Die lauteste Ecke in der Stadt der Engel

Unter Backpackern versprach die Khaosan Road in Bangkok einst Abenteuer und grenzenlose Freiheit. Hier begann Alex Garlands „The Beach“. Das große Abenteuer ist freilich längst dem großen Geschäft gewichen.

A woman walks outside the CP Tower in Bangkok
A woman walks outside the CP Tower in Bangkok
A woman walks outside the CP Tower in Bangkok – REUTERS

Bangkok. Niedrige, schmale Holzhäuser, wellblechbedeckte Verschläge aus Brettern – vor nicht allzu langer Zeit bot die Khaosan Road im zentralen Yannawa-Bezirk ein Panoptikum des improvisierten Chaos. In schmuddeligen, schlecht beleuchteten Läden bekamen Backpacker und Zivilisationsflüchtlinge alles, was man in Thailand so braucht: Sandalen und bunte Sarongs für den Strand, gefälschte Uhren, günstige Wechselkurse und umstandslose Bustransfers ins Goldene Dreieck.
Auch falsche Pässe, Studentenausweise und Visa für die Nachbarstaaten waren nie ein Problem. Süßliche Rauchschwaden drangen aus den Häusern, zwielichtige Gestalten musterten abschätzend jeden Passanten. Wer genug Geld hatte, mied die Straße. Alle anderen liebten sie.

Die Backpacker von damals sind heute erwachsen. Wer einmal der Khaosan Road verfallen ist, kommt wieder, nun mit Familie, gereift, etabliert. Und die Jungen lockt die Straße immer noch, schon wegen ihres legendären Rufs. Und weil Thais ein gutes Gespür für Kundenwünsche haben, passten sie die Straße an.

Wogende Massen


Die Holzbauten sind heute nur noch Fassade. Direkt dahinter schossen mehrstöckige Betonbauten mit flackernden Neonreklamen aus dem Boden, Budget-Hotels zwar, aber mit erstaunlichem Komfort. Die Reisenden von heute erwarten ihn. Dazwischen vereinzelt Abbruchhäuser und Baustellen. Lange liegt kein Grundstück brach, jeder Quadratmeter bringt Geld in Bangkok, übersetzt die „Stadt der Engel“. Ebenerdig die fixen Läden, die zeitgeistig genau das führen, was Backpacker rund um den Globus suchen: billige Kleidung, Souvenirs der unterschiedlichsten Geschmacksklassen, falsche Samurai-Schwerter, Shishas, kühlenden Tigerbalsam. Daneben Tattoo-Studios mit gruftigem Totenkopfdekor, Cocktail-Bars, Clubs, diskrete Apotheken und bewährte Seven/Eleven-Stores. Internet-Cafés? Schnee von gestern. Wer heute kommt, besitzt ein Smartphone.

Vor den Geschäften wachsen mobile Verkaufsstände in die Straße hinein. Jeden Abend werden sie aufgebaut, jeden Morgen verschwinden sie. Stimmgewaltige, abgebrühte Verkäufer bieten Kleider, Musik, Lederwaren, Schmuck, Sonnenbrillen und Bikinis feil. In der Straßenmitte wogen die Massen durch. Wer eine Ware genauer betrachten will, schert aus dem Strom aus.
Thais sind gewiefte Händler. Kein Trend, den sie nicht sofort erkennen und umsetzen. Vergangenes Jahr waren es Hippie-Blumenkleider, heuer feiern die 1980er-Jahre Wiederauferstehung: weite Pullis mit Fledermausärmeln, breite Kastenformen, Gummizüge an der Taille. Vertrau den Thais, wenn du die Trends des nächsten Sommers wissen willst. In der Khaosan Road bekommst du sie um ein Zehntel, auch ohne Feilschen. Das bringt nichts mehr, außer man kauft gleich mehrere Stücke.

Heuschrecken vom Grill


Auf der Straße selbst lagern die fliegenden Händler. Auf Klapptischen und Tüchern breiten sie „fast echte“ Breitlings aus, Ray-Ban-Kopien und vorgebliche Markenkosmetik, made in China, Laos, Thailand. Dazwischen rollen mobile Garküchen, umringt von hungrigen Reisenden. Gebratene Nudeln, Tintenfisch, Thai-Kebap oder exotische Früchte wie Zuckerrohr ersetzen schon einmal ein Nachtmahl – und kosten gerade einmal einen Euro.

Wer Mutproben nötig hat, probiert geröstetes Ungeziefer – gegrillte Heuschrecken, Maden und Skorpione mit aufgestelltem Stachel. Fotografieren kostet 25 Cent. Ist das Beweisfoto für die Freunde daheim im Kasten, verschwinden die meisten schnell. Danke nein, keine zweite Heuschrecke.

Manchmal kommt Bewegung in die Massen. Mehrmals pro Abend schiebt sich ein schweres Bonzenauto mit schwarz getönten Scheiben durch das Getümmel. Dann packen die fliegenden Händler fluchtartig ihr Sack und Pack zusammen, die Rollstände werden zur Seite geschoben, die Touristen weichen indigniert aus. Außenrum, über den breiten Rat Chadamnoen Klang Boulevard wäre das Auto schneller. Der Unsichtbare auf dem Rücksitz muss einen Grund haben.

Frösche und Zipfelmützen


Die untersten in der Hackordnung der Khaosan Road sind winzige, gedrungene Thai-Frauen, vorgeblich aus den Bergen. Sie tragen lächerlich bunte Zipfelmützen und strecken den Passanten hölzerne Riesenfrösche entgegen. Streicht man mit einem Stab über den gezackten Rücken, entsteht ein Geräusch wie das Quaken eines Froschs. Viel Geschäft machen sie nicht damit, aber gelegentlich kauft ihnen ein Feuchtfröhlicher die Zipfelmütze ab und produziert sich damit vor seinen Freunden.

Womit wir bei den Cocktail-Bars sind, die lautstark vor allem um das westliche Ende der Khaosan Road kämpfen. Je später der Abend, desto dröhnender die Bässe. Heuer ist „Gangnam Style“ angesagt. Hämmert der populäre Song aus den Lautsprechern, springen immer ein paar Urlauber auf und beginnen zu tanzen, ermutigt durch Bier aus Zweiliter-Glasröhren und Plastikkübel voll mit „really strong“ Cocktails.

Ihre Freunde tun es ihnen gleich, fotografiert von anderen Touristen, die dann ebenfalls mittanzen. Manchmal helfen die miniberockten Kellnerinnen nach, Animiermädchen der harmlosen Sorte. Wer die weniger harmlosen sucht, muss nach Patpong fahren. Zur Not kann er auch dort „Shopiiing“ machen, manche haben schließlich wenig Zeit. Taxis und Tuk-Tuks, die für Bangkok typischen überdachten Mietmopeds, warten an beiden Straßenenden.

Dort ist das Konsumparadies Khaosan Road lange nicht zu Ende. Das Virus hat längst auch Neben- und Parallelstraßen und das Viertel nördlich davon befallen. Dort ist es marginal ruhiger, aber nicht weniger belebt. Dutzendweise stehen bequeme Massagesessel in den Gassen, verschwitzte Touristen mit nach innen gekehrtem Blick lassen sich die Füße massieren, Cocktails in der Hand. Die Masseusen verstehen ihr Geschäft und locken nebenbei mit Gesichtsbehandlungen, Pediküren und Fußbädern mit hornhautfressenden Fischen. Irgendetwas lässt sich immer dazuverkaufen.

Endlich still – relativ still


Lange nach Mitternacht verschwinden zuerst die fliegenden Händler, dann die Stände. In den Bars und Discos geht es bis Sonnenaufgang weiter. Die ganz Jungen halten am längsten aus. Zuletzt schlafen nur noch ein paar Alkoholleichen am Straßenrand ihren Rausch aus.

Beim ersten Tageslicht treffen die Putztrupps ein. Sie leisten ganze Arbeit. Müll und Essensreste müssen weg, bevor sie von den allgegenwärtigen Kakerlaken und den Ratten entdeckt werden. Dank rigoroser Sauberkeit gelingt es der Stadtverwaltung erstaunlich gut, ihrer Herr zu werden, wenigstens in den Touristenzonen.
Ein paar Frühstückslokale sperren auf, Reiseagenturen und einige der festen Geschäfte. Die Luft ist wieder klar. Statt der hämmernden Bässe klingen nun leise, sehnsuchtsvolle Liebeslieder im zarten Thai-Girlie-Diskant aus den Radios. Morgens ist die Khaosan Road endlich – relativ – still.

Bangkok, 8-Millionen-Metropole am Chao-Praya-Fluss

Anreise:
Flüge derzeit von 649 Euro (Eithad Airways, zweimal umsteigen)bis 1059 Euro (Austrian, direkt).

Ankunft:
Fast alle internationalen und viele nationale Flüge landen auf dem Suvarnabhumi Airport. Über den alten Flughafen Don Muang werden nur nationale Flüge abgewickelt. Taxis ins Zentrum (je nach Verkehr 30 Minuten bis zwei Stunden Fahrzeit) kosten ca. zehn Euro.

Unterkunft:
Jedes Viertel spricht eine andere Klientel an. Auf der Khaosan Road sind Doppelzimmer ab 20 Euro p. P. zu haben, rund um das Wirtschaftszentrum Silom Road ab 50 Euro, ebenso entlang der Diplomatenstraße Sikhumvit Road. Das obere Ende der Skala markiert das am Chao-Praya-Fluss gelegene Oriental Hotel ab 355 Euro.

Shopping:
Neben der Khaosan Road ist der weltweit größte Wochenendmarkt Chatuchak ein Dorado für Budget-Shopper. Die junge Thai-Szene deckt sich modisch auf dem Siam Square ein. Daneben liegt der Luxusmarken-Tempel MBK. Technik-Freaks begeistert die nahegelegene vierstöckige Pantip Plaza.

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