerinnen, ob nun bei Hermès oder bei der Maison, waren Frauen mit Charakter, zumindest in der Diktion des Meisters. Diese Vision schlug sich auch im Casting nieder - Margiela fand jüngere Models für Hermès unangebracht und wählte Frauen mit unterschiedlichem Alter zwischen 25 und 65 für Kampagnen aus. Natürlichkeit und Selbstsicherheit waren ausschlaggebende Charakteristika - höchst ungewöhnlich in der Modewelt.

Für die Maison suchte Margiela in seinem Freundeskreis nach möglichen Models - oder in Straßencastings.

(Bild: Hermès, Frühling/Sommer 1999; Cardigan aus Crêpe, kragenloses Oxfordshirt, Crêpe-Hosen, Ledergürtel "Étrivière")

Serge Guerand
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Die Schau im Modemuseum Antwerpen bringt vor allem die Synergien zwischen Margielas Arbeit für die Maison und für Hermès zum Vorschein: Ein Beispiel dafür ist die "Vareuse" (rechts im Bild). Das Kleidungsstück mit tiefem V-Ausschnitt war von klassischen Seemannsuniformen inspiriert und sollte wandelbar sein - eines der wichtigsten Basics in Margielas Hermès-Kollektionen - und wurde tatsächlich als Shirt, Jacke, Sweater oder Tunika getragen. Ein Vorläufer der "Vareuse" war bereits davor bei Maison Martin Margiela zu sehen (links im Bild).

(Bild links: Maison Martin Margiela Herbst/Winter 1996-1997. Bild rechts: Hermès, Herbst/Winter 1998-1999)

Anders Erdström, Studio des Fleurs
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Genauso, wie sich Margiela selbst aus dem Rampenlicht nahm - nämlich vollständig, und das schon seit dem raschen Erfolg seiner Maison seit ihrer Gründung 1988 -, um den Fokus der starfixierten Modemaschinerie der 1990er-Jahr auf seine Arbeit zu lenken, zog er die Anonymität weiter auf die Models, um den Blick auf der Kleidung zu halten: Die Gesichter der Models wurden häufig und durch verschiedene Mittel vollständig anonymisiert (rechts im Bild). (Ein Statement gegen die Logo-Verliebtheit der 1990er-Jahre war auch Margielas leeres, weißes Baumwolletikett.)

Im Bild: Shirtinterpretationen Margielas für Hermès (links im Bild) und seine Maison - mit der Schulter als natürliche Linie der Silhouette bei Hermès; die Schulter bei den Stücken der Maison wandelte sich im Laufe der Kollektionen, war aber immer Akzent der Stücke.

(Bild links: Hermès, Frühling/Sommer 1999. Bild rechts: Maison Martin Margiela, Frühling/Sommer 2009)

Studio des Fleurs, Giovanni Giannoni
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Wie gut Martin Margiela sein Handwerk beherrschte, wird ersichtlich, wenn man die dekonstruktivistischen Teile der Maison mit den klassischen Arbeiten für Hermès vergleicht: Beides hatte eine Air des Wissens um das Material, um die Wertschätzung für die Trägerin, beides war authentisch.

Bei Hermès lernte Margiela einiges mehr über Materialien: So entwickelte er in seiner Zeit dort nahtlose Pullover und experimentierte mit Kaschmir. Die Strick-Teile der Maison waren hingegen mit Nähten versehen, sie wurden deformiert, übergroß gemacht oder einer künstlichen Alterung unterzogen.

(Bild links: Maison Martin Margiela, Herbst/Winter 1994-1995. Bild rechts: Hermès, Herbst/Winter 1999-2000; Cardigan mit Schalkragen und ärmelloser Tunika-Pullover in Kaschmir)

Marina Faust, Joanna Van Mulder)
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Die umfassende Ausstellung mit Margielas Hermès-Kreationen und Arbeiten für seine Maison ist bis zum 27. August im Modemuseum in Antwerpen zu sehen. Dazu erschien auch ein Buch (ca. 45 Euro, 256 S.). Martin Margiela selbst arbeitete an der Ausstellung mit; von ihm stammen auch die neuen Filme, die während der Ausstellung gezeigt werden: Frühere Models von Margiela zeigen ältere Arbeiten des Meisters.)

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