Marina Spadafora und Green Fashion: „Die geborene Idealistin“

Wie die Mode zu einer gerechteren Welt beitragen kann, weiß Marina Spadafora. Sie wollte schon als Kind die Welt verbessern.

Marina Spadafora sucht Partner in vielen Ländern. Hier: Sapa, Vietnam.
Marina Spadafora sucht Partner in vielen Ländern. Hier: Sapa, Vietnam.
Marina Spadafora sucht Partner in vielen Ländern. Hier: Sapa, Vietnam. – Beigestellt

Die Verabredung zum Mittagessen führt in die Cooperativa La Liberazione: ein Lokal, gelegen in einem ehemaligen Mailänder Arbeiterviertel, das von einer Genossenschaft geführt wird. Der Name Liberazione, Befreiung, passt perfekt zu Marina Spadafora, genauso wie die unkonventionelle Innenausstattung und die hier aufgetischte Hausmannskost. Denn auch sie, eine zierliche Frau mittleren Alters, ist eine absolut unkonventionelle Erscheinung. In der Modebranche Italiens ist sie schon ein Leben lang bekannt. Das nicht mehr existierende Label, das ihren Namen trug, galt als Inbegriff von exklusiven Wollprodukten. Heute betreut sie Marnis Strickkollektion.

Bekannt ist sie aber nicht nur deswegen in der Branche, und auch nicht deshalb, weil sie einst Sean Ferrers Frau und demzufolge die Schwiegertochter von Audrey Hepburn war. Dass man sie an den Ufern des Niger genauso kennt wie in Boliviens Bergdörfern, hat in erster Linie mit ihrem sozialen Engagement zu tun. Spadafora gehört zu den bekanntesten Vertretern der WFTO (World Fair Trade Organisation) und engagiert sich für fairen Handel, der für Chancengleichheit, gerechte Löhne, würdige Arbeitsbedingungen und Umweltbewusstsein steht und Kinderarbeit strikt ablehnt. 2015 wurde Spadafora von der UNO mit dem "Women Together"-Preis ausgezeichnet, und erst voriges Jahr erhielt sie gemeinsam mit der liberianischen Friedensnobelpreisträgerin Leymah Gbowee den italienischen "Semplice Donna"-Preis.

Spadafora ist Sprecherin für das
Spadafora ist Sprecherin für das
Spadafora ist Sprecherin für das "Fashion Revolution"-Projekt in Italien. – Beigestellt

Idealistin und Globetrotterin. "Schon als Kind wollte ich die Welt verbessern", sagt sie mit einem Schmunzeln. Na ja, die Welt ganz zu richten ist ihr noch nicht gelungen, aber immerhin, einen wichtigen Beitrag in diesem Sinne zu leisten. Und da sie sozusagen in die Modewelt hineingeboren wurde und im Lauf ihrer Karriere für namhafte Labels wie Ferragamo und Prada gearbeitet hat, lag es auf der Hand, diesen Vorsatz aus ihrer Kindheit in der Mode in die Tat umzusetzen. Als glückliche Fügung erwies sich 2005 die Bekanntschaft mit Mauro Pavesi, einem jungen Unternehmer, der damals in Dänemark lebte. "Er wollte an einem Ausschreiben des Internationalen Investitionsfonds IFU teilnehmen", erzählt sie. "Dieser Fonds vergibt Fördergelder für soziale Projekte in Afrika, Südamerika, Asien. Pavesi hatte schon ein Projekt in der Schublade: eine Kollektion aus rein organischen Materialien, zur Gänze in Afrika hergestellt. Nur, er selbst war Marketing Manager, brauchte also jemanden, der ihm die Kollektion entwarf. Und da kam ich ins Spiel." Als Pavesis Projekt angenommen wurde, konnte die Reise durch Afrika beginnen.

"Kein leichtes Unterfangen, aber ein unbeschreiblich schönes Erlebnis", erinnert sich Marina Spadafora. "Jeder Tag bescherte eine neue Entdeckung. In Ägypten stieß ich auf Sekem, eine Oase westlich von Kairo gelegen, in der 1977 ein Entwicklungsprojekt für biologisch-dynamische Landwirtschaft Fuß gefasst hatte. Von dort haben wir damals die Stoffe bezogen, in Äthiopien und Kenia wiederum mehrere kleine Unternehmen gefunden, die die Kleidungsstücke hergestellt haben. So ist die Kollektion ,Banuq entstanden, die wir 2007 in Rom im Rahmen der Ethical Fashion Week vorgestellt haben." Diesem ersten Projekt folgten viele andere: Spadafora reiste durch die Welt auf der Suche nach Naturfasern, Stoffen und Kleinunternehmen, die dem ethischen Kodex des Fair Trade entsprachen.

Wieder in Äthiopien suchte sie die Genossenschaft Sabahr auf, die einzig aus Pflanzen gewonnene Farben herstellt. In Kenia lernte sie die Crochet Sisters kennen, Ordensschwestern, in deren Häkelarbeiten sie sich sofort verliebte und die sie für eine Fair-Trade-Kollektion für Moschino engagierte. Für Pinko ließ sie sie indessen eine Taschenkollektion anfertigen. Für die Muster fand sie Inspiration in den Körperbemalungen zweier Stämme aus dem äthiopischen Omar-Tal. Ihr Herz hat sie jedoch in Nepal verloren. Und zwar gleich zweimal: Die Menschen dort haben es ihr besonders angetan, und dort hat sie auch ihren zweiten Mann, den Regisseur Jordan Stone, der sie oft mit seiner Videokamera begleitet, geheiratet.

Bis vor Kurzem war Spadafora zudem Chefdesignerin von Altro Mercato, Italiens wichtigstem Fair-Trade-Unternehmen. Für dieses betreute sie das Modelabel Auteurs du Monde. Und bis heute vertritt sie in Italien die Bewegung Fashion Revolution. Gegründet wurde diese 2013 in London nach dem Einsturz einer Stofffabrik in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, bei dem über 1000 Menschen ums Leben kamen.

Für Strickmode fand  Spadafora Expertinnen in Ecuador.
Für Strickmode fand  Spadafora Expertinnen in Ecuador.
Für Strickmode fand Spadafora Expertinnen in Ecuador. – Beigestellt
Veränderungswille. Unter all ihren Entdeckungen im Lauf der Jahre gibt es zwei, die ihr besonders viel bedeuten. Zum einen die Bekanntschaft mit dem aus Venedig stammenden Pater Paolo, der seit 40 Jahren im Bergdorf Salina in Ecuador lebt. "Er hat eine Genossenschaft gegründet, die einen Teil des erwirtschafteten Geldes in Schulen, Kleinunternehmen und soziale Einrichtungen investiert. Genau das verstehe ich unter sozialer Wirtschaft: Der Unternehmer verpflichtet sich gegenüber der Gesellschaft", erklärt Spadafora.

Die zweite prägende Erfahrung machte sie in Italien selbst. Denn das Label Cangiari, für das sie mehrere Jahre über als Kreativdirektorin wirkte, hat seinen Sitz in Kalabrien. Der Name kommt aus dem Dialekt, "cangiari" bedeutet "verändern". Und etwas zu verändern, das heißt hier zu beweisen, dass es auch in der Locride, einer von der Ndrangheta, der kalabrischen Mafia geplagten Gegend möglich sein kann, regelkonform zu arbeiten. Eine Gruppe lokaler Sozialverbände machte sich an die Arbeit. Und zwar an eine, die hier eine lange Tradition hatte und fast schon in Vergessenheit geraten war: die Handweberei. "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg", lautet das beherzte Schlusswort von Marina Spadafora.

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