Kreta: Die Rückkehr der Gemütlichkeit

Ein Lob der langen Nachsaison: Auf der Tourismusinsel stehen Tische noch vor den Tavernen, wenn andere ihre Gastgärten schon geräumt haben.

Außergewöhnliche Form: Der Balos Beach bei Kissamos ist der Strand Griechenlands schlechthin. Im Herbst kann man das Naturschauspiel mit weniger Badenden teilen.
Außergewöhnliche Form: Der Balos Beach bei Kissamos ist der Strand Griechenlands schlechthin. Im Herbst kann man das Naturschauspiel mit weniger Badenden teilen.
Außergewöhnliche Form: Der Balos Beach bei Kissamos ist der Strand Griechenlands schlechthin. Im Herbst kann man das Naturschauspiel mit weniger Badenden teilen. – (c) Tom Busch

Kreta in der Hauptsaison: ein Selbstläufer. Interessant ist die Insel auch in der Nach- oder der Vorsaison, vielleicht sogar noch mehr. Zu einem Zeitpunkt, wenn man aus der Kühle kommend die Jacke wieder in die Tasche stopft und augenkneifend darin nach der Sonnenbrille kramt. Die Lage im tiefsten Süden des europäischen Kontinents macht Kreta zum sonnigsten Reiseziel im Mittelmeer. Landet man in der Hauptstadt, Heraklion, gibt es ganz unterschiedliche Regionen in den vier Himmelsrichtungen zu entdecken. Die Nordküste ist mit Dutzenden Resortanlagen touristisch am dichtesten erschlossen, der Süden gilt bei abenteuerfreudigen und bei ruhesuchenden Individualreisenden als erste Wahl, doch viel weniger bekannt ist: Im Osten liegt die größte Bucht und im Westen der bestimmt schönste Strand Griechenlands. Aber halt, davon wird später geschwärmt.

Zunächst geht's nach Osten. Links zieht sich der Golf von Heraklion, und keine fünf Kilometer vom Stadtrand trifft man schon auf Knossos, den Inbegriff eines minoischen Palasts. Doch die ebenso nominierten Unesco-Welterbe-Stätten, die Paläste von Kato Zakros, Phaistos und Malia sind genauso sehenswert. Für Kato Zakros fährt man durch bis in den äußersten Osten. Hier erstreckt sich die Stätte direkt am Meer. Der Palast, erstmals 1900 v. Chr. angelegt, bestand aus über 300 Räumlichkeiten, Säulengängen, Altaren und Archiven, die tönerne Tafeln mit Linear-A-Schriften enthielten – eine der beiden Schriftsysteme aus der minoischen Zeit Kretas. Wandelt man entlang der antiken Fragmente, werden die große Kultur und ihr König lebendig: Minos – der sagenhafte König von Kreta. Der berühmten „Parischen Chronik“ folgend soll Minos in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts v. Chr. gelebt haben. Er habe die Karer von den Kykladen vertrieben, die Piraterie bekämpft und großen Wohlstand in seine Heimat gebracht, heißt es.

Galerie: Impressionen aus Kreta

Antikes Öl, reife Orangen

Manche sagen, der Reichtum sei auf Kreta noch gewachsen und würde sich vor allem im nahen Elounda zeigen: in der höchsten Dichte an Fünfsternehotels großer Hotelketten, die sich in der Bucht von Mirabello angesiedelt haben, der größten Bucht Griechenlands. Ein Blick auf das fotogene einmalige Blau des Golfs von Mirabello öffnet sich am Hang oberhalb von Agios Nikolaos. Die kleine Stadt hat eine Prachtlage mit einem mittig liegenden See, dem Voulismeni, und ist wie gemacht zum Schauen, Bummeln, Kaffeetrinken. Auf der Promenade genießen Urlauber einen Nescafé-Frappé, bevor sie in das minoische Zeitalter des zweiten Palasts eintauchen: Malia.

Der gleichnamige Ort ist nach einer halben Autostunde erreicht. In Malia sind die Ausgrabungen noch im Gange, können aber besichtigt werden. Über den antiken Fragmenten wölben sich offene Dächer auf Stahlstützen. Orangeocker liegen massive Quader auf dem Erdreich, und mannshohe Amphoren dokumentieren das frühe Aufbewahren von Olivenöl. Bohlenwege führen hindurch und bringen die Besucher nah zu den königlichen Gemächern und einstigen Keramikwerkstätten.

Keine 20Minuten von Malia entfernt ein anderer Palast direkt am Meer: Das Amirandes spiegelt sich im Wasser wie ein prächtiger minoischer Palast. Das Grecotel-Resort wurde wie die königlichen Vorbilder mit natürlichen Steinterrassen und Olivenbäumen auf einem Areal von 70.000 Quadratmetern angelegt. Durch die Pergola weht mediterraner Duft. Im warmen Licht des Sonnenuntergangs werden gerade die Plattformen aus dem großen Becken gefahren und bilden die Grundfläche für ein Restaurant inmitten von Wasser und Amphoren. Zum kretischen Mahl, Fisch, Skordalia mit frischem Knoblauch und dem Choriatiki mit aromatischen Tomaten, Feta und Oliven von der kretischen Agreco-Farm, wird minoische Geschichte gereicht – das Restaurant heißt Minotaurus.

Der Mythos sagt, die Kreaturen, halb Mensch und halb Stier, haben nahe dem heutigen Amirandes im Labyrinth von Knossos gelebt. Es wäre eben der legendäre Minos gewesen, der sie heraufbeschwor. Kretas König wird in der Chronik als Sohn des Zeus und Vater von acht Kindern beschrieben, darunter Ariadne – ja, die mit dem Faden. Um gekrönt zu werden, bat Minos seinen Onkel, keinen Geringeren als den griechischen Meeresgott, um Unterstützung und gelobte das zu opfern, was immer Onkel Poseidon schicken würde. Dieser sandte einen kraftstrotzenden Stier; Minos wurde König von Kreta. Als er sein Wort nicht hielt, nahm Poseidon Rache, und Minos Gemahlin gebar bald den Minotaurus. Von den starken Stier-Mensch-Wesen war ein Künstler ganz besonders fasziniert: Pablo Picasso. Der Maler stellte sich sogar selbst als mythischen Minotaurus dar. Das und eine Kollektion originaler Keramikkunstwerke von Picasso sind heute im Restaurant Minotaur zu sehen.

Mensch-Stier-Wesen

Warmer Wind streicht über die Landschaft. Zeit für den Aufbruch nach Westen. Die mehrstündige Autostrecke führt über Heraklion mit einem Abstecher zur kleinen Hafenstadt Rethymno und weiter nach Chania. Die zweitgrößte Stadt Kretas liegt ganz im Inselwesten und ist für ihren schmucken venezianischen Hafen bekannt. Die Spaziergänge führen an der Wasserkante entlang und zurück durch pittoreske Altstadtgassen, die verleiten, mehr Zeit in Chania zu verbummeln. Doch so nah liegt der Strand?

Nach kurzer Fahrt über Schotterpisten bleibt das Auto seitlich am Felsmassiv stehen, und es geht zu Fuß weiter, durch die steinige, felsige Landschaft, bis man schließlich auf der westlichsten Spitze Kretas ihr Ende erreicht – und den 45-minütigen Abstieg beginnt. Stufe über Stufe über steinige Absätze hinunter führt der Pfad, doch das Ziel lohnt: Durch eine schmale Landbrücke mit dem Festland verbunden erstreckt sich eine Halbinsel im Meer mit türkisfarbenen Lagunen zu beiden Seiten, kontrastierend mit weißem Muschelsand. Eine wahre Traumlandschaft: Balos Beach, für viele der schönste Strand Griechenlands. Das Wasser ist flach und warm bis lang in den Herbst.

In der Nähe trifft man noch einmal auf Minos und seine Schriften, denn an der Westspitze erstreckt sich bei Kolymbari an der Bucht von Chania ein Resort, dessen Böden die sagenhaften minoischen Schriftzeichen zieren: Das Avra Imperial zeigt die Silbenschrift der mykenischen Kultur Griechenlands, die sogenannte Linear-B-Schrift. Sie wurde noch bis ins zwölfte Jahrhundert v. Chr. auf Kreta verwendet und breitete sich von dort ausgehend auf dem griechischen Festland aus. Zur Erinnerung an König Minos ragen die riesigen Lettern hier auch an den Wänden empor. Genauso senkrecht steht das Wasser – nur gehalten von einer meterhohen Glaswand, strahlend türkisfarben im riesigen Pool.

Schönster Strand, älteste Steine

Sky Express fliegt Kreta täglich bis zu dreimal an, mit modernen Turbopropmaschinen ab Athen. Die günstigen Angebote ab 40 Euro beinhalten den kostenfreien Zugang zur Businesslounge Melina Merkouri auf dem Athener Flughafen vor dem Abflug. Die Airline baut ihr innergriechisches Streckennetz 2018 weiter stark aus und wurde dafür zur am schnellsten wachsenden Fluglinie ernannt. T.: +30/(0)2810/223 800. www.skyexpress.gr

Amirandes. Das Flaggschiffhotel der griechischen Grecotel Resorts liegt vor den Toren der Hauptstadt Heraklion an einem breiten Nordküstenstrand– und nahe zum Flughafen, zum Königspalast von Knossos und zu dem wiedereröffneten Crete-Golfplatz. Neun Restaurants bieten von Sushi über italienisch bis original kretische Kost. Auf Aktivurlauber wartet viel Action: drei Tennisplätze, Wassersportbasis, Olympia-Meerwasserpool, Amirandes Golf Academy. Für Familien bietet das Hotel Free Kids Dining und die Kinderklubs Grecoland und Grecobaby. Zum Entspannen das Elixir Spa mit Ayurvedacenter. Fünfsternehotel mit 212 Zimmern, Suiten, Villen in 29 Kategorien, einige mit Privatpool, Privatkino, privatem Gym und Spabädern, ab 220 Euro. www.amirandes.com

Minotaur Restaurant. Gehobener Genuss: Zu Sonnenuntergang steigt allabendlich das Floating-Deck aus der Lagune auf. Noch mehr toppt der einzigartige Rahmen der Picasso-Ausstellung die klassisch-italienische Eleganz der gereichten Gourmetmenüs. Für die Tische auf dem Floating-Deck ist eine Buchung notwendig. Reservierung, T.: +30/(0)28970/411 03. www.amirandes.com

Spinalonga ist der klingende Name einer Insel am Eingang des Golfs von Elounda, markant mit ihrer mächtigen Venezianerfestung aus dem Meer ragend. Die Insel, einst Heimat eintausend muslimischer Einwohner, schrieb Geschichte als Leprakolonie noch bis 1957. Der Roman „Insel der Vergessenen“ von Victoria Hislop berichtet davon. Eine lohnende Route im Osten Kretas. Geführte Tagestouren ab Plaka. www.visitgreece.gr

Zakros und andere Paläste. Ganz an der Ostküste erstreckt sich die archäologische Anlage von Zakros, neben Knossos einer der vier großen minoischen Paläste Kretas. Absolut sehenswert ist aber auch die Ausgrabungsstätte von Malia, östlich des gleichnamigen Ortes. Hier sind die Ausgrabungen noch am Laufen und können besichtigt werden, mit Führungen auch in deutscher Sprache. Geöffnet täglich bis 15 Uhr. www.visitgreece.gr

Sixt. Unterwegs mit dem Mietwagen sieht man am meisten von Kreta und schafft auch die 250Kilometer lange Strecke von Ost und nach West ganz bequem. Die internationale Autovermietung bietet günstige Preise und ist auf Kreta mit 14 Stationen vertreten. Das vorab gebuchte Auto steht auf beiden Flughäfen und allen Fährhäfen zur Übernahme bereit. Best-offer-Programm „Discover Greece“ mit unbegrenzten Kilometern. www.sixt.gr

White Palace. Nahe der Hafenstadt Rethymno, der drittgrößten Stadt Kretas, erstreckt sich eine komplett weiße Anlage: White Palace ist ein optischer Hingucker an der kretischen Riviera – mit einem großartigen modernen Design, einem faszinierenden Entree und weiten Terrassen über dem azurblauen Meer der westlichen Nordküste. Fine-Dining-Bereich, mehrere Spezialitätenrestaurants, Crêperie, Gelateria, hauseigene Pâtisserie und Chocolaterie. All-inclusive-Living, 263 Zimmer, Bungalows, Suiten in 15 Kategorien, alle ganz in Weiß gehalten. www.thewhitepalace.com

Agreco-Farm. In zehn Minuten, kommend über den kleinen Ort Adele, fährt man auf den Hof der Landwirtschaft. Sie ist Inbegriff der traditionellen Erzeugung kretischer Produkte wie Oliven, Wein und Honig. Angebaut werden Gemüse, Früchte und Kräuter, und es gibt Wildziegen, Esel, Truthähne und Schafe zu sehen. www.agreco.gr


Avra Imperial Hotel.
Die Anlage wurde an einem von der EU mit der Blauen Fahne ausgezeichneten Strand in Kolymbari nahe der Stadt Chania errichtet – ideal für Ausflüge zum weltbekannten Balos Beach, den viele für den schönsten Strand Griechenlands halten. Das gehobene Resort erstreckt sich inmitten einer 6500 Quadratmeter großen Gartenanlage und bietet zwei Buffet- und drei À-la-carte-Restaurants, ein Amphitheater, zwei Tennisplätze, Fitnesscenter, sechs Pools und ein Wellness-Spa. Für Kinder und Teenager gibt es die Worldwide Kids Clubs. 328 Zimmer und Suiten, teilweise mit privatem Pool, ab150Euro (Deluxe-Zimmer mit Pool). www.avraimperialhotel.gr

Basilico. Minimalistisches Design und eine weit offene Architektur mit Panoramablick kennzeichnen die entspannte Atmosphäre dieses Restaurant in Kolymbari am Westende Kretas. Auf einer sich bis zum gläsernen Pool erstreckenden Terrasse wird griechische bis internationale Küche gereicht. Umfangreiche Weinliste, geöffnet für Frühstück, Lunch und Dinner. Reservierungen: T.: +30/ (0)28240/845 00

Balos. Der schönste Strand Griechenlands liegt dem Sonnenuntergang zugewandt: Eine schmale Landbrücke führt zu einer vor dem Festland liegenden Halbinsel, zu beiden Seiten zu flachen Lagunen abfallend und bildet so ein einzigartiges Badeparadies mit feinem Muschelsand. Balos ist erreichbar ab Kolymbari per 30-minütiger Autofahrt und 45-minütigem Fußmarsch inklusive Abstieg oder per Ganztagsbootsausflug ab dem Dorf Kissamos. www.visitgreece.gr

Seajets. Mit Megajets, Masterjets und Superjets kann man im Westen zu neuen Inseln und Ufern aufbrechen. Seajets verbindet die wichtigsten griechischen Inseln miteinander und legt auf Kreta neben Rethymno im Westen auch im Hauptort Heraklion an. Mit einer Flotte von 18 Schiffen verfügt das griechische Fährunternehmen über das größte Netzwerk von Highspeedfähren auf den griechischen Meeren und bietet derzeit 140 Verbindungen zwischen 26 Häfen. www.www.seajets.gr

Zum Nachschlagen: „Die Natur Griechenlands“. Das Buch beschreibt die mediterranen Arten der Flora und Fauna und bereichert mit Prosa und 175Farbfotos. Horst Schäfer, 2017, 124 Seiten, Verlag der Griechenlandzeitung, 24,80 Euro. www.griechenland.net

Bali, Hawaii oder doch Kreta? Wissen Sie, wie die Inseln dieser Welt von oben betrachtet aussehen?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2018)

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