Krim

Jalta: Das beliebteste Urlaubsziel wohlhabender Russen

Mit seinen Palmen und Palästen ist Jalta das Zentrum des Strandlebens auf der Krim. Die Stadt ist seit langem das beliebteste Urlaubsziel der Russen und früher, vor der Annexion, auch der Ukrainer.

An der Riviera des Schwarzen Meeres
An der Riviera des Schwarzen Meeres
An der Riviera des Schwarzen Meeres – (c) REUTERS (Shamil Zhumatov)

Eintausendzweihundert Meter hohe Berge umschließen Jalta wie in einer sanften Umarmung. Die kieferbekleideten Hänge fallen steil ab und treffen unten aufs Schwarze Meer. Das ist gottlob nicht schwarz, sondern hellblau. Ablandige Brisen von den Bergen herunter treiben das leicht gewellte, gekräuselte Meer in Richtung Horizont im Südosten. Die Brise bringt kühle Luft aus den Bergen und verleiht dem Nachmittag eine angenehme Frische.

Eine Mischung von lokalen und russischen Gästen frequentiert den Strand. Westliche Besucher sind auf der Krim nur vereinzelt auszumachen – wenn man sie als solche überhaupt erkennt. Am Strand sitzt die 26-jährige Katja mit den Zehen in der Brandung und schaut verträumt durch ihre Sonnenbrille. Ihr buntes Sommerkleid passt gut zu den trägen Wellen.

Von Murmansk nach Jalta

Ein paar Schritte weiter genießen drei Generationen russischer Männer gemeinsam den Strandurlaub. Der 63-jährige Großvater Anatolij ist mit seinem Sohn und Enkelsohn aus dem eisigen Murmansk an der Barentssee angereist. Einen ganzen Monat verbringen sie zusammen auf der Krim, um dem kälteren Wetter in ihrer Heimatstadt nördlich des Polarkreises zu entkommen. Ihre Erzählungen, wie sie die strengen Winter an der Eismeerküste aushalten, scheinen hier in den Subtropen unwirklich – wie ein ferner und unangenehmer Traum.

Dieses Gefühl wird von den vorbeischippernden Jachten nur noch verstärkt. Die Luxusboote stechen vom nahe liegenden Anlegeplatz aus in See. Die Sommergäste mieten die Schiffe für ein paar Stunden oder gar Tage und haben angeblich oft das Glück, Delfine in den Wellen zu entdecken. Die Meeresausflüge sind ein beliebter Zeitvertreib für die Krim-Urlauber. Die meiste Zeit verbringen sie mit Spaziergängen und Aufenthalten auf der Lenin-Promenade und der Ruzvelta-Straße – stundenlang führen sie an der Schwarzmeer-Riviera ihre Sonnenbrände aus, die sie sich redlich am Massandrowsky-Strand erworben haben. Die vielen modebewussten und schönen Frauen, die Schmuck- und Markenläden, in denen sich wohlhabende Russen tummeln, und die vielen Exemplare Jaguar, Mercedes und Lexus, die langsam unter der Leninstatue vorbeirollen, sorgen dafür, dass die Promenade grell, glitzernd, ja sogar protzig erscheint – als ob Jalta sich hier zu einer russischen Wohlhaberkolonie entwickelt hätte.

Zypressen und Akazien

Das Grün der Zypressen, Akazien, Platanen und Eschen schimmert überall zwischen den Bauten hindurch. Bereits an der Strandpromenade dominiert diese Farbtönung in Form riesenhafter Zypressen und Palmen. Und in den Gassen dahinter stellen Akazien, Pinien und Farne den Großteil der Vegetation.

Süß und exotisch duften die Magnolien, die mit ihrem Weiß und Rosa ab und zu diese grüne Welt aufhellen. Die Pflanzen wachsen wild zwischen Jugendstilhäusern und traditionsreichen Badehotels. Verschlungene schmiedeeiserne Balkone, verblasste ockerfarbene Fassaden, riesiges und mit Moos überwachsenes Mauerwerk – die Lieblingsurlaubsorte der Aristokratie des 19. Jahrhunderts sind immer noch von der Atmosphäre der vorrevolutionären Intelligenzija durchgedrungen.

Die Dämmerung legt sich über die Palmen und Herrenhäuser Jaltas. Der frühe Abend versetzt einen in jene Zeit zurück, in der Schellackplatten mit den beliebten Sängern der Epoche von Reiseplattenspielern durch die Fenster klangen und die Melodien weiter zwischen den Zypressen in die lauwarmen Nächte hinaustrugen. Künstler wie Pjotr Leschtschenko und Alexander Wertinski komponierten mit ihren melancholischen Tangoballaden das Hintergrundthema zu der sonderbaren Stimmung, die in diesem Urlaubsparadies herrschte, bevor es dem Zaren abhandenkam. Wegen des Ersten Weltkrieges und der Revolution ging das Russische Reich 1917 unter – die Romanows kehrten nie wieder in ihre Sommerpaläste auf der Krim zurück.

„Die Dame mit dem Hündchen“

Vor der Revolution reisten der Adel und die Bourgeoisie in großer Zahl aus Sankt Petersburg und Moskau nach Jalta. Wegen des milden Reizklimas empfahlen die Ärzte die Krim speziell Tuberkulosekranken als Urlaubsziel. Einer von denen, der an der weitverbreiteten Lungenkrankheit litt, war der weltberühmte russische Dramatiker Anton Tschechow. In der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende pflegte er Umgang mit anderen prominenten Dichtern und Schriftstellern in Jalta. Zu den Autoren, die in der Ferienkolonie ihre Häuser hatten, zählten unter anderem Maxim Gorki und Lesja Ukrajinka. Eine Gedenktafel an einem der berühmten Strandhotels der Stadt erzählt, dass hier Tschechow, Iwan Bunin und Wladimir Majakowski lebten. Tschechow bevorzugte immer die Krim gegenüber der französischen Riviera.

So begeistert war der Dramatiker von Jalta, dass er eine Datscha am Rande der Stadt baute, in der er die letzten fünf Jahre seines Lebens wohnte. Unter anderem spielt sich Tschechows bekannteste Kurzgeschichte, „Die Dame mit dem Hündchen“, in der Stadt ab. Sie handelt von einem desillusionierten Bankier aus der Moskauer Bürgerschaft, der in einem außerehelichen Manöver eine junge Dame umwirbt, wobei sich beide in ihrem eigenen einsamen Urlaub langweilen. Die Liebenden treffen sich zum ersten Mal an der Seepromenade der Stadt.

Hier steht nun ein Monument, das der Hauptpersonen der Novelle gewidmet ist. Tschechows Datscha wurde ein Museum. Im umliegenden Garten pflanzte der Autor zahlreiche Obstbäume. Angeblich diente er als Inspirationsquelle für seine berühmtestes Werk, „Der Kirschgarten“. Dieser entstand hier in dem herrschaftlichen Sommerhäuschen. Bei einem Spaziergang durch den kleinen Park machen die heutigen Gäste gern eine Pause auf der Bank, auf der Tschechow und Gorki oft in Gespräche vertieft waren.

Cognac und Kirsche

Das Museum in Tschechows Datscha hat kein Café, aber Jalta hat viele gute Ecken, um satt zu werden. Straßenhändler verkaufen tiefrote Kirschen und saftige Erdbeeren aus dem eigenen Garten. Stände mit Hausgebackenem befinden sich strategisch klug an den Trolleybushaltestellen, die von vielen Menschen passiert werden.

Die Stadt hat zahlreiche Stolowajas – Cafés mit Selbstbedienung. Ein kurzer Spaziergang von Tschechows Datscha den Fluss entlang führt zur Kafeterij, die bei den Einheimischen sehr beliebt ist. In der Tat scheint das Restaurant der einzige Ort der Stadt zu sein, der völlig frei von Touristen ist.

Barmann Igor unterbricht nur ungern eine Schachpartie mit einem Stammgast, um eine Bestellung entgegenzunehmen. Er hält den Wodka kalt im Gefrierfach, das sich in Brusthöhe auf der anderen Seite des Tresens befindet. Eine Portion hausgemachter Pelmini, kleine Teigtaschen, mit Fleisch gefüllt, bestreut mit Petersilie, Krims eigene Zitronenlimonade aus der Brauerei in Simferopol und 50 Zentiliter des lokalen Koktebel-Cognac kosten hier bescheidene 250 Rubel (ca. vier Euro).

So gestärkt steigt man durch gewundene Gassen auf die Abhänge in Jaltas alte Vierteln. Treppen führen nach oben, nach unten, in terrassierte Parks hinein. Die Kiefern verschönern mit ihren vertrockneten Nadeln den Asphalt. Aber noch ist es zu früh für ein Sternepanorama. Nur die Venus leuchtet klar im Westen von Jalta.

HEUTE RUSSISCH, GESTERN UKRAINISCH

Annexion

Russland annektierte die bis dahin ukrainische Krim im März 2014. Die Mehrheit der Weltgemeinschaft hat dieses Vorgehen nicht anerkannt und besteht darauf, dass die Halbinsel Teil der Ukraine ist. Ukrainische Touristen fahren nun in der Regel wegen der angespannten politischen Lage zwischen den beiden Ländern nicht auf die Krim. Die Regierung in Kiew hat die bisher gut funktionierende Bahnverbindung von der Ukraine zu der Hauptstadt der Krim, Simferopol, eingestellt.

Geld

Mastercard und Visa haben ihre Zahlungsdienste auf der Krim eingestellt, nachdem Russland die Halbinsel besetzte. Man sollte daher den gesamten Betrag für den Aufenthalt auf der Krim in Bargeld bei sich haben. Banken auf der Halbinsel wechseln Euro und Dollar in Rubel.

Visum

EU-Bürger benötigen ein russisches Visum für die Krim. www.vfsglobal.com/Russia/Austria

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2018)

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