Madeira II: Der viele Fenchel wird langsam cool

Auf einem Lorbeerstock gegrilltes, hocharomatisches Rindfleisch genießen, Weine verkosten und im Hotel von Christiano Ronaldo "abchillen" – auch das ist Madeira.

An "Deck" von Christiano Ronaldos Hotel Pestana CR7
An "Deck" von Christiano Ronaldos Hotel Pestana CR7
An "Deck" von Christiano Ronaldos Hotel Pestana CR7 – Pestana CR7

Funchal. „Insel des ewigen Frühlings“ und „Pensionistenparadies“, so lauten die gängigen Klischees über Madeira. Das mit dem milden Klima stimmt noch immer, aber das Image als Altersheim im Atlantik gerät ins Wanken. Besonders die Hauptstadt Funchal – ein Name, der wörtlich übersetzt „viel Fenchel“ bedeutet, weil die Portugiesen so beeindruckt waren, derartige Unmengen dieses Gemüses hier vorzufinden – bemüht sich in den vergangenen Jahren immer mehr, cool zu sein, um auch jüngere Reisende anzulocken – und es gelingt ihr auch in zunehmendem Maß.

Natürlich erfolgt der Übergang von der Generation 70plus zur Generation 28minus als Zielgruppe nur schleichend und in kleinen Schritten, unterstützt von der Tatsache, dass es seit einiger Zeit zum ersten Mal eine Universität auf Madeira gibt. Ein neues Ibiza darf man sich aber nicht erwarten, und das wird die Insel glücklicherweise auch nie werden. Aber vorläufig ist es schon sehr angenehm, dass man sich als Gast ohne dritte Zähne nicht bereits als totaler Outsider fühlt.

Die Altstadt von Funchal rund um die Kathedrale Sé, die Avenida Arriaga, war ja durch ihre von grau-roten Lavasteinen geprägte koloniale Architektur schon immer sehr adrett. Und auch cool insofern, als sie eine ungeheure Lässigkeit und Relaxtheit ausgestrahlt hat und weiterhin ausstrahlt. Besonders in der zeitlos attraktiven Markthalle Mercado dos Lavradores, in der man neben Massen von Meeresbewohnern dem berühmten und madeiraspezifischen Degenfisch Aug in Aug gegenübertreten kann, und in den Lokalen ringsherum.

Neu hinzugekommen ist hingegen das Viertel Santa Maria. Das ursprüngliche historische Zentrum war im Lauf des vorigen Jahrhunderts immer mehr verfallen und zu einer von Kriminellen und Prostituierten bevölkerten Gegend verkommen, in die sich niemand mehr traute. Seit seiner Renovierung, die immer noch andauert, ist es nunmehr die Ausgehmeile schlechthin, das Bermuda-Rechteck der Hauptstadt. Natürlich wird man hier auch ein paar vereinzelte Touristenfallen antreffen, aber insgesamt kann man hier sehr gut abchillen, sobald man sein tägliches Must-see-Sightseeing-Programm absolviert hat.

Landebahn im Ozean

Denn um gewisse völlig uncoole Dinge kommt man hier nicht herum. Für einen Österreicher ist das in erster Linie ein Pflichtbesuch der Kirche von Monte, um dem Sarkophag unseres letzten Kaisers Karl I. die Reverenz zu erweisen. Der unglückselige, wenn auch mittlerweile selig gesprochene Habsburgersprössling starb nämlich hier auf der „Insel der Blumen“ und „des ewigen Frühlings“ ausgerechnet an einer Lungenentzündung.

Eine Inselrundfahrt wird übrigens auch sein müssen. Dieses Unterfangen ist mittlerweile durch die mit EU-Geldern gebauten Tunnels und Autobahnen erheblich erleichtert, wenn auch seiner Romantik und der Gefahren ein wenig beraubt worden. Und doch ist man immer wieder überrascht, wie schroff, wie steil und gefährlich diese Insel ist. Wegen der vielen kolportierten Blumenfotos haben sich die meisten Newbies Madeira viel lieblicher vorgestellt. Aber letztlich ist die Insel ein einziger Berg, ein riesiger Felsen, ein gigantischer Ex-Vulkan, der so wenige ebene Flächen hat, dass man bekanntlich sogar die Landebahn des Flughafens künstlich in den Ozean hinein anlegen musste.
Einen solchen Trip wird man auch dazu benützen, um in einem Landgasthaus die berühmten Espetadas zu verkosten, auf einem Lorbeerstock gegrillte Rindfleischspieße, die dann mittels einer speziellen Aufhängevorrichtung über dem Tisch des Gastes baumeln. Man hält das ja eigentlich für überflüssige gastronomische Folklore – bis man den ersten Bissen getan hat. So ein weiches, mürbes, saftiges und dank des Lorbeers obendrein auch noch aromatisches Fleisch hat man schon lang nicht mehr gegessen. Zahlt sich aus!

Pflichtprogramm ist natürlich auch ein Besuch einer der Madeiraweinkellereien. Und als Bonustrack ist ein Ausflug auf die benachbarte, aber völlig anders geartete, sonnenverbrannte Insel Porto Santo mit ihren Sandstränden und ihrem Columbus-Museum zu empfehlen. Nach der Rückkehr in die Hauptstadt erholt man sich am besten in einem der vielen erst kürzlich entstandenen Spas, die – wie das im Juli dieses Jahrs eröffnete Hotel Pestana CR7 von Christiano Ronaldo – das Image der Insel ebenfalls nach und nach verbessern sollen. Um sich danach endlich ins Nachtleben von Santa Maria und Umgebung zu stürzen und den Coolnessfaktor Madeiras zu testen. Carpe Funchal!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2016)

Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Madeira II: Der viele Fenchel wird langsam cool

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.