Von Å nach Reine: Der Weg in den Norden

Eine Wohnoption: Rorbuer, alte Fischerhäuser.
Eine Wohnoption: Rorbuer, alte Fischerhäuser.
Eine Wohnoption: Rorbuer, alte Fischerhäuser. – (c) Sónia Arrepia

Stockfisch überall. Er trägt wesentlich zum Erscheinungsbild der Lofoten bei, optisch wie olfaktorisch. Von Jänner bis April, wenn die Kabeljauschwärme zum Laichen vorbeiziehen, werden die Fische gefangen, ausgenommen und für drei Monate zum Trocknen aufgehängt. Das Golfstromklima ist dafür ideal. Holzgestelle mit paarweise aufgehängten Fischen oder Fischköpfen schmücken die gesamte Inselgruppe. Und das kann man auch riechen. Die Fischköpfe werden anschließend nach Nigeria verschifft und zu Fischmehl verarbeitet. Der Stockfisch selbst hat eine kürzere Reise vor sich, die größten Fans sind – außer den Norwegern selbst – die Italiener. Fischfang ist die wichtigste Einnahmequelle der Lofoten, wovon man im südlichsten Dorf, das wegen des kürzesten Ortsnamens der Welt – Å – als Selfie-Hintergrund berühmt ist, einen Eindruck bekommt: Ein Rorbuer, eine alte Fischerunterkunft wurde zum Museum. Betritt man die winzige, dunkle Hütte, sieht man, wie die Fischer damals gewohnt haben. Acht Männer teilten sich Arbeits- und Wohnraum. In einem wurden die Fangnetze geflickt und die Utensilien aufbewahrt, im anderen gekocht und in kleinen Kojen geschlafen. Zwei Löcher mit Holzdeckel im Boden: die Sanitäranlage. Der einzige Privatbesitz der Seemänner wurde in einer Truhe verstaut. Auch heute kann man in einer alten Holzhütte wohnen, und das wesentlich komfortabler: Etliche Rorbuer wurden aufwendig renoviert und zu Ferienhäusern.

Norwegens Vorliebe für Rot

Bei einem Spaziergang durch ?stechen die rot gestrichenen Holzhäuser hervor, andere Farben sind rar. Aus einfachem Grund: Rot konnte aus dem eigenen Kupferabbau gewonnen werden, weiße Farbe musste importiert werden und war daher teuer. Nur wohlhabende Familien wie der Bürgermeister konnten sich das leisten. Und manchmal wurde auch ein wenig nachgeholfen: Drei Seiten wurden weiß gestrichen, die Rückseite in Rot. Auch wenn der Farbimport heute kein Problem mehr darstellt, die Vorliebe für rote Holzhäuser ist den Norwegern geblieben.

Von ? aus sind die Lofoten über die Norwegische Landschaftsroute verbunden. Unter diesem Namen erstrecken sich 18 Fernstraßen über ganz Norwegen – mit dem Fokus auf die vielfältige Landschaft. Aussichtspunkte und Rastplätze wurden von Architekten gestaltet. Ein goldenes WC-Häuschen etwa erlangte Berühmtheit. Die Route auf den Lofoten misst 184 Kilometer und verbindet kurvenreich entlang der Fjorde das nördliche und das südliche Ende. Vor allem aber lernt man die Lofoten abseits der Straße kennen. Markierte Wanderwege führen durch die Fjordlandschaft, zu Bergspitzen und zahlreichen Stränden. Der idyllische Fischerort Reine etwa ist Ausgangspunkt einer leichten Wanderung, die auf einer kleinen Fähre beginnt. Das Boot tuckert durch die Fjorde, die von mächtigen Gebirgsspitzen ringsum umgeben sind. Einmal angelegt, führt die Tour durch Vindstad, wo früher Fischer mit ihren Familien und Schafen gelebt haben, heute sind die Häuser nur mehr im Sommer bewohnt, wenn Touristen auf die Lofoten strömen. Nach 2,5 Kilometern ist der Bunesstrand zu sehen, von schroffen Klippen umgeben. Nur ein einsames Haus am Ende der Bucht scheint Wind und Wetter zu trotzen. Am Sandstrand ist von Weitem eine weiße Skulptur zu erkennen. Doch näher gekommen stellt man fest, dass es sich um das Unterkiefer eines Wals (vermutlich Pottwals) handelt. Dann schweift der Blick aufs offene Meer, das bis zur Küste Grönlands reicht.

Sportlich im Nordmeer

Mit etwas leichterem Zugang, aber nicht weniger idyllisch ist der Haukland-Strand nahe Leknes. Hier hat Ole Kristian Larsen mit seiner Frau, Katrine, aus einem ehemaligen Kraftwerk ein kleines Wassersportzentrum aufgebaut. Kristallklares Wasser und weißer Sandstrand sind auch hier die Kulisse für Kajakfahren, Stand-up-Paddeln oder das Erlebnis, einmal bei zwölf Grad im europäischen Nordmeer zu schwimmen. Keine Sorge, Neoprenanzüge werden ebenfalls verliehen. Oder man spaziert den Strand entlang und beobachtet die Seeadler, wenn sie auf der Suche nach Fischen durch die Luft gleiten. Das Zelt lässt sich hier auch aufschlagen, denn freies Campen ist in Norwegen fast überall erlaubt, die Rücksichtnahme auf die Natur als einzige Grundregel.

Dass sich nordische Strände zum Reiten eignen und die Mitternachtssonne dies spätabends ermöglicht, zeigt sich auf dem Hof Hestegard. Auf gutmütigen Islandponys werden je nach Vorkenntnis unterschiedliche Ausritte angeboten. Und auch wenn Pferd und vor allem Reiter um 23 Uhr schon etwas müde sind, diese Lichtstimmung lässt das vergessen. Ein ansteckendes Lebensgefühl – „follow the north“: der Wind, der am Strand die Haare durchwirbelt, eine Robbe, die Spaziergänger beobachtet, die Brandung, die man riechen und schmecken kann– und das warme, goldene Licht der Mitternachtssonne. Das alles gilt es zu entdecken, auf dem Weg in den Norden.

DIE PFOTE DES LUCHSES

Lofoten: Nördlich vom Polarkreis an der Westküste Norwegens. Der Archipel mit sieben Haupt- und vielen kleinen Inseln lässt sich am besten im späten Frühling und Sommer erkunden – bei mitteleuropäerfreundlichen Temperaturen und Mitternachtssonne.

Anreise: Flug nach Oslo und Bodø, z.B. mit Norwegian. Von dort weiter per Fähre oder Propellermaschine (widerøe).

Essen: Anitas Sjomat (Sakrisoy), Restaurant Gammelbua (Reine).

Übernachten: Reine Rorbuer (www.classicnorway.com), Lofoten Link Lodges (www.lofotenlinks.no).

Info: www.visitnorway.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2017)

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