Toyota GT86: Quer aus dem Kreisverkehr

Heckantrieb, wenig Gewicht, leistbar: Die Playstation-Verkäufe werden unter dem GT86 leiden. In Japan und den USA sorgt das Auto für einen Hype.

Toyota GT86 Quer Kreisverkehr
Toyota GT86 Quer Kreisverkehr
Toyota GT86 – (c) GFWILLIAMS

Aufstehen, duschen, elektrische Zahnbürste, Espresso aus der Maschine, Wohnung absperren und mit einem dicken "Oomph" schließt die Autotür. Silenzio. Die Mobilität der Gegenwart ist annähernd vibrationsfrei in immer dickere Watte eingebettet, wir mit ihr. Der letzte Thrill in diesen Fahrzeugen ist überhöhte Geschwindigkeit, jederzeit zu besichtigen auf heimischen Autobahnen. Auf dem notwendigen Weg zu Sicherheit und Effizienz ist systematisch das natürliche Entertainment verloren gegangen. Genau hier setzt Toyota mit dem GT86 an. Ausgerechnet Toyota.

Kein Turbo, Hinterradantrieb und normale Bereifung. Diese drei Vorgaben hatten Ingenieure von Toyota und Subaru, die das Fahrzeug gemeinsam entwickelt haben (es wird auch unter beiden Labels verkauft). Obendrein Alltagstauglichkeit und -komfort soweit möglich, niedriger Schwerpunkt und geringes Gewicht. Entsprechend flache Gerätschaft ist herausgekommen. Aber so wenig wie die Bilder die eigentliche Kompaktheit vermitteln, lässt sich vom Datenblatt ablesen, wie scharf und gleichzeitig easy das Auto tatsächlich ist. Null auf 100 in 7,6 Sekunden sind am Papier kein spektakulärer Wert. Reine Geschwindigkeit ist nie der Punkt, sondern die Präzision und Unerschütterlichkeit des Gesamtpaketes in fast jeder Situation, auch in jenen, für die man sich nachher schämen sollte. 

Beim Einsteigen in den 2+2-Sitzer hilft Schlaksigkeit. Vorn wartet ein adäquater Arbeitsplatz, der keine Fragen aufwirft, hinten die übliche Enge und ganz hinten ein Kofferraum, der die Bezeichnung gerade noch verdient. Die Literleistung von 100 PS gehört behutsam aufgewärmt, das ist neben dem hochoktanigen Superbenzin und der relativen Enge die einzige Konzession ans Sportwagenleben. Ab dann zählt nur noch die Tagesverfassung und ob der Beifahrersitz vergeben ist bzw. wo man den GT86 ausführt. Auf weit einsichtigen Bundesstraßen zwischen Donau und Waldviertel zum Beispiel kommt alles zusammen, was man für eine Ausfahrt braucht. Bei 3500 Umdrehungen pro Minute beginnt der ernsthafte Teil, wer den Boxer zwischen 5000 und 7500 Touren hält, ist immer im Sweet Spot der 200 PS und kompensiert das moderate Drehmoment von 205 Nm. Eine rote Warnlampe verhindert Schlimmeres. Die Mischung aus Sound, Vibrationen und Schub gibt all das zurück, was in den letzten Jahren südlich von 70.000 Euro und nördlich von 1,2 Tonnen verloren gegangen ist. Der GT86 fräst sich vom ersten Befehl an in die Straßen und vermittelt permanent das Gefühl, etwas schön Verbotenes zu tun.

Blick auf den Tacho: 100, 120 km/h. Aber es fühlt sich nach viel mehr an. Kreisverkehre verlangen ein gerüttelt Maß Zurückhaltung, um nicht seitwärts wieder herauszukommen. Blick aufs Bankkonto: minus 33.684 Euro. Wenn damit nicht die letzten Reserven aufgebraucht sind, sollte hin und wieder in einen Trackday investiert werden. Es gibt nicht viele Sportwagen, die man im Alltag und auf der Rennstrecke aushält, und deren Perfektion nicht in Fadesse mündet.

In Japan und in den USA ist ein Riesenhype um den GT86 entstanden, in Deutschland war der mediale Empfang mitunter lauwarm. Es muss an der Erwartungshaltung liegen, denn es fehlt der Tritt ins Kreuz, wie ihn Turbos gern verabreichen. Dabei wird selten dazugesagt, wie anstrengend 300 PS und mehr sein können, von den Kosten ganz abgesehen. Völlig anderer Ansatz hier, beim Toyota treffen 200 PS auf nur 1239 kg Leergewicht in der europäischen Ausstattung, mit manuellem Sechs-Gang-Getriebe. Leichtigkeit ist die Basis für so viel, was dieses Auto ausmacht. Erreicht wurde sie nicht durch Weglassen von Komfortfeatures, sondern – um nur ein Beispiel zu nennen – durch ein nur 0,6 Millimeter starkes Blech überm Kopf. Die breite Sicke am Dach ist daher auch der Steifigkeit geschuldet, trägt aber gleichzeitig zum ästhetischen Gesamtbild bei. Japanische Tugend: aus einer Notwendigkeit ein Feature machen, ein klassischer Form-follows-function-Moment. Der Sicherheit tut das keinen Abbruch, bei einem Crashtest des amerikanischen Institute for Highway Safety wurde der baugleiche Subaru BRZ als „Top Safety Pick“ ausgezeichnet, als einziges Sportcoupé unter 30.000 $. 

Zielgruppe? Menschen, die automobile Langeweile mit dem räudigen Charme von sportlichen Youngtimern kompensieren, aber die Reparaturen satt haben. Leute, die Mini nicht wegen des Aussehens fahren. Außerdem Freunde europäischer Coupés vom Schlage eines Scirocco oder Peugeot RCZ – beziehungsweise alle, die stattdessen eigentlich lieber Heckantrieb wollen.

Name: Toyota GT86
Preis: 33.684 Euro
Motor: Vierzylinder-Boxer, 1998 ccm
Leistung: 200 PS bei 7000 U/min
Gewicht: 1290 kg
0–100 km/h: 7,6 Sekunden
Vmax: 226 km/h
Verbrauch: 7,8 l/100 km laut Norm
CO2: 205 g/km laut Norm

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