Dänemark: Reich, zufrieden, kreativ

Aarhus ist Europäische Kulturhauptstadt. Der Metropole Jütlands geht es gut. Kaum Arbeitslose, 40 Prozent der Bewohner studieren oder haben einen Hochschulabschluss. Dänemarks jüngste Stadt sprüht vor Ideen und legt ein dichtes Programm vor.

Das ARoS und sein Rundgang, ein Kunstwerk von Olafur Elíasson.
Das ARoS und sein Rundgang, ein Kunstwerk von Olafur Elíasson.
Das ARoS und sein Rundgang, ein Kunstwerk von Olafur Elíasson. – ARoS

Das Eingangstor steht offen. Niemand ist zu sehen. Aus einem windschiefen zweistöckigen Fachwerkhaus sägt ein Schnarchen. In einer dunklen Kammer liegt ein alter Mann in einem Holzbett. In seiner Hand hält er eine Flasche. Beim Tisch sitzt ein blondes Mädchen. Sie trägt eine schmutzige Küchenschürze über dem blauen Kleid und schaut verängstigt auf den Schlafenden. Sie scheint aufstehen zu wollen, bewegt sich aber nicht. Sie ist eine lebensgroße Puppe.

In viele Häuser haben die Gestalter des Freilichtmuseums Gamle By Werkstätten eingebaut: Schuster, Tischler oder Töpfer früherer Jahrhunderte in originalgetreuer Umgebung bei der Arbeit. Am Flüsschen ? entstehen auch die 1970er-Jahre neu: ein Schallplatten- und ein Kaufmannsladen im Erdgeschoß alter Backsteinmietshäuser, darüber Wohnungen, eingerichtet wie vor vier Jahrzehnten. In ganz Dänemark wurden für Gamle By seit der Gründung 1909 Gebäude abgebaut und zu einer neuen alten Stadt zusammengefügt: eine Mühle, ein Marktplatz, eine Gärtnerei mit Gewächshäusern. In einem Hinterhof hängt über einer alten Wasserpumpe Wäsche an der Leine, als kämen die Bewohner gleich zurück. In einem Innenhof sitzen zwei Frauen hinter schwarzen Pferdekutschen auf einem Mühlstein bei der Zigarettenpause. Mette schreibt für eine Lokalzeitung an der Westküste. Trotzdem wohnt sie weiter in Aarhus, weil sie „diese Stadt liebt“. Die 33-Jährige hat hier Journalismus studiert. Sie füttert die Pferde und mistet den Stall aus. Im Sommer kutschiert sie Besucher übers Gelände. Wie ihre Kollegin Anna, die sich hier Geld zum Studium dazuverdient, wundert sie sich über das Großprojekt der kleinen Metropole: Aarhus ist heuer Europäische Kulturhauptstadt. „Re-Think“, neu denken, nennen die Macher ihr Konzept. Zwei Millionen Kronen habe die Stadt für eine Werbekampagne ausgegeben, die die meisten Einheimischen nicht verstehen. „Warum Englisch, warum ein so abstrakter Titel?“

Die Suche nach Antworten führt zu einem Ufo, das im Hafen auf der anderen Seite der Innenstadt gelandet ist. Dokk 1 steht in weißer Leuchtschrift auf dem grauen Raumschiff am Wasser. Das Dokk 1 beherbergt eine der größten öffentlichen Bibliotheken Skandinaviens, Bürgerberatung, Tagungsräume, Vortragssäle, Büros. Neben den breiten Stufen haben die Architekten Rollstuhlfahrern komfortable Rampen gebaut. Als „soziale Architektur“ beschreibt Rebecca Matthews die modernen Bauten des Nordens. Offene Treppen, auf denen man sich automatisch begegnet, verbinden die Etagen, helle, hohe Räume, Sitz- und Spielecken. Dänische Gebäude nennt die etwa 50-jährige Leiterin des Kulturhauptstadtprogramms „therapeutisch, denn sie regen den Körper zur Bewegung an“.

Große Themen verhandeln

Matthews ist vor ein paar Jahren aus England nach Aarhus gezogen. Ihre Wahlheimat erlebt sie als „Inkubator für Ideen in Kunst, Kultur und Medien“. An den Hochschulen studieren junge Leute Journalismus, Mediendesign und weitere kreative Fächer. Immer wieder staunt die weltgewandte Britin über den Gemeinschaftsgeist, der in Dänemark nicht nur die Architektur prägt. „Kinder wachsen als Mittelpunkt der Familie frei auf.“ Überall dürften sie spielen, auf den Treppen des Dokk 1, am nahen Strand, auf den vielen verkehrsberuhigten oder autofreien Straßen und den vielen Grünflächen. Das Motto „Re-Think“ versteht Matthews als Anregung, gemeinsam die großen Themen zu überdenken: Landflucht, Umweltzerstörung, Nachhaltigkeit. Im Kulturhauptstadtjahr will sie auf dem World Creativity Forum Künstler, Denker, Wissenschaftler und Leute aus der Wirtschaft zusammenbringen. Kunst soll auf die Menschen zugehen. Im Sommer wird eine vier Kilometer lange Installation die Innenstadt bis zum Hafen führen, eine weitere Jütland von Ost nach West durchqueren. Der Reiseführer „Lonely Planet“ hat Aarhus auf den zweiten Platz der Topziele Europas gesetzt. Und heuer erwartet die Stadt dreimal so viele Kreuzfahrtschiffe wie 2015.

Die Küche des Frederikshøj ist mit einem Michelinstern ausgezeichnet.
Die Küche des Frederikshøj ist mit einem Michelinstern ausgezeichnet.
Die Küche des Frederikshøj ist mit einem Michelinstern ausgezeichnet. – Restaurant Frederikshøj

Frühgeschichte unter Gras

Hinter einem alten Gutshaus toben Schulkinder auf einer schrägen, fussballfeldgroßen Rasenfläche. Das Moesgaard-Museum liegt darunter – es wurde in den Berg gebaut. Drinnen sitzt auf einer breiten Treppe Wissenschaftler Stephen Hawking zwischen einem Indigenen Neuguineas und einer sibirischen Schamanin. Die drei täuschend echt aussehenden Wachsfiguren scheinen angeregt zu diskutieren. Auf den Stufen weisen Steinzeitmenschen den Weg in die Frühgeschichte Dänemarks. Im ersten Raum liegen in grobe braune Stoffe gehüllte Mumien in ihren Särgen. Fundstücke, Bilder, ein Breitleinwandfilm und viele Bildschirminstallationen entführen ins Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. An nachgebauten Figuren und Objekten erspüren Besucher unter einer undurchsichtigen Maske die Mythen und den Glauben jener Zeit. Über Kopfhörer erklärt eine Stimme, was man gerade ertastet: ein mit einem Löwen geschmücktes Schild, Fabeltiere und Gottheiten. Eine Zeitreise zum Hören, Sehen und Fühlen.

Auf dem grünen Dach des mitten im Wald gelegenen Museums wird Europas Kulturhauptstadt ein Wikingerspektakel inszenieren. Vor 1000 Jahren gründeten die Nordmänner Aarhus an einer geschützten Bucht. Erst in den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Stadt vom Wasser abgewendet. Am Hafen standen Lagerhäuser, Fabriken, Kräne und Lastwagen. Die Flächen dazwischen dienten dem Auto- und Warenverkehr. Jetzt baut sich die Stadt eine neue Promenade. An deren nördlichem Ende wächst Zukunftsarchitektur in den Himmel. ?rhus Ø, Aarhus Ö, heißt das neue Quartier für 8000 Menschen hinter der Strandbar mit ihren Beachvolleyball-Feldern.

Als „Garten am Wasser“ preist die Stadt ihr neues, von Kanälen durchzogenes Viertel: Wolkenkratzer, Bauten mit kurvigen Formen, das einem Leuchtturm nachempfundene Lighthouse und der Eisberg, ein bizarr geformter Komplex aus scheinbar ineinanderverschachtelten Appartements. „Die sind wohl gerade beim Abendessen und haben keine Zeit für uns“, meint Hindrik über die 18.000 Schweinswale, die sich angeblich in der Meeresbucht vor Aarhus Ø tummeln. Mit einem Freund hat Hindrik die Sea Rangers gegründet. Mit Schnellbooten fahren die beiden Gruppen hinaus, um uns das Leben im Wasser zu zeigen. Kurz taucht tatsächlich eine bleigraue Flosse auf, um sofort wieder zu verschwinden. Marswin, Meerschweine, heißt die kleinste Delfinart auf Dänisch. Vor 30 Jahren sei die See hier tot gewesen, mit Abwässern vergiftet. Heute gebe es wieder reichlich Fische, Seehunde und neues Leben an den künstlichen Riffen, die die Sea Ranger angelegt haben. Nach gut einer Stunde Suche nach Schweinswalen, einem Vortrag über die Wikinger, die hier vor 1000 Jahren ihre Stadt gründeten, den Stadtumbau am Wasser, dem Blick auf den Hafen und die Seeseite der Neubauten von ?rhus Ø steht die Gruppe wieder auf festem Boden. „Bei uns sind die Leute einmal ganz offline“, freut sich Organisator Hinrik.

Das Motto der Europäischen Kulturhauptstadt leuchtet vor dem von Arne Jacobsen und Erik Møller errichteten Rathaus.
Das Motto der Europäischen Kulturhauptstadt leuchtet vor dem von Arne Jacobsen und Erik Møller errichteten Rathaus.
Das Motto der Europäischen Kulturhauptstadt leuchtet vor dem von Arne Jacobsen und Erik Møller errichteten Rathaus. – Aarhus

Straßengemütlichkeit

Aus einer Seitenstraße in der Altstadt dringen Johlen und Singen. Die Studenten sind wieder da. „Heute ist der zweite Tag an der Uni. Da ziehen wir durch die Stadt“, erklärt eine Blonde mit einer Flasche Sekt in der Hand. Sie liebt Aarhus, „groß genug, um viele Anregungen zu bekommen und dabei überschaubar“. Um die Ecke beginnt das Latinerkvarteret (Quartier Latin). So nennen die Einheimischen ihr Ausgehviertel mit bunten Cafés, Pubs und Designerläden. „Gadehygge in Mijlgade“ steht auf einem großen Plakat an der Rückwand der Bar Ras Ras. Übersetzen könnte man das Wort am ehesten mit Straßengemütlichkeit. Leute kommen und gehen. Viele begrüßen sich herzlich. „Hier kann jeder so sein, wie er will, wenn er mag auch im Pyjama herumrennen“, freut sich Studentin Karen. „Trotzdem lebt man in einer vertrauten Umgebung. Hier triffst Du immer Leute, die du kennst“, ergänzt sie.

Schade findet die 22-Jährige, dass zahlreiche Musikclubs schließen müssen, weil sie die teuren Mieten nicht mehr bezahlen können. Dennoch halten sich einige dank staatlicher oder städtischer Unterstützung. Im Headquarter, dem HQ, gegenüber der Musikhochschule organisiert Magnus die wöchentliche Open Mike Night. Liedermacher, die dort auftreten wollen, bewerben sich bei ihm. Sogar werktags sind fast alle Stühle besetzt. Die Gäste lauschen konzentriert. Magnus selbst spielt in drei Bands. Im HQ gibt er Anfängern genauso eine Chance wie etablierten Musikern. Obwohl längst bekannt, treten viele von ihnen gern hier auf, „weil sie die intime Atmosphäre schätzen“. Liedermacher Svend Seegert ist heute nur zum Zuhören gekommen, spielt aber tags darauf im Gyngen, einem winzigen Club in einem alten Hinterhof an der Mijlgade. Der 56-Jährige zeigt „sein“ Aarhus: die Mühlgasse mit ihren niedrigen Backsteinhäuser etwa. „Früher wohnten hier die armen Leute, die sich nichts anderes leisten konnten. Inzwischen sind die Reihenhäuschen mit den Vorgärten liebevoll restauriert und teuer. Statt Verkehrslärm hören die Bewohner mitten in der Stadt die Vögel zwitschern. Svend hat Musikwissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Seitdem schlägt er sich als Liedermacher und Musiklehrer durch. Inspiration für Songs gewinnt er aus Begegnungen mit seinen Freunden oder Liebesgeschichten, an die ihn viele Plätze der Stadt erinnern. Das neue Aarhus liegt hinter dem ehemaligen Güterbahnhof, den die Stadt zum Kulturzentrum umgebaut hat. Junge Leute haben das weitläufige Freigelände zwischen den stillgelegten Gleisen besetzt, improvisierte Cafés und ein kleines Restaurant eröffnet. Viele leben und arbeiten in Containern, die sie in gemütliche Behausungen verwandelt haben. „Mad Bar“ steht in weißer Handschrift auf einer schwarzen Tafel an einem der rostbraunen Container. Durch das eingeschnittene Fenster schenkt Christian Kaffee aus.

Die beiden versetzt übereinandergestapelten Schiffscontainer gegenüber hat sich der 30-Jährige zur Wohnung umgebaut: Decke und Wände isoliert, innen mit Holz vertäfelt, einen Fußboden verlegt, Fenster und eine Tür hineingeschnitten. Mit einem Geschäftspartner will er damit Geld verdienen: „Wir kaufen gebrauchte Container, bauen sie aus und vermieten oder verkaufen sie weiter: eine Marktlücke angesichts der Wohnungsnot in Europas Großstädten.“ Das junge, bunte Aarhus zeigt ein Europa, wie man es sich wünscht: eine Stadt voller Ideen, tolerant und offen für Neues, ohne seine Geschichte der Abrissbirne zu opfern.

Info: www.visitaarhus.de, www.aarhus2017.dk

Compliance-Hinweis: Die Reise in die Europäische Kulturhauptstadt wurde von Visit Denmark und Visit Aarhus unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.1.2016)

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