Georgien: Vom Berg des Prometheus ins mystische Land der Swanen

Auf der georgischen Seite des Großen Kaukasus gibt es zwei Wander- und Skigebiete: einerseits die Täler links und rechts der alten Heerstraße unterhalb des Kasbek, andererseits Swanetien mit dem Tourismuszentrum Mestia.

Stepanzminda mit der Zminda-Sameba-Wallfahrtskirche.
Stepanzminda mit der Zminda-Sameba-Wallfahrtskirche.
Stepanzminda mit der Zminda-Sameba-Wallfahrtskirche. – Imago

Wanderer, kommst du nach Georgien, nimm dir Zeit. Willst du dich etwa dem legendären Kasbek nähern, dem mit 5047 Metern dritthöchsten Berg Georgiens, brauchst du viel Geduld und einen guten Magen. Für die 155 Kilometer von Tbilissi in den auf circa 1700 Meter hoch gelegenen Ort Stepanzminda (St. Stefan) oder – wie das Bergdorf früher hieß – Kasbegi, sollte man schon fünf Stunden veranschlagen. Denn um auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 30 Kilometern in der Stunde zu kommen, müssen die Russen gar nicht auf die unweit davon entfernte Grenze schießen und einen kilometerlangen Rückstau an Fernlastern verursachen, es reichen die normalen Straßenverhältnisse.

Dass man im Gebirge Serpentinen hinauf- und hinunterfahren muss, wird alpine Autofahrer nicht überraschen, dass grasende Kühe am Straßenrand, querende Schweine, Schotterstraßen, Schlaglöcher und abgerutschte Straßenteile die Fahrt ständig verzögern, vielleicht schon. Wer von der Fahrt durchgerüttelt am Hauptplatz von Stepanzminda ankommt und sich nicht nur einen Blick auf die oberhalb gelegene Wallfahrtskirche (Zminda-Sameba-Dreifaltigkeitskirche), sondern auf den dahinter aufragenden Kasbek erwartet, wird oftmals enttäuscht.

Der Berg des Prometheus

Der schneebedeckte Berg ist scheu. Gern verhüllt er seinen Gipfel mit mehr oder weniger dunklen Wolken. Vielleicht will er den Felsen, an den Prometheus der Mythologie nach von Hephaistos angekettet worden ist, nicht den Blicken der Menschen preisgeben. Der Wanderer sollte sich davon nicht abschrecken lassen. Die Täler links und rechts der alten Heerstraße über den Großen Kaukasus sind auch ohne Ausblick auf den Kasbek attraktive Wanderziele. In Stepanzminda gibt es jede Menge Taxis, die Bergsteiger in die entlegensten Täler kutschieren. Für Wintersportler bietet sich Gudauri unterhalb des 2400 Meter hohen Kreuzpasses an. Für beide Orte gilt aber: touristisches Entwicklungsgebiet – mit Schladming oder Kitzbühel nicht vergleichbar.

Keine direkte Verbindung gibt es in das zweite Wandergebiet Georgiens. Um in das mystische Swanetien zu kommen, muss man wieder in die ostgeorgische Ebene hinabkurven, über Tbilissi, Gori, vorbei an der abtrünnigen Republik Südossetien nach Westen, um von Kutaissi aus in das Land der Wehrtürme aufzusteigen. Swanetien ist eine ganz eigene Welt. Nicht nur wegen der atemberaubenden Vier- bis Fünftausender, sondern auch wegen der Eigenwilligkeit der dortigen Einwohner.

Frauenraub und Blutrache

Die Swanen sind ein raues Bergvolk, geprägt von der Landschaft und den Lebensbedingungen: Acht Monate Winter, ein kurzer Frühling und Herbst, und knapp zwei Monate Sommer. Das schlägt sich auf Geist und Gemüt. Die Swanen hatten nie einen König, geschweige denn einen fremden, sie regeln alles unter sich, inklusive Frauenraub mit darauffolgender Blutrache. Der Vorteil dieser von der Natur gegerbten Lebenshaltung ist ein starker Zusammenhalt, der Nachteil eine starre Ordnung, aus der man besser nicht ausschert. Archaische Verhältnisse, die die Regierung in Tbilissi heute noch zu spüren bekommt: Als vor Kurzem Regierungsvertreter nach Swanetien fuhren, um die Einhaltung des Verbots der Rodung und des Holzverkaufs durchzusetzen, stießen sie plötzlich auf eine Straßensperre.

Auf dem Hauptplatz von Mestia ist davon freilich nichts zu bemerken. Dort wuseln rund um das umstrittene Denkmal der mittelalterlichen Königin Tamar die Guides, um die Bergfexen aus aller Welt in die Höhen zu bringen. Es ist geraten, sich einem Bergführer anzuvertrauen, denn es kann passieren, dass die Stelle, an der man am Morgen einen Fluss überquerte, am Nachmittag nicht mehr passierbar ist; weil der Fluss deutlich mehr Wasser führt. Der Bergführer findet dann einen Weg und bringt den Tourengeher wohlbehalten nach Mestia zurück. In diesem swanetischen Touristenzentrum gibt's zur Erholung jede Menge Cafés und Bars, in denen musiziert und getrunken wird.

Die swanetische Küche ist schmackhaft, aber wenig abwechslungsreich. Und Vorsicht: Die verwendeten Öle dürften – dem Befinden von so manchem in meiner Reisegruppe nach zu schließen – für mitteleuropäische Mägen nicht unbedingt bekömmlich sein. Da hilft dann auch der typisch georgische Tresterbrand namens Chacha nicht mehr. Gegebenenfalls legt man einen Ruhetag ein und besucht das swanetische Museum für Geschichte und Ethnografie. Das 2013 mit deutschem Geld neu gestaltete Gebäude überrascht nicht nur durch sein modernistisches Aussehen, sondern auch durch ein gelungenes klassisches Ausstellungskonzept, das einen kompakten Einblick in die wechselvolle Geschichte des Landes gibt.

Für kaukasische Verhältnisse liegt Mestia auf circa 1500 Metern relativ tief. Hat man höhere Ansprüche, muss man sich zwei Stunden lang in das 46 Kilometer entfernte Uschguli kurven lassen. Der auf 2200 Metern gelegene Ort nennt sich stolz das höchstgelegene Bergdorf Europas. Berühmt ist es durch seine zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden Wehrtürme.

Majestätischer Berg Schchara

Die wurden einst errichtet, um die Swanen vor durchziehenden Feinden und – sehr viel häufiger – vor Lawinen zu schützen. Heute sind sie ihrer Funktion nahezu beraubt und verfallen allmählich. Steigt man die paar Schritte zu dem auf dem Hügel oberhalb des Orts gelegenen Kirchlein hinauf, hat man einen atemberaubenden Blick auf den 5068 Meter hohen Schchara, Georgiens höchstem Berg.

Das Kontrastprogramm zu diesem Weitblick bildet das Heimatmuseum von Uschguli. Das besteht aus einem einzigen finsteren Raum, der alles enthält, was das Leben der Swanen über viele Monate ausgemacht hat: die Herdstelle für das Feuer, das niemals ausgehen durfte, die Boxen für die Kühe und Pferde, darüber die Schlafstellen für die Menschen, die Speicher für geräuchertes Fleisch etc. Noch immer sind Pferde zwar das bevorzugte Transportmittel der Bewohner in die nähere Umgebung, doch am Rande des Orts steht heute der unvermeidliche Handymast. Mit der Folge, dass junge Swanen nicht mehr monatelang in fünf bis sechs Meter hohem Schnee ausharren wollten und das Dorf verließen. Seit der Tourismus Einzug gehalten hat und ein paar Gästehäuser aufgesperrt haben, hat sich die Zahl der 34 verbliebenen Familien aber wieder verdoppelt.

Skigebiet oberhalb von Mestia

Noch ist die Saison in Uschguli auf den Sommer beschränkt. Im Winter ist in Mestia Endstation für Besucher. Während der fortschrittlichen Regierung unter Saakaschwili (2004–2013) errichtet man dort ein Wintersportzentrum, mit gewöhnungsbedürftigen Verwaltungsgebäuden, Hotels, Bars, Geschäften und einem Sessellift in das Skigebiet Hatsvali, vis-à-vis der Doppelspitze des Uschba (4737 und 4698 Meter). Dessen Südspitze galt einst als der am schwersten zu besteigende Gipfel der Welt.

Versucht hat es 1903 die österreichische Bergsteigerin Cenzi von Ficker (1878–1956), gemeinsam mit ihrem Bruder Heinrich und den Deutschen Willi Rickmer Rickmers und Adolf Schulze. Kurz vor dem Gipfel stürzte Schulze ab. Die tapfere Tirolerin verzichtet auf den Gipfelsieg und brachte den Verletzten zurück ins Basislager. Trotz Kopfverletzung brach Schulze wenige Tage danach nochmals auf und bezwang als Erster die Südspitze. Cenzi von Ficker war nicht dabei. Sie erklomm später einen etwas niedrigeren Berg als Erste. Für ihre Heldentat schenkte der Fürst von Swanetien dem „Uschba-Mädel“ aber formell seinen Berg. Die Schenkungsurkunde liegt im Alpinen Museum in München. Und so findet sich im Kaukasus auch ein Stück österreichischer Bergsteigergeschichte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2018)

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