Lefkas: Blaugrüne Meerheit

Lefkas, die kleinste der Ionischen Inseln, besteht mehrheitlich aus Gebirge. Und trotzdem eröffnet das Reich des Poseidon rund um die Insel eine neue Dimension glasklarer Unendlichkeit.

No, no, not good!“ Der Kellner rauft sich das Haar. Offenbar passt ihm meine Bestellung nicht. Zuerst müsse ich den Salat essen, danach die Sprotten und den Oktopus. Das Knoblauchbrot würde er mir vielleicht noch bringen, aber das Souflaki, nein, das wäre eindeutig zu viel. Und passe schon gar nicht zum Fisch.

Mein Widerspruch fällt höflich aus, verhallt aber ungehört. Kulinarische Kompromisse gibt es bei Manólis, ganz wie bei seinen Landsleuten, nicht. Die Menschen hier sind viel zu stolz auf ihren guten Geschmack, um ihn den Launen des Fremdenverkehrs zu opfern. Da kann kommen, wer will. Auf Lefkas bestimmen weder Souvenirshops noch touristische Tavernen das Weichbild der Ortschaften. Stattdessen prägen würdig gealterte Fassaden und ebensolche Menschen das Ortsbild.

Dazu ein Dutzend ebenso paradiesischer wie schwer zugänglicher Strände. Dem Touristen wird es wahrlich nicht leicht gemacht. Allein, um zur herrlichen Bucht von Engremni oder nach Porto Katsiki zu gelangen, wird Treppensteigen fast schon zur olympischen Disziplin. Der nahtlose Übergang vom Gebirge zum Sandstrand ist kaum zu bewältigen, sowohl fürs Getriebe als auch für die Kniescheiben. Gerade noch bewegt man sich mitten durch das Reich der Honigbienen und Thymianhaine, da lockt tief unten bereits das türkisblaue Meer. Das Reich der Bergziegen wird von bis zu 500 Meter steilen, schneeweißen Klippen von dem der Delfine getrennt. Schwindelfrei sollte man schon sein, wenn man sich etwa an den abenteuerlichen Abstieg zur Bucht von
Dessimi wagt.

Doch das Abenteuer lohnt.
Selbst Postkartenfotos verblassen angesichts dieser Idylle von grünem Wasser, blauem Himmel und einem einsamen Fischerboot, das verlassen vor Anker liegt. Nur eine winzige Taverne mit unaussprechlichem Namen und himmlischen Fischgerichten zeugen von menschlichem Leben. Keine Straßenkarte und kein Fremdenführer weisen auf dieses Paradies hin. Hier gilt: „Wo ein Wille, da auch ein Weg.“ Nach längeren Irrfahrten auf steilen Schotterpisten mit Blick aufs Meer taucht zwischen Platanen und wilden Päonien ein schiefes Pappschild auf: Camping Santa Mavra.
In Ermangelung von befahrbaren Alternativen folge ich beherzt dem Pfeil und erreiche statt eines Campingplatzes tatsächlich das rettende Ufer. Mit einer Aussicht wie in einem Bilderbuch für Götter dankt die Bucht die Mühen dieser Irr- und Anfahrt. So muss es ausgesehen haben, als Aphrodite, die schaumgeborene Göttin der Liebe und Schönheit, den Wellen entstieg. Ein Paradies, in dem man von Poseidon umarmt  statt von seinem Liegestuhlnachbarn erdrückt wird.

Terrain für geländegängige Menschen. Doch der Gipfel an atemberaubenden Aussichten erwartet geländegängige Menschen am Südkap der Insel. Mit Gottes gutem Willen und vollgetankt an Energien gelangt man auf einem kilometerlangen Lehmpfad bis zum sagenumwobenen Kap Lefkata, dessen weiß gleißende Felsen der ganzen Insel ihren Namen gaben. Lefkas. Lefkada. Oder Leuka. Wie man mag.
Angeblich befindet sich an dieser Stelle Homers Eingang zur Unterwelt, doch beruhigenderweise lässt sich kein Höllenhund sehen. Und die vielen Seegrotten in dieser Gegend haben keinesfalls den Anschein der Pforten des Hades.

Doch wo heute ein romantischer Leuchtturm steht und alles in friedlichem Glanz erstrahlt, herrschten einst recht freudlose Sitten. Dem Mythos zufolge sprang Aphrodite hier in die wogenden Fluten zurück. Aus Liebeskummer über den Tod von Adonis und nicht, weil sie den steilen Weg zum Strand nicht fand.

Der Sprung der Liebeskranken vom leukadischen Felsen aufgrund emotionaler Ebbe wurde danach zu einem weithin bekannten Brauch, dem der Legende nach sogar die griechische Dichterin Sappho erlegen sein soll.

Der englische Dichter Lord Byron hat dieser wohl größten Muse des Altertums in seinem Werk ­„Childe Harold’s Pilgrimage“ nachträglich ein trauriges Denkmal gesetzt.

Aber nicht nur griechische Verfechter der Werther’schen Konfliktlösungsstrategie fielen dem beträchtlichen Höhenunterschied zwischen Festland und Meer zum Opfer. Auch für Verbrecher kam der Tod wie im Flug. Vielen von ihnen band man sogar lebendige Vögel und Federn um den Leib, damit sie während des freien Falls länger Zeit zur Buße hatten. Daher scheint ein gewisser Sicherheitsabstand zu den Abgründen der leukadischen Felsen durchaus angebracht. Zumindest in Zeiten von Beziehungskrisen und Kreislaufproblemen.

Zahltag auf Griechisch. Eglouvi muss wohl die Heimat Aschenputtels sein. Auf 730 Meter Höhe gelegen, dreht sich das Leben in diesem Gebirgsdorf fast nur um Linsen. Hier wachsen die angeblich besten Hülsenfrüchte in ganz Griechenland. Verirrt man sich in diese abgeschiedene Höhenlage, so findet man noch heute archaisch anmutende, schwarz gekleidete Frauen, die auf Baststühlen vorm Café sitzen. Und klauben und klauben. „Die Guten ins Töpfchen“ ist die Devise von Eglouvi. Zumindest auf weiblicher Seite, denn Männer sind kaum zu sehen.

Nur ein paar steinalte Großväterchen schlürfen andächtig ihren Kaffee, während ein jüngerer Herkules einen Reifen eines ebenso alten Lastwagens wechselt. Es scheint eines der letzten Wunder der Menschheit zu sein, dass ein Lkw eine derart steile, kurvige und nach straßenbautechnischen Kriterien präautomobiler Zeiten angelegte Piste überwinden kann. An die vielen, denen dieses Wunder nicht gelungen ist, erinnern zahlreiche pittoreske Marterln am Straßenrand. Nein, einfach ist das Leben im gebirgigen Inselinneren wahrlich bis heute nicht. Auf den Hochebenen der Insel weht, wirtschaftlich wie klimatisch, ein rauer Wind. Die Stadt ist fern, die meisten Lefkadier – gerade mal 22.000 –
versorgen sich selbst. Weinreben, vor allem die seltene Sorte „Vartzami“, klammern sich an schroffe Felsen, halb wilde Esel und Schafe ziehen frei herum, ein Pope auf einem vorsintflutlichen Gefährt knattert über Stock und Stein. Die Zeit scheint stehen geblieben.

Die gesellschaftliche Entwicklung auch. Hier tragen die Frauen zwar keine sichtbaren Hosen, dafür aber die „symbolischen.“ Das wird in Agios Petros evident,  einem anderen Bauerndorf. Ich wollte ein paar Silberreifen kaufen und etwas Mengenrabatt verhandeln. Doch je mehr ich feilsche, desto verstörter wird der Mann im Laden. Flehend sieht er mich an, zieht an meinem Ärmel. Ich verstehe nicht. Er zieht und wiederholt aufs Neue: „Please, come out with me, please.“ Ich möchte zwar die Reifen, aber keine körperliche Nähe. Dennoch treibt mich die Neugier letztlich mit ihm.

Kaum stehen wir hinter dem Haus, zückt er die Geldbörse und drückt mir 20 Euro in die Hand. Mir fehlen die Worte. Er meint: „It’s because of my mother . . .“ Langsam verstehe ich. Seine Mutter toleriert keinen Preisnachlass. Dank seiner Gabe bezahle ich nun den vollen Preis und wenn Mama abends die Kassa kontrolliert, ist alles in bester Ordnung. Ein würdiges Lebenszeichen des griechischen Matriarchats.

Brückenschlag zwischen Antike und Gegenwart.
So klein Lefkas ist, so groß sind die Fragen, die die Insel bis heute aufwirft. Bislang wurde weder geklärt, ob diese Insel nicht doch das antike Ithaka Homers ist, noch, ob sie überhaupt eine veritable Insel ist: Eine ausnehmend flache Lagune verbindet Lefkas mit dem Festland. Aber selbst wenn dieses ionische Juwel nur eine Halbinsel wäre, tut das seiner Größe – und Genialität als Urlaubsinsel – keinen Abbruch.

Das zeigt sich bereits bei der Anreise. Da das Meer für größere Schiffe zu seicht, für Autos aber zu tief ist, erfanden die Lefkadier eine einzigartige Konstruktion: eine schwenkbare Brücke, die aussieht wie ein Fährschiff mit fahrbahnartigen Auswüchsen. Werden die Straßenteile aufgezogen, verkehren die Boote, werden sie gewassert, rollen die Autos übers Meer. Lefkada-Stadt ist aber keinesfalls nur ein Portal der Insel, sondern vielmehr Drehscheibe und Angelpunkt. Viele Menschen leben hier immer noch vom Fischfang, von Kunst, Kultur und Kulinarik.

Während am Hafen traditionell Bratfische in Tomatenmarinade oder fangfrischer Fisch mit Zitronendressing das Angebot stellen, kann die bis zum Markt führende Odós Méla neben luftgetrockneter Salami und Sesamgebäck auch mit Kunsthandwerk  – von der Olivenholzschnitzerei über Teppichwebe reien bis hin zur Sargtischlerei – aufwarten.

Die skurrile Altstadt wird geprägt von bunten Häusern mit Wellblechfassaden und Glockentürmen, die auf Metallgerüsten thronen, was angeblich der Erdbebensicherheit dient. Ein atmosphärisches Relikt aus alten Zeiten sind die zahlreichen Cafés, in denen noch die traditionelle, mit Wasser verdünnte Mandelmilch Soumäda serviert wird. Zeit spielt hier keine Rolle – allein der Genuss zählt. Meinen Wunsch, die Rechnung begleichen zu wollen, quittiert der Ober mit nachsichtigem Lächeln. „Don’t hurry“, weist er mich an, stellt ein neues Glas auf den Tisch und verschwindet. Was bleibt, ist ein süßer Nachgeschmack.

Weniger süß, dafür zeitmäßig schon etwas näher an der Gegenwart, ist Nidri, ein für lefkadische Verhältnisse beinahe belebter Küstenort mit dem Flair eines Goldgräberstädtchens. Am Tanz- und Diskoabend übertönen die Rhythmen sogar das Zirpen der Grillen. Aristoteles Onassis, den wohl berühmtesten „Nachbarn“ von Nidri, werden sie allerdings nicht mehr stören. Der griechische Millionär hatte Skorpios, eine Mini-Insel direkt gegen-über, einst als private Enklave gekauft. Heute ist Skorpios neben den Wasserfällen ein beliebtes Ausflugsziel.

Stürmisch geht es auf Lefkas weder wind- noch nightlifemäßig zu. Dafür weht immer ein sportlicher Wind, ideal für Surfer, Segler und Mountainbiker. Ganz im Sinne der „griechischen Gemütlichkeit“ verfügt die Insel zudem über eine metereologische Besonderheit, den „Halbtageswind“: Morgens herrscht Flaute, erst zu Mittag erhebt sich eine flotte Brise. Anfänger müssen also  früh aus den Federn. Rund um Vassiliki stehen Wassersportlern alle Möglichkeiten offen. Wer das Ruder selbst in die Hand nimmt, kann mit dem Boot sogar bis zum Traumstrand von Agiofylli rudern. Etwas Rückenwind kommt auch den Mountainbikern gelegen, wenn diese sich in luftige Höhen begeben: auf den Weg zur archäologisch bedeutsamen Schweinehöhle, ins alte Bergdorf Agios Petros oder gar auf den Stavrota mit 1141 Metern. Von dort aus geht’s dann flott bergab, aber nicht im Sinne von Sappho oder Aphrodite.

TIPPS

Schlafen

Hotel Porto Galini | Nikiana, Lefkada, +30/26450/932 90 +30/26450/924 33 +30/26450/924 31 http://www.portogalini.gr/en/index.php

Appartements Fantastico, Kalamitsi, +30/26450/993 90, residieren in der eigenen Luxusvilla, 200 m2, privater Pool und Strand etc. www.villalevkas.com

Essen

Pinewood Seaside Taverna, Nidri Lefkás, +30/26450/920 75

O Giannis, urige Fischtaverne direkt am Hafenstrand von Ligia Stambógli, Odós Stambogli 3 Odós Tsarlaba, Lefkada


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