Easy Riding im wilden Montenegristan

Pferdetrekking querbergein erweitert den Horizont auf Breitwandfilmniveau. Ein bewegendes Roadmovie, das für abenteuerliches Kopfkino vor spektakulärer Kulisse sorgt.

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Reiten – (c) Bilderbox

Schon im Vorspann wird klar: Montenegro macht seinem Namen wenig Ehre, weit und breit keine „schwarzen“ Berge in Sicht. Stattdessen überfliegt die Propellermaschine ein landschaftliches Potpourri aus bizarren Felsformationen, gold-grün gesprenkelten Poljen (Hochplateaus im Karst), blickdichten Wäldern, schwindelerregenden Schluchten und türkisblauen Gewässern. Kurz vor der Landung in Podgorica sorgt ein halber Looping über die ausufernden Seerosenteppiche des Skadarsees noch rasch für leicht erhöhte Blutdruckwerte, dann ist der kurze Flug auch schon zu Ende.

Weder Währung noch Zeitzonen, nur hundert Minuten trennen den kleinen Balkanstaat von Resteuropa, und dennoch scheinen Welten zwischen Wien und dem ehemaligen „Schwarzenberg“ zu liegen. Zwar versprühen die adriatischen Sandstrände rund um die alte, ehemals venezianische Hafenstadt Kotor noch überraschend viel mediterranes Flair – doch kaum reist man landeinwärts, was hier in 90 Prozent der Fälle landaufwärts bedeutet, weht Kurve um Kurve ein raueres Lüfterl.

 

Achtundvierzig Zweitausender

Auf folkloristischen Kitsch, Jagdtrophäen oder trachtige Umtriebe trifft man allerdings nie. Was soll's, Reiter schwingen sich ohnehin lieber in den Sattel, um der Wildnis von „Montenegristan“ auf die einsame Spur zu kommen. Wobei es nicht einfach ist, in diesem unwegsamen Land – das je nach Höhenlage und Breitengrad an Arizona, die Mongolei oder eine Mondlandschaft erinnert – den richtigen Weg zu finden. Die Pferde (er)tragen uns und unsere geografischen Irrungen und Wirrungen jedoch mit stoischem Gleichmut. Hart, ausdauernd, anspruchslos, gebirgsgängig und im Unterschied zum Motorrad wenig wartungsintensiv, sorgen sie für „easy riding“ auf streckenweise höchstem Niveau – und das reicht zwischen Durmitormassiv und Sinjavinagebirge auf bis zu 2523 Meter. Schon vor Jahrzehnten wurde der Nationalpark Durmitor, der weniger von Menschen als von 48 Zweitausendern, ausgedehnten Eishöhlen, achtzehn Gletscherseen, scheuen Grauwolfsrudeln und dem zweittiefsten Canyon der Welt, der Tata-Schlucht, bevölkert ist, zum Unesco-Biosphärenreservat erklärt.

 

Immergrün und der Weinstock

„Dobardan, Dobrodosli!“ Die gesamte Familie, die auf der Alm Pošćenski Katun lebt, hat sich versammelt, um diese seltsamen Menschen, die nur zum Vergnügen aufs Pferd steigen, willkommen zu heißen. Mutter Rada schleppt riesige Portionen an herrlich würzigem Schinken, traditionellem Kajmak-Käse, frisch gebackenem Brot und gegrilltem Gemüse an. Vater Saro überwindet alle sprachlichen Grenzen durch seine offenen Arme und ein paar Gläser Šljiva. Die beiden Söhne bestaunen abwechselnd die ausländischen Gäste und die vierhufigen Road- und Mountainrunner.

Wir staunen ebenfalls: Die Pferde haben zwar keine Namen – alle Schimmel hier heißen Zeka, alle Braunen kurioserweise Immergrün und alle Rappen sind nach der autochthonen roten Rebsorte Vranac benannt. Dafür aber haben sie offenbar ein Hochgebirgs-Hochleistungsgen. Ins Schwitzen kommen jedenfalls nur die Reiter.

Immergrün, zwei Zekas und der Weinstock traben unermüdlich bei sengender Sonne oder schneidendem Wind durch blaue Enzianfelder, über karstige Saumpfade, an frei laufenden Rindern und antiken Bogumilengräbern vorbei, queren goldgelbes Steppenland, steinige Geröllwüsten oder urwaldartige Schwarzföhrenwälder und geraten dabei niemals aus der konditionellen Fasson. Wir hingegen, mehr erschöpft vom Schauen als vom Sattelkleben und wahlweise von Hunger, Durst oder dem Allerwertesten gequält, legen gerne eine Verschnaub-Pause ein.

Und während die Vierbeiner friedlich grasen, machen die Zweibeiner ein wenig auf meditativen Marlboro-Mann. Mit starrem Blick und steifen Gliedern sondieren sie das endlose Terrain rund um den 39.000 Hektar großen Nationalpark. Wölfe und Bären lassen sich nicht blicken, Menschen allerdings auch nicht. Nirgendwo. Nur ein paar „Bergaugen“ – so nennen die Einheimischen ihre Gebirgsseen – schauen uns unbewegt an.

Passend zur unwirtlichen, wie unwirklich scheinenden Wüstenvegetation spielt das Kopfkino die Stummfilmversion von „Paris, Texas“ ein, als Kirsi, die finnischstämmige Expeditionsleiterin, lauthals das gesammelte Schweigen bricht. „Ne, ne – weg da, los, verschwinde!“ Zekla eins hat eine kulinarische Vorliebe für Wanderkarten entdeckt und sich fest in das Gebiet um den legendären Schwarzen See verbissen.

Erst eine Karottenspende bewegt sie zur Preisgabe überlebenswichtiger geografischer Gewissheiten. Immerhin möchten wir mit unserer Expedition nicht vor dem Ziel schon baden gehen. Und die letzte Etappe Richtung Bécs liegt noch in gebirgiger Ferne.

 

Wie müde seid ihr?

„Jeste li umorni?“ Wie müde seid ihr? Diese Frage ist im dinarischen Gebirge beinahe eine Grußformel. Auch die 78-jährige Jelena, deren drei auf Hochglanz polierte Kühe jeden Schönheitswettbewerb für sich entscheiden könnten, erkundigt sich erst einmal nach dem kollektiven Erschöpfungsgrad. Danach wird angeregt über das bukolisch-balkanische Bauernleben, harte Feldarbeit, karge Böden, chronischen Wassermangel und winterliche Versorgungsengpässe parliert. Erst dann geht's ans Eingemachte, das aus eingelegten Paprika und der Frage nach dem richtigen Weg besteht. Beides brennt gleichermaßen auf der Zunge.

 

Vom Winde verweht

Etwa 15 Kilometer sind noch zu bewältigen, verteilt auf 800 Höhenmeter und gefühlte vier Klimazonen. Der kühle Trost kontinentalen Klimas, Schatten, ist Mensch und Tier nur auf dem stillen Holz-, sprich Waldweg, beschert. Im freien Gelände laufen Pferde wie Schweißdrüsen rasch zur Höchstform auf. Und kurz bevor die zweite Etappe zum verdienten Happy End gelangt, stehen noch ein paar Szenen „Vom Winde verweht“ auf dem atmosphärischen Unterhaltungsprogramm.

Das Pflichtprogramm ist weniger abwechslungsreich. Ilinka und Moncilo, vermutlich die „last generation“ einer „lost generation“, können monatelang ein Klagelied darüber singen. Rund um ihre Hütten (Katun), die auf einsamen 1900 Metern liegen, breitet sich zwischen Oktober und Mai eine dicke weiße Decke aus. Völlig eingeschneit und isoliert von der Außenwelt, überleben die beiden dann nur auf Sparflamme und dank rechtzeitig gehorteter Reserven. „Eine Tonne Mehl, 100 Kilo Zucker und an die 30 Liter Schnaps tauschen wir im September gegen Vieh und Käse ein“, erzählt die Bäuerin, während sie duftenden türkischen Kaffee im Hochzeitsservice und selbst gemachten Heidelbeersaft serviert, „das Wasser liefert uns der Schnee, um den Rest müssen wir uns selbst kümmern.“ Wärmedämmung, Pensionsvorsorge oder Sanitäranlagen sind hier kein Thema. Dennoch fühlt man sich dem Himmel ein gutes Stück näher, wenn man auf die weite wilde Welt unten im Tal hinunterblickt.

Auch Ilinka lehnt sich gerne aus dem Fenster. Allerdings nicht, um die Aussicht zu bewundern, sondern um mit ihren Kindern zu reden. Denn nur auf diesen zwei Kubikmetern mit Panoramablick bläst dem alten Haus ein Funken Modernität um die verwitterten Holzschindeln: Hier gibt es Handyempfang.

Kaum verschwindet die Sonne, verfallen Tier und Mensch in eine Art Energiesparmodus. Selbst die akustisch omnipräsenten Hühner stellen wie auf Kommando das Gackern ein. Nur noch aus der kleinen Stube dringt gedämpftes Klirren – der unwiderstehliche Lockruf von Besteck und Geschirr. Eilig werden die Stirnlampen ab- und die Magensäfte aufgedreht. Die frische Gebirgsluft scheint auch den Kalorienbedarf in luftige Höhen zu schrauben. Aber Berge von Pastolj (ein leicht pikanter Bohneneintopf) und geschmortem Lamm stillen jeden Hunger.

 

Und leise klagt die Guzla

Und während die Gäste wortlos die vollen Schüsseln leeren, nimmt der ebenso schweigsame Bauer plötzlich seine Guzla zur Hand und stimmt ein paar heroische Elegien an. Der düstere Saitenklang dieses traditionellen Instruments harmoniert perfekt mit den Schattenseiten eines Lebens am (Ab)grund der Natur. Undenkbar, hier Geige oder Posaune zu spielen. Viel später, als jeder noch nachdenklich vor der dunklen Leinwand verweilt, wird einem das montenegrinische Gebirgsparadox so richtig bewusst. Trotz erschwerten Bedingungen fühlt sich das Leben auf einmal ganz schwerelos an.

Hoch zu Ross hoch hinaus

Pferdetrekking mit Weltweitwandern, zehn Tage/9 Nächte inkl. Flüge Wien – Podgorica 1590€. 0316/58 35 04-0
www.weltweitwandern.at/travels/hoch-zu-ross-durch-montenegro

Pošćenski Katun:Almwirtschaft mit Hütten zur Nächtigung. Infos: www.montenegro.travel

Essen, Trinken & Schlafen Momcilov Grad: Restaurant in fantastischer Aussichtslage, Durmitor National Park. Restaurant & Hotel Brile: www.brile.info

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2012)

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