Die Sundowner von Bentota

Alkohol ist auf Sri Lanka nicht leicht zu bekommen. Aber ein Cocktail zum Sonnenuntergang wird doch wohl drinnen sein?

Andrea Lehky

Der Flug war lang und beschwerlich. Dann noch drei Stunden für die 85 Kilometer zwischen der Hauptstadt Colombo und meinem Ziel Bentota. Dabei ließe sich das mit der Autobahn auf zwei Stunden verkürzen. Aber die mögen die Taxifahrer nicht so gern. Man muss sie schon konkret auffordern, die Autobahn zu benutzen, und fünf Euro auf die ohnehin schon happige 55 Euro-Fuhre drauflegen. Wer weiß das schon beim ersten Mal? So windet sich mein (bis auf den Fahrer und mich unökonomisch leeres) zwölf-Personen-Taxi durch die Dörfer, durch unsägliches asiatisches Verkehrsgewirr. Wir stoppen mehr als dass wir fahren. Als wir endlich in Bentota ankommen, steht die Sonne schon tief. Ich bin geschlaucht. Reif für den perfekten Begrüßungssonnenuntergang. Am Strand. Mit einem bunten Cocktail in der Hand. Jetzt.

Genau genommen kann ich zwischen zwei Stränden wählen. Näher liegt die zwei Kilometer lange Moragalla Beach am Festland. Nach links versetzt, auf einer parallel zur Küste vorgelagerten schmalen Halbinsel, lockt die eigentliche Bentota Beach, für mich nur per Boot zu erreichen. Die Sonne lässt mir keine Zeit, ich laufe direkt zur näher gelegenen Moragalla Beach. Was soll ich sagen? Flach, breit, weißer Sand, sanft heranplätscherndes Meer. Diskret im Hintergrund verstecken sich ein paar Hotelanlagen hinter Palmen und Grünzeug. Ganz wenige Leute. Der Strand ist mein. So gut wie. Etwa in der Mitte der weißen Pracht stehen ein paar Verkaufsstände. Fast gar nicht lästige Strandverkäufer streichen herum und sprechen jeden Weißhäutigen an. „Good evening, 'mam, how are you?“ Immerhin, höflich sind sie, wenn auch ein wenig lästig. Schmuck und Edelsteine spottbillig am Strand kaufen kann man auch nicht alle Tage. Trotzdem winke ich freundlich ab, ich will nur meinen Cocktail. Ein Tipp, wo ich den herbekomme?

Man weist mich in Richtung des einzigen Cafés direkt am Wasser. Viele bunte Schilder und verschiedenfarbige Sesseln stehen dort. Das macht die Südwestküste Sri Lankas so beliebt: Jeden Abend versinkt die Sonne höchst idyllisch im Meer. Ich schnappe mir den schönsten Platz, winke den Kellner heran und bestelle eine Margarita. Was das sei?, fragt er. Ein Cocktail, antworte ich ein wenig irritiert. Hat er nicht. Ob er andere Cocktails hat? Nein. Die Sonne steht schon sehr tief, zu spät, um weiterzuziehen. Was er denn sonst so hat? Mango Lassi. Gut, ein Mango Lassi bitte. Nein, sagt er. Warum nein? Weil ich im falschen Lokal sitze. Seines wäre das mit den blauen Sesseln. Ich sitze auf einem weißen Sessel. Dieser Kellner ist gerade nicht da. Der von den braunen Sesseln auch nicht.

Ich verstehe: Hier teilen sich drei Lokale einen Platz. Seufzend wechsle ich auf einen der blauen Sessel und der Kellner zieht zufrieden ab. Die Sonne geht unter. Noch immer kein Mango Lassi. Macht nichts, der Himmel leuchtet rot und blau und violett. Gigantisch. Die Anfahrt ist vergessen, Frieden kehrt ein. Was für ein wunderbarer Strand. Es ist schon dunkel, als das Mango Lassi endlich kommt. Ob es am Strand auch richtige Cocktails gibt?, frage ich den Kellner. Den Hotels im Hintergrund will ich fernbleiben, sie sind zu weit weg vom Meer. Ganz am Ende des Strandes, sagt der Kellner, wo es schon steinig wird, dort hätte eine Deutsche eine kleine Anlage. Er hörte, sie dürfe Bier servieren. Dort solle ich es einmal probieren. Ich lerne: Ein Cocktail ist auf Sri Lanka keine gewöhnliche Sache.

Campari pur
Campari pur
Campari pur – Andrea Lehky
Tag 2, zweiter Versuch. Ich wandere wieder den Strand entlang, über sein Ende hinaus, über einen betonierten Steig und stehe plötzlich im erwähnten „Ypsylon“. Die kleine Anlage direkt am Wasser ist fest in deutscher Hand. Das Publikum: deutsche Pensionisten jenseits der 70. Sie beäugen mich misstrauisch. Die Liegen haben sie vorsorglich schon für den nächsten Morgen reserviert. Ich nicke freundlich und setze mich möglichst selbstverständlich auf einen der freien Tische am Strand. Irgendwem nehme ich bestimmt den Stammplatz weg. Nach gebührender Wartezeit – Stammgäste first – bringt ein Kellner die (selbstverständlich deutsche) Karte. Bier, Wein, Cocktails, alles da, nur keine Margarita. Macht nichts, Campari ist auch fein.

Serviert wird mir ein Whiskyglas, randvoll mit unverdünntem Campari. Untrinkbar. Ich bestelle einen Liter Mineralwasser und verdünne das Konzentrat so lange, bis es genießbar ist. Das dauert seine Zeit und hinter mir murren die Pensionisten über die gestörte Ordnung. Zur Eskalation kommt es nicht, weil eine dicke Regenwolke die Stammgäste in das überdachte Restaurant treibt. Ich laufe über den Strand zurück, werde klatschnass und lerne: Vor längeren Touren ist der Himmel zu beobachten. Regen kündigt sich lange vorher mit einschlägigen Wolkentürmen an. Die Regenzeit hat heuer zwei Monate zu früh begonnen, sagen sie mir in meinem Hotel (das natürlich keine Cocktails führt. Sonst würde ich ja nicht nach ihnen suchen.)

Tag 3. Ein kleines Boot setzt mich über zu der vorgelagerten Halbinsel. Dort führt ein Pfad durch den yukkaverwachsenen Dschungel. Quer über den Weg läuft auf Bauchhöhe ein Stromkabel. Hoffentlich rennt da niemand hinein. Auf der anderen Seite braust das offene Meer, tobt wütend gegen den – ebenfalls perfekten, schneeweißen, flachen – Sandstrand. Auf dem langen Weg von Indien nach Sri Lanka hat das Meer Schwung genommen und donnert mit mannshohen Wellen gegen das Land. Die Moragalla Beach von gestern ist wegen der vorgelagerten Halbinsel geschützt, hier prallen sie mit voller Wucht an.

Ich will gar nicht wissen, wie das war, als 2004 der Tsunami einschlug. Schwimmen ist auch bei Windstille ein Risiko. Überall warnen bunte Fahnen, zu heimtückisch und gefährlich ist die Strömung heute wieder mal. Vor ein paar Tagen wollten das zwei unbelehrbare Touristen nicht glauben, erzählt ein Strandverkäufer, der mir eigentlich einen Schnorchelausflug andrehen will. Einer der beiden Schwimmer wurde am nächsten Tag tot geborgen, der andere kämpfe im Spital um sein Leben. Es schaue nicht gut für ihn aus.

Ich verzichte dankend auf den Schnorchelausflug und wandere weiter. Aus dem Yukkadickicht schälen sich mehrere Hotelanlagen heraus, je weiter nördlich, desto luxuriöser. Alle sind fest eingezäunt und von Securitys bewacht. Die wenigsten Gäste haben Sehnsucht nach dem Strand, sie verbringen ihren Urlaub lieber am unnatürlich grünen Rasen innerhalb der Zäune. Draußen gibt es keine Cocktails. Bevor es dunkel wird, wandere ich wieder zurück. Ich will nicht das Stromkabel übersehen.

Der Sonnenuntergang. Ein Farbenspiel.
Der Sonnenuntergang. Ein Farbenspiel.
Der Sonnenuntergang. Ein Farbenspiel. – Andrea Lehky

Tag 4. Heute schaue ich mir die ineinander übergehenden Orte Aluthgama und Bentota an. Sie bestehen aus einer langen, zweispurigen Straße in einigem Abstand parallel zum Strand, dicht befahren, ein kleiner Shop neben dem anderen, Ayurveda-Medikamente, aufblasbare Schwimmtiere, Lotterielose, Fisch. Menschengruppen wurln durcheinander, Buddhisten, Hindus, Muslime und vereinzelt Touristen. Richtig dicht wird es rund um den Busbahnhof und am kleinen, mit Planen beschatteten Gemüsemarkt. Wer stehen bleibt, wird augenblicklich von Verkäufern angeredet. Neben mir bremst sich quietschend ein Minibus ein. Eine Gruppe Franzosen quillt heraus und und strömt weiter in eine Weinhandlung. Die einzige in der Stadt, antwortet eine Schuhverkäuferin auf meinen fragenden Blick. Die Franzosen wirken geschafft. Als sie die Weinhandlung wieder verlassen, schleppen sie prall gefüllte Plastiktaschen. Ihre Wangen sind rot.

Ich wandere weiter. Genau gegenüber einer Müllhalde soll ein vielgepriesenes Restaurant liegen, hat man mir gesagt. Dort hätte ich eventuell die Chance auf einen Cocktail. Das Restaurant ist da, es heißt „Pier 88“ und hält viel mehr, als sein Eingang verspricht. Eine idyllische Terrasse blickt über das Wasser, still und friedlich, alte Bäume, Teelichter. Was für ein Kontrast zum Chaos da draußen! Und Cocktails haben sie auch. Genau genommen eine kleine Auswahl Fruchtjuices mit Arrac, dem lokalen Kokosschnaps. Ich koste einen und bin geheilt. Denn das „Pier 88“ hat etwas weit Kostbareres zu bieten: eine echte italienische Espressomaschine, echten Lavazza Kaffee, zubereitet von angeblich echte Barristas. Wer braucht noch Cocktails, wenn er endlich wieder einen richtig guten Kaffee haben kann?

Tag 5. Mit Reisebekannten in Galle, der entzückend kolonialen Provinzstadt - ein Schmuckkästchen, das nach dem Tsunami liebevoll restauriert wurde. Wir gehen Curry essen. Curry passt immer: zum Frühstück, zu Mittag, am Abend. Es gibt sie mit Fisch, mit Fleisch und vegetarisch. Kurzum: Man kann nichts falsch machen. Kann man doch: Wenn man den Männern das Bier dazu verweigert. Aber das ist nun wirklich keine Überraschung mehr. Dafür sind die frischgepressten Säfte ein Gedicht.

Tag 6. Mein Zeit in Bentota neigt sich dem Ende zu. Gefunden habe ich viel Schönes, aber noch immer keinen perfekten Sundowner. Ich bestehe darauf: Wenigstens zum krönenden Abschluss will ich meine Margarita. Ich ziehe mein bestes Strandkleid an, adrette Sandalen und lasse mich mit dem Boot zur Halbinsel übersetzen. Am wie immer tosenden Meeresstrand findet gerade eine Hochzeit statt, ein britischer Eton-Absolvent heiratet eine wunderschöne indische Prinzessin. Der Sturm verweht die Feier ein wenig und die Kellner des zugehörigen Viersternhotels sind so damit beschäftigt, die Tischtücher wieder einzufangen, dass sie nicht bemerken, dass die Bowlestation nicht nur von geladenen Gästen frequentiert wird.

Ich grinse, erfreue mich an der Braut im Sturmwind und wandere weiter, zur Fünfsternanlage „Vivanta by Taj Bentota“ am Ende des Strandes. Die Sonne steht schon tief, so wie an meinem ersten Abend, und taucht die Szene in ein warm-goldenes Licht. Roomnumber, please?, fragt mich der Security am Gitter. 233, flunkere ich mit meinem schönsten Lächeln. Und schon öffnet sich das Tor und ich flaniere über den unnatürlich grünen Rasen, bis ich etwas erhöht die geschmackvolle Bar mit Meerblick finde.

Ein Kellner, auserlesen freundlich, macht mir sofort einen Platz in einer windstillen Nische frei und bringt mir 1) eine Moskitospirale, 2) Wasabinüsse und 3) – ich glaube es kaum - eine zentimeterdicke Cocktailkarte. Ob ich wohl eine Margarita haben könnte?, frage ich. Weiß oder rot?, antwortet der Kellner. Es gibt rote Margaritas? Er lächelt milde. Ich möchte eine klassische in Weiß. Zwei Minuten später steht sie vor mir, eiskalt, köstlich und mit kleinem Salzrändchen. Endlich habe ich meinen perfekten Sundowner. Das Leben kann so einfach sein. Täusche ich mich oder zwinkert mir die Sonne zu?

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