Marzipan und Motorsägen versus Mieselsucht

Wenn die Wettervorhersagen oder Urlaubsaussichten auf Balkonien zu trüb sind, dann ist es Zeit für kreative Freizeitgestaltung abseits missmutiger Trübsalbläserei oder mainstreamiger Aquarelltechniken.

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Lockenhaus. Das Wetter ist mies, nichts passt, ein Stimmungstief macht sich breit vor dem Weekend – Zeit also, den Schaffensdrang auf dem motorisierten Holzweg künstlerisch auszuleben. Auf Burg Lockenhaus etwa, wo Michael Schlapschy dem deprimierenden Hobellied neue, heitere Noten verleiht. Die imposante Burg dient seit Kurzem als Kulisse für Kreativworkshops ungewöhnlicher Art.

So etwa für den den wohl einzigartigen Motorsägenschnitzkurs mit Adrenalinschubgarantie. Erstens sind diese benzin- bzw. stromgetriebenen Riesensägemesser alles andere als handlich – und zweitens wachsen Bäume leichter nach als Finger. Aber Bildhauer Michael hat alles im Griff, das stämmige Grundmaterial der Skulpturen ebenso wie die flatternden Nerven der Teilnehmer. „Nur mit der Ruhe“, sagt er gelassen. „Wir versuchen es jetzt erst einmal mit dem Grobschnitt.“ Und das wirklich im Plural. Vierhändig – zwei meisterhafte, zwei laienhafte – geht's dem alten Mammutbaum an den Stamm. Dabei werden ordentlich Staub und noch mehr Schweiß aufgewirbelt, aber letztlich siegt die Kettensäge über das hartnäckig unnachgiebige Holztrumm. Nach ein paar weiteren Schnitten wird aus dem Angstschweiß Anstrengungsschweiß. Zwar fällt das Sägen zunehmend leichter, aber das Handwerkszeug konsumiert mehr Muskelkraft als Benzin. Nur gut, dass diese Mordsmaschinen eine zweifache Sicherung haben – und der ehemalige Postenkommandant ein waches Auge. Bald geht's dem Block definitiv an die Rinde. Und nun ist die Feinmotorik gefragt – und eine Flächenschleifscheibe. Wobei den Vorstellungen der sägreichen Eleven nur durch das Material Grenzen gesetzt werden. Ob aus den Holzstücken Ökogartenzwerge, futuristische CD-Regale oder ein Totempfahl entsteht, liegt allein an den schwitzenden Nachwuchsschnitzern.

 

Und alle Finger sind noch dran

Bei dem ebenfalls recht unkonventionellen Kaffeesud- und Schokoladenrestemalereikurs von Stefanie Moro wird der Kreativität zwar auch freien Lauf gelassen, aber es geht dabei weniger „spanend“ zu als bei uns Grobholzschlächtern. Abends stellt sich dann allseits Bewunderung ein: Die Ergebnisse können sich beiderseits sehen lassen. Das Werk ist vollbracht, und alle Finger sind noch dran.

Es fällt schwer, sich Helga Fidler-Himsel als Leiterin einer Tortenwerkstatt vorzustellen, denn die Dame ist rank und schlank und voller Energien. Das Fett haben offenbar nur ihre deliziösen Backwerke abbekommen. Und diese stehen im duftenden Dutzend bereit, um von dekorationswütigen Naschkatzen kunstvoll verziert zu werden. Je nach Lust, Laune und Jahreszeit können sich die Dekolehrlinge dabei an allen Techniken und Motiven versuchen, von köstlichen Kleintieren über Icing bis zur 3-D-Schablonenverziererei. Wer hätte das gedacht, dass ausgerechnet Zwentendorf über eine derart süße Seite verfügt? Da wirkt die Produktion von essbaren Sonnenblumen auf einmal gar nicht mehr fehl am Platz. Also nichts wie ran an das süße Marzipan. Die gar nicht so klebrige Masse wird geknetet, geschnitten, gestochen, bemehlt und bemalt, dass die Finger nur so knirschen. Aber mit ein paar Kunstgriffen kommt letztlich doch ein schmackhaftes blühendes Wunder zustande, auf das man im angeschlossenen Rosencafé gebührend anstoßen kann. Wessen Blümchen aber nicht zum baldigen Verzehr, sondern für die Ewigkeit und die Erben gedacht sind, der greift besser zu Kaffeetassen und Teekessel. Denn auch in der Wiener Augarten Porzellanmanufaktur kann man das Malen von Alt-Wiener-Einzelblumen – aber nicht ausschließlich – erlernen. Eine zartere Pinselführung angesichts der historischen wie zerbrechlichen Bestände im Schloss sowie der exklusiven Weißware ist allerdings von Vorteil. „Manche Leute kommen schon seit Jahren zu uns,“ berichtet Daniel Schiek, „sie bemalen sich im Laufe der Zeit ihr eigenes Service. Stück für Stück.“ Und je nach Geschmack. Die einen malen Blattgold, die anderen Wiener Rosen, die Dritten trendiges Karo. Und alles harmoniert aufs Beste mit dem Wiener Augarten, einem der ältesten Barockgärten der Innenstadt, wo es sich auch kulinarisch köstlich ausruhen lässt.

Schnitzen und naschen

Burg Lockenhaus:
Günser Straße 5, 7442 Lockenhaus, 02616/239 40. www.ritterburg.at

Holzbildhauer Michael Schlapschy:Motorsägenworkshop im August 2012, Tel.: 02611/27 82, 0664/65 79 317.
E-Mail: info@kunst-mich.com,
burg.lockenhaus@wellcom.at, www.kunst-mich.com
7. Internationales Bildhauersymposium Lockenhaus, 17.–22.September 2012 auf dem Hauptplatz von Lockenhaus

Tortenwerkstatt:
Helga Fidler-Himsel
Ing.-August-Kargl-Straße 2,
3435 Zwentendorf a.d. Donau.
www.tortenwerkstatt.at

Wiener Porzellanmanufaktur Augarten: Obere Augartenstraße 1,
1021 Wien, 01/211 242 01.
www.augarten.at/information/malseminare

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)

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