Sri Lanka: Ayurveda, wie es wirklich ist

Warmes Öl rinnt ihnen über die Stirn. Sie lächeln tiefenentspannt, die schönen jungen Frauen auf ihren blütenweißen Badetüchern, die für mehr oder weniger exklusive Ayurveda-Institute werben. In Wirklichkeit muss man auf einiges gefasst sein.

Der weithin sichtbare Buddha des Kande-Viharaya-Tempels in Moragalla, südlich der Hauptstadt Colombo.
Der weithin sichtbare Buddha des Kande-Viharaya-Tempels in Moragalla, südlich der Hauptstadt Colombo.
Der weithin sichtbare Buddha des Kande-Viharaya-Tempels in Moragalla, südlich der Hauptstadt Colombo. – (c) Andrea Lehky

Fünfzehn Stunden Flug bis Colombo, mit Umsteigen. Mehrere Taxistunden zum Hotel (je nachdem, ob der Taxifahrer auf den Highway auffährt oder nicht. Sie mögen ihn nicht. Aber das ist eine andere Geschichte.) Man ist geschlaucht, wenn man am Ziel ankommt, so oder so.

Und jetzt Ayurveda. Jetzt gleich. Man hat Bilder im Kopf: wunderschöne junge Frauen auf blütenweißen Badetüchern. Sie lächeln tiefenentspannt, wenn ihnen das warme Öl die Stirn herunterrinnt. Ein paar Orchideen sind auch im Bild.

Lila Seerosen in der Schale.
Lila Seerosen in der Schale.
Lila Seerosen in der Schale. – (c) Andrea Lehky

Die Wirklichkeit kann ganz anders aussehen. Eine resche Ayurveda-Ärztin in einer baufälligen Hütte am Straßenrand. Fünf-Liter- Plastikflaschen mit dunkelgrünem Öl in den Regalen, Kräuter und Wurzeln. Keine Frage zur Befindlichkeit, nur eine knappe Kopfbewegung in Richtung Massagekabine. Dort eine speckige Plastikliege, die Handtücher löchrig und graugrün vom vielen Öl. Nicht nachdenken, wie viele Menschen da schon darauf gelegen sind.

Sparen wir uns die Details. Nur so viel: Auch an solchen Stätten kann man großartige, hochprofessionelle Ayurveda-Behandlungen bekommen. Bloß die Tiefenentspannung stellt sich nicht ein.

Grüne ayurvedische Suppe (die sogar gut schmeckt)
Grüne ayurvedische Suppe (die sogar gut schmeckt)
Grüne ayurvedische Suppe (die sogar gut schmeckt) – (c) Andrea Lehky

Es geht auch anders. Ein kleines Ayurvedainstitut abseits der lärmenden Straße, liebevoll ausgestattet, blitzsauber und perfekt für eine mehrtägige Kur. Hölzerne Sitzbänkchen im Schatten, Blick auf Goldfischteich und Seerosenschalen. Üppig blühende Bougainvillea rankt um das Schatten spendende Vordach.

Zweiter Versuch

Auftritt: der Doktor. Er ist sich seines Rangs bewusst. Zehn Jahre habe er Ayurveda studiert, sagt er würdevoll, dann verlangt er nach dem Handgelenk der Klientin. Keine Fragen nach den Wehwehchen, er will nur den Puls tasten. Schweigt eine Minute und murmelt dann beeindruckend sicher seine Diagnose. Es stimmt alles. Woher weiß er das?

Jetzt erst darf man Fragen stellen. Die beantwortet er allerdings nicht, sondern wirft nur seiner Assistentin ein paar Kommandos zu. Behandlungen, Arzneien, Tees. Man versteht kein Wort. Fortan werden jeden Morgen zwei riesige Thermoskannen – eine mit kochheißem Wasser, eine mit unsäglich bitterem Tee – vor der Zimmertür stehen. Dazu ein Schälchen mit erdfarbenen Tabletten und roten Pillen, alles ohne Beipackzettel. Wofür sie sind? Man weiß es nicht. Ob man sie einnimmt, ist eine höchstpersönliche Entscheidung. Auf Sri Lanka gilt auch Quecksilber als Medizin.

Aber noch sitzt man beim Doktor. Die Assistentin winkt ein Rudel Masseure beiderlei Geschlechts herbei. Die lächeln einen aufmunternd an. Ob männliche Masseure ein Problem sind, fragt die Assistentin. Man lernt: Frauen dürfen es sich aussuchen, Männer bekommen nur Männer. Ayurveda versteht sich als seriöse Wissenschaft.

Die meisten Frauen wünschen sich für die Körpermassage weibliche Masseure, für alles andere ist es ihnen egal. Die Assistentin bellt ein paar Befehle, das Rudel stiebt auseinander. Einer der jungen Männer deutet freundlich, ihm zu folgen. Er geht voraus, treppauf, treppab in einen wildromantischen Behandlungsraum mit dekorativ verputzten Lehmwänden und – ha! – zwei hübschen weißen Orchideen in Hängetöpfchen. Der hintere Teil des Raums ist zum Himmel hin offen. Dort ist der Boden mit runden Steinen belegt, zwischen denen Wasser versickern kann. Wenn es regnet, ist man mittendrin und doch im Trockenen. Sehr idyllisch.

Wechselbad der Gefühle

Der nette junge Masseur überreicht einem mit ehrfürchtiger Geste ein frisch geplättetes Höschen, bestehend aus zwei aneinandergenähten Stoffdreiecken mit Bändern an den Seiten. Das soll man an-, alles andere ausziehen und sich mit dem Gesicht nach unten auf das Bett legen. Dann zieht er sich diskret zurück.

Und jetzt kommt er endlich, der Ayurveda-Hochglanzbroschürentraum. Erster Gang: der Akupunkteur. Er steckt mit kundiger Hand Nadeln in Kopf und Körper. Während die wirken, knetet der junge Masseur die Füße, bis zum gerade noch erträglichen Schmerzpunkt.

Als Nächstes kommt eine junge Frau, zieht die Nadeln wieder heraus und gibt eine unverhofft zarte Gesichtsmassage. Sie streichelt alle Reisespuren weg und schiebt die Bäckchen schön nach oben. Nächster Gang: die bewusste Körpermassage – tatsächlich von einer Lady, deren wissende Hände auch nicht vor Schilddrüse, Brust und Gedärm zurückschrecken. Zum Abschluss „stempelt“ sie den Rücken mit kochend heißen Kräutersäckchen. Das tut in der ersten Sekunde weh, weil die Säckchen gerade noch über brodelndem Wasserdampf köchelten. Kaum lässt der Schmerz nach, will man mehr. Wohlweh.

Bleib liegen, deutet die Lady. Jetzt kommt die Kopfmassage. Was, noch etwas? Nach ein paar Minuten Rasten (prompt eingeschlafen) betritt ein Mann den Raum und heißt einen fest in ein Badetuch gewickelt auf einem Sessel Platz nehmen. Dann träufelt er warmes Öl auf den Scheitel. Das verrubbelt er zuerst und drückt, schiebt, krault dann den ganzen Kopf. Mit Ohren. Später wird es eine Stunde dauern, das Öl (es ist grün) aus den Haaren zu waschen und eine weitere, die Haare zu entknoten. Egal – jetzt ist es genial.

Bleib liegen, sagt die Lady erneut. Jetzt kommt Shirodhara. Der legendäre Stirnguss! Dabei kann viel schiefgehen. In Ungarn, in einem Thermenhotel, tropfte einmal eine Unkundige das Öl aus zwanzig Zentimetern Entfernung auf die Stirn. Es fühlte sich an wie eine chinesische Folter. Auf Sri Lanka weiß man es besser. Durch ein winziges Loch im Boden des Ölbehälters wird, von einem kleinen Stein im Topf festgehalten, ein dünner Faden gefädelt. An dem rinnt das warme Öl entlang und fließt so sanft auf die Stirn, dass man keine Tropfen mehr unterscheiden kann. Professionelles Shirodhara braucht zwei Behandlerinnen: Eine führt den Öltopf behutsam von links nach rechts die Stirn entlang, immer im gleichen langsamen Rhythmus, links – rechts – links – rechts. Dass sie ihr Handwerk beherrscht, erkennt man daran, dass kein Tröpfchen in Richtung Ohr oder gar ins Ohr (sehr unangenehm!) hineinrinnt. Eine weiche Kreppbinde auf Höhe der Augenbrauen sorgt dafür, dass auch die Augen kein Öl abbekommen.

Das Öl fließt die Haare entlang auf den Tisch, wo es über Kanäle in Flaschen darunter geleitet wird. Mit diesem Öl füllt die zweite Behandlerin den Topf immer wieder auf, wieder so behutsam, dass die Klientin nichts bemerkt.

Schlaf gut!

Über gut 15 Minuten spürt sie nur die wandernde Wärme auf der Stirn, verfolgt sie unter geschlossenen Lidern mit ihren Augen und synchronisiert dabei (schlag nach in der Kinesiologie) ihre beiden Gehirnhälften. Wenn sie denn nicht selig einschläft. Genau das tun die meisten.

Liebevolle Behandlerinnen lassen sie schlafen, bis sie alles wieder abgebaut haben. Zum Zurückkommen gibt es ein paar Minuten Schulterkneten („You work office, right?“– mit der Grammatik sollte man es nicht so genau nehmen.)

Es folgt der letzte Gang: die Kräutersauna. Die entpuppt sich als abgedichteter Zweipersonenschrank aus Holz, der so lang mit Dampf vernebelt wird, bis man schwindlig wieder heraustaumelt.

Dafür ist ein Großteil des Öls mit Schweiß vermischt wieder abgeronnen (nur das in den Haaren nicht, versteht sich). Drei Stunden sind über der Behandlung vergangen. Drei wunderbare Stunden, nach denen man fix und fertig ist. Man sollte sich die Haare waschen, denkt man, zurück im Zimmer. Vorher vielleicht noch fünf Minuten aufs Bett legen. Aufwachen wird man ein paar Stunden später.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2018)

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