Wiesen sind ein superguter Tanzboden

Wanderer stiefeln über Stock und Stein, während um sie herum Schauspieler das Schicksal „Friedls mit der leeren Tasche“ im Ötztal darstellen. Ein Gespräch mit Hubert Lepka, Regisseur des ersten Wandertheaters.

Friedl mit der leeren Tasche
Friedl mit der leeren Tasche
Friedl mit der leeren Tasche – (c) Ötztal Tourismus (Ötztal Tourismus)

Hubert Lepka ist bekannt für aufwendige und laute Großrauminszenierungen vor spektakulärer Naturkulisse, „Hannibal“ etwa, das alljährliche Hubschrauber- und Snowmobil-Spektakel, das am 12. April auf dem Ötztaler Rettenbachferner über die Bühne geht. Doch der Salzburger und sein Künstlernetzwerk Lawine Torrèn können es auch leise: Vor bis zu hundert Wanderern wird der 54-Jährige sein neuestes Stück „Friedl mit der leeren Tasche“ inszenieren. 14-mal will er den Fluchtweg des Herzogs Friedrich IV. von Tirol nachspielen, der im Streit mit Kaiser Sigismund von Luxemburg 1415 aufs falsche Pferd, nämlich auf den (Gegen-)Papst Johannes XXIII., gesetzt hat.

Auf dem Konzil in Konstanz wurde der Pontifex demontiert und der Herzog gefangen genommen, konnte aber fliehen. Auf den Rofenhöfen in Vent, Österreichs höchstgelegener Höfesiedlung auf 2011 Meter, fand er als Knecht Unterschlupf und setzte von hier die Flucht nach Meran fort. Nacherzählt als ruhiges Wandertheater auf einer der schönsten Routen im hintersten Ötztal – vom Bergsteigerdorf Vent bis zur Martin-Busch-Hütte am Marzellferner, von wo man schon den Similaun sieht.

 

Die Presse: Ein Weg als Theaterbühne, wie soll das funktionieren?

Hubert Lepka: „Friedl mit der leeren Tasche“ ist im Kern ein Zweipunkt-Theater. Einmal will es eine Geschichte erzählen, zum anderen ist es eine Ganztageswanderung. Ein Heimatfilm, der sich über einzelne Stationen abspult und bei den Rofenhöfen beginnt, wo sich Herzog Friedl von Tirol versteckt hielt.


Das Stück wird als Weltneuheit angekündigt. Was ist so einzigartig daran?

Die Weltneuheit ist die Tonebene. Die Darsteller tragen kleine Punktmikros, der Ton wird den Wanderern über Funkohrknöpfe eingespielt. Jeder kann seine eigene Position wählen, von der aus er das Schauspiel verfolgt. Er hört alles mit, wie bei einem Spionagegerät. Die Schauspieler können viel wirklichkeitsnäher sprechen, und der Zuschauer kann selbst Szenen, die 100 Meter weit weg stattfinden, miterleben. Außerdem setzen wir atmosphärische Begleitmusik ein. Die Tonknöpfe werden aber nur aktiviert, wenn wir spielen. Ansonsten herrscht Ruhe. Die Weite der Landschaft zu erleben und mitzufühlen – das ist der magische Punkt.


Die Kulisse wird ja frei Haus geliefert: Sehenswürdigkeiten wie die prähistorische Jägerstation Hohler Stein und eine jahrhundertealte Schäferhütte liegen am Wegesrand. Werden sie in das Stück miteinbezogen?

Eine Szene von Friedls Flucht, der von einer höfischen Dame verfolgt wird, spielt am Hohlen Stein. Die gesamte Wanderung dauert etwa sieben Stunde mit Pause, die reine Spielzeit an sechs bis sieben Schauplätzen beträgt eine Stunde. Bei schlechtem Wetter werden wir das Ganze verkürzen. Von der Bilderwelt her ist dieses historische Wandertheater etwas völlig Neues. Wir stellen uns die Frage nicht, wie es in der Neuzeit zugeht, sondern zeigen die Welt, wie sie damals war. Vor der fast unberührten Kulisse, auf einem Weg, der Teil der Via Alpina ist, entstehen starke Bilder, die Potenzial haben: So ist die Wiese ein superguter Tanzboden. Und die Magd, die dem patscherten Friedl, der als Knecht arbeitet, im Laufen überlegen ist, springt über einen seichten Bach.


Nun sind ja nicht alle Schauspieler bergerfahren. Wurden sie in diesem Fall primär nach den erforderlichen Kriterien ausgesucht?

Die vier Profidarsteller und eine Handvoll Laien aus dem Umkreis von Lawine Torrèn sind handverlesen – allesamt brillante Schauspieler und erfahrene Berggeher. Friedl wird von Ekke Hager gespielt – dem Eneas bei Hannibal.


Waren die Bewohner von Vent damit einverstanden, dass in ihr stilles Tal so viel Bewegung kommt?

Anfangs hat es in der Tat Bedenken gegeben. Aber es hat sie überzeugt, dass wir nicht gewinnorientiert denken. Die Teilnahme an der Wanderung mit Führer kostet nur 29 Euro. Wir greifen nicht in die Natur und den Alltag der Menschen ein, sondern erzählen und tanzen eine Geschichte, die sehr leise abläuft. Jetzt stehen die Venter voll hinter unserem Projekt.


Wie kamen Sie auf die Idee, die Flucht des Tiroler Landesfürsten umzusetzen?

Ich beschäftige mich gern mit alten Stoffen. „Friedl mit der leeren Tasche“ hat mich schon längere Zeit bewegt. Seine Flucht von Konstanz bis nach Meran ist der ideale Stoff für ein Roadmovie. Aber es gibt kein Road Theatre. Also mussten wir das Wandertheater erfinden, um den Stoff umzusetzen. Seit 2004 arbeiten wir schon daran.


Im September findet ja auch der Übertrieb von rund 2000 Schafen aus dem Niedertal ins Schnalstal statt. Integrieren Sie Tiere ins Geschehen?

Ein Teil der Magie ist, dass man in der Natur nicht alles planen kann. Bei den Drehs für den Testfilm haben die Tiere super mitgespielt. Einige Haflinger wollten sogar die Kamera ablecken. Wir mussten erstmal das Stativ retten.

Auf einen Blick

Termine: Tageswanderungen täglich vom 1. bis 4. 9., vom 6. bis 11. 9. und vom 13. bis 18. 9. 2013. Preis: 29€. Pauschale: 2 Nächte zwischen 79 und 189 €, Eintritt Wandertheater. Kontakt: Ötztal Tourismus, Vent, +43/(0)57200/260, www.vent.at vent@oetztal.com; www.torren.at [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2013)

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