Malediven: Zwei Inseln, zwei Welten

Die Kontraste zwischen den Urlaubswelten in einer muslimischen Diktatur und Einheimischen-Insel sind atemberaubend.

Abtauchen auf den Malediven
Abtauchen auf den Malediven
Abtauchen auf den Malediven – (c) imago/Westend61

Wenn ihr die Einheimischen-Insel besucht, werdet ihr sehen, was Mr. Siyam hier für die Einheimischen tut. Das ist dort sehr einfach“, warnt Haydee, die aus der Dominikanischen Republik stammt und für das Marketing des Luxusresorts Sun Siyam Iru Fushi zuständig ist. Ahmed Siyam Mohamed, 45, geboren in Malé, ist Eigentümer des mit 221 Strandvillen und Over-Water-Bungalows recht großen Fünf-Sterne-Luxusresorts Sun Siyam Iru Fushi.

Er stammt der Firmenlegende nach aus einfachen Verhältnissen. Ein Selfmademan, der mit 900 Dollar Eigenkapital startete, sich vom Kofferträger zum Millionär hochgearbeitet hat und seine einfachen Wurzeln nicht vergisst. Immerhin stammen 90 der 645 Hotelangestellten auf Siyam Iru Fushi von Hooladuh. Die meisten wohnen in einem abgetrennten Teil auf der Hotelinsel zu zweit in etwa zehn Quadratmeter großen Zimmern.

Müllhalde auf Male
Müllhalde auf Male
Müllhalde auf Male – Reuters

Slums? Verwahrlosung?

Was wird die Hotelgäste auf der Insel Hooladuh erwarten? Wellblechhütten wie in den Townships Südafrikas? Stinkende Kloaken wie in Nigerias Hauptstadt Lagos? Oder Zeltbehausungen mit dem UNHCR-Logo wie im Libanon oder Jordanien? Mit dem Schnellboot dauert die Fahrt zur Einheimischen-Insel eine halbe Stunde. Der Tag ist mit 35 Grad auch für maledivische Verhältnisse heiß. Nur wenige Menschen befinden sich auf der Straße. Am Strand liegt ein Mann in kurzen Hosen und T-Shirt, Frauen stehen im Schatten der Bäume und kümmern um sich die Kinder. Sie sind stets verhüllt von Kopf bis Fuß, oft ganz in Schwarz, manchmal auch bunt, nur das Gesicht liegt frei. Von Slum oder gar Verwahrlosung keine Spur. Die Häuser sind knallgrün, hellblau oder zitronengelb, und vor allem: gepflegt. Die wenigen Straßen Hooladuhs sind geteert und schnurgerade, sodass man von der Kreuzung in der Mitte des Dorfs das andere Strandufer erblickt. Auf der Hauptstraße, die vom Hafen in die Ortsmitte führt, fährt eine junge Frau, höchstens Mitte zwanzig und von Kopf bis Fuß traditionell in Schwarz gekleidet, auf einem blauen Fahrrad und telefoniert mit dem Handy. Wie Frauen sich in diesem Outfit bei Hitze fühlen müssen, können westlich bekleidete Urlauberinnen nur erahnen.

Rund 20 Prozent der Hotelgäste besuchen die Einheimischen-Insel Hooladuh. Solche Ausflüge sind zwar nicht das echte Leben, aber für Maledivenreisende bieten sie eine der seltenen Gelegenheiten, Kontakt zu der Bevölkerung des muslimischen Staats mit etwa 330.000 Einwohnern zu knüpfen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele Männer sitzen vormittags in der Dorfkneipe. Sie lassen ihre Ehefrauen nicht gern allein auf der Hotelinsel arbeiten. Die maledivischen Köchinnen, die am Hotelbuffet ihre Kochkünste zeigen, werden stets abends noch per Schnellboot nach Hause gebracht.

Längere Aufenthalte auf einer Einheimischen-Insel erfordern eine Sondergenehmigung der maledivischen Administration. Umgekehrt dürfen Einheimische nicht einfach Hotelinseln betreten, es sei denn, sie arbeiten dort. In unserem Fall führen uns zwei Hotelangestellte, Jauzee, 26, und Ismail, 30, über ihre Heimatinsel. Jauzee arbeitet als Butler, Ismail führt mit sieben Mitarbeitern das Freizeitcenter des Hotels. Jauzee wäre gern Wasserflugzeug-Pilot geworden, doch die Ausbildung kostet 100.000 Dollar und war damit für ihn nicht finanzierbar.

Zurück im Luxusresort entspinnt sich abends zwischen Marketingfrau Haydee und dem maledivischen Hoteldirektor Ahmed Rifau eine Unterhaltung darüber, wo denn jetzt demnächst in Malé die Frau ausgepeitscht würde, die unehelich schwanger wurde. Die Antwort: vor dem Justizpalast. Unehelich auf den Malediven schwanger werden ist genauso verboten wie Alkohol oder Pornografie. Auf die Frage, wie er zu diese Strafe steht, antwortet Rifau: „Ich denke noch nicht einmal darüber nach, denn ich würde nie etwas tun, was gegen das Gesetz ist.“

Kunstwelt im Meeresidyll

Die eine Insel ist eine Kunstwelt mit den typischen kilometerlangen Holzstegen, die andere eine normale Wohninsel. Beide sind wunderschön. Der Kontrast zwischen der politischen Situation, einer muslimischen Diktatur und der Kunstwelt im türkisfarbenen und friedvollen Meeresidyll der Inselrepublik ist atemberaubend.

80 Prozent der Gäste auf Iru Fushi bekommen diesen Kontrast aber gar nicht mit: Sie landen in der Hauptstadt Malé, werden dort von hoteleigenem Personal direkt in eine schicke Lounge geführt und warten dort auf den Abflug mit dem Wasserflugzeug auf ihre Insel: Dort warten Traumbungalow, Traumstrand und Traumrestaurants. Eine Maledivenreise ist eine der Reisen, die man, soweit es das Budget zulässt, einmal im Leben gemacht haben sollte. Aber auch ein Trip in eine Märchenwelt für viel Geld.

TAUCHEN, SCHNORCHELN UND KONTAKTE ZU DEN EINHEIMISCHEN KNÜPFEN

Anreise: Austrian/Condor fliegt in neun Stunden ab Wien direkt nach Malé, ab etwa 700 Euro. Ab Malé noch 40 Minuten mit dem Wasserflugzeug (unbedingt einen Fensterplatz ergattern, der Flug ist spektakulär!). Allein der Transferflug kostet etwa 500 Euro. www.austrian.com

Unterkunft: Pauschalangebote sind günstiger, die Preisdifferenz zwischen nur Frühstück und Halbpension relativ gering. 7 Tage HP inkl. Flug und Transfer per Wasserflugzeug kosten im November ab etwa 4500 Euro zum Beispiel bei FTI. www.fti.at

Essen und Trinken: Die Essensqualität auf den Malediven ist für die Gäste herausragend. Besucher sollten dabei aber bedenken, dass jedes Kilo – egal, ob Kokosnuss oder Kaviar – gut vier Euro Transportkosten verursacht. Auf The Sun Siyam Iru Fushi erwarten den Gast 15 verschiedene Restaurants, darunter ein französisches, italienisches, indisches (was der maledivischen Küche am nächsten kommt) und ein Teppanyaki-Grill mit japanischer Küche. Toll: An einem Abend pro Woche präsentieren die einheimischen Köchinnen maledivische Küche, und es gibt auch Gelegenheit für ein Schwätzchen, da die Jüngeren alle Englisch sprechen.

Optimale Reisezeit: Von Dezember bis März, grundsätzlich aber über das ganze Jahr warm und überwiegend sonnig. Von Juni bis Oktober Regenzeit. Günstigere Preise außerhalb der Regenzeit im April, Mai und November.

Einfuhrverbot u. a. für Alkohol und Medien mit pornografischen Inhalten. Die Schwelle, was pornografisch ist, liegt in dem muslimischen Inselstaat deutlich niedriger als in Europa.

Literatur: „Reise auf die Malediven – Kulturkompass fürs Handgepäck“ von Francoise Hauser, führt den Leser nicht in die Welt der Luxusresorts, sondern in den Alltag des Inselreichs, samt Geschichte, Vegetation und Glaubenswelt – und widmet sich auch der Stellung der Frau auf den Malediven. 207 Seiten, Unionsverlag, 10,90 Euro.

Als Reiseführer empfiehlt sich „Malediven“ von Wolfgang Därr, Dumont Reise-Taschenbuch, 17,99 Euro, 3. Auflage 2014. Der Autor beschreibt nicht nur touristische, sondern auch ökologische und soziale Aspekte des muslimischen Inselstaats. Därr gibt detaillierte Infos, welche Insel sich für welche Bedürfnisse wie etwa Tauchen, Schnorcheln oder Urlaub mit Kindern eignen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2016)

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