Adelaide: Schatten von Sydney ist es kühl

Adelaide, die lange unterschätzte Kapitale Südaustraliens, will sich als Weinhauptstadt des Kontinents positionieren. Ihre Trümpfe sind 200 Weingüter in der Umgebung und besonders kreative Winzer.

Glas, Beton, Stahl. Der „d’Arenberg ­Cube“ von ­Chester ­Osborn.
Glas, Beton, Stahl. Der „d’Arenberg ­Cube“ von ­Chester ­Osborn.
Glas, Beton, Stahl. Der „d’Arenberg ­Cube“ von ­Chester ­Osborn. – (c) Courtesy of d‘Arenberg

Der gläserne Quader ragt aus dem Weinberg wie ein notgelandetes Raumschiff – oder wie ein überdimensionaler, nicht ganz vollendeter Zauberwürfel. Es bräuchte nur einige beherzte Drehungen, um den „d’Arenberg Cube" zu einem akkuraten Quadrat zu fügen. Tatsächlich wurde die vierzehn Millionen Australische Dollar teure Struktur aus Glas, Beton und Stahl von dem berühmten Würfel inspiriert. „Mit dem Unterschied, dass bei meinem Würfel Farbe und Rätsel nicht außen, sondern innen sind", erklärt Chester Osborn. Der langlockige Winzer leitet das 1912 begründete Weingut d’Arenberg in vierter Generation.

2003 kam ihm die Idee zum Cube, über Nacht. „Ich wachte auf und zeichnete den Cube in zwanzig Minuten. Er ist für mich das perfekte Symbol für die Komplexität des Weinmachens." Dabei wollte er eigentlich nur eine größere Probierstube bauen: 50.000 Besucher im Jahr brauchten mehr Platz. Vierzehn Jahre dauerte es, bis der Würfel im Weinberg Realität wurde. Erst zögerten Vater und Onkel. Lange. Chester bewies den längeren Atem, überzeugte – und musste das Projekt 2008 wegen der Finanzkrise doch aufschieben. 2014 aber ging es los, im Dezember 2017 war der Bau fertig. Das Alternate Realities Museum im Parterre des Zauberwürfels ist ganz dem Zweck gewidmet, die Sinne zu betören – und zu schärfen. Die Wände des „Flower and Fruit"-Raums sind mit künstlichen Blumen und Früchten verkleidet, mehr als zwei Dutzend bauchige Glasflaschen mit durch Fahrradhupen zu bedienenden Zerstäubern ermöglichen Besuchern, die Aromen der Weine zu erschnuppern. Ein 360-Grad-­Videoraum vermittelt den Eindruck, man befände sich ohne trennende Mauern mitten im Weinberg. In einer Kammer erzeugen ungezählte, von der Decke hängende Videofilmstreifen völlige Dunkelheit; jeder Schritt ist ein Tasten, die Augen haben Pause. Die begehbare Installation will den Besucher virtuell ins Innere eines Weinfermentierers transportieren.

Pissoirs als bunte Köpfe. Hinter üppig, gleichwohl künstlich begrünten Wänden liegen in der ersten Etage die Örtlichkeiten verborgen. Wer bei den Herren hereinschaut, kann seinen Augen einiges bieten. Pissoirs sind als bunte Köpfe mit weit offenen Mündern gestaltet, mit den Wandmalereien darüber fügen sie sich zu surrealen Kunstwerken: Lachende Fratzen vor einem Panzer, clowneske Köpfe vor einem Gesicht, aus dem als Schopf die Wurzeln eines Baums sprießen. Frauen können immerhin ihre Hände unter Lüstern waschen. Auch diese Interieurs sind Früchte von Chester Osborns rastlosem Geist.

Originell. ­Viele Straßen von Adelaide sind mit Street-Art möbliert.
Originell. ­Viele Straßen von Adelaide sind mit Street-Art möbliert.
Originell. ­Viele Straßen von Adelaide sind mit Street-Art möbliert. – (c) Bernard Spragg/flickr public domain (CC0 1.0)

Das Treppenhaus hat er mit Teilen seiner Kunstsammlung gepflastert. Scheinwerfer tauchen es in  rotes, weißes und grünes Licht – die Farben von Trauben und Reben. Angesichts der optischen Reizüberflutung muss sich der Gast zusammenreißen, im Restaurant voller knallig bunter Sessel und Sofas und in der Probier-Bar „Cellar Door" mit Aussichtsterrasse und Rundblick auf die Rebstöcke auch den Weinen angemessene Aufmerksamkeit zu schenken.

Attraktiveres Adelaide. In der Weinregion McLaren Vale rechnet man damit, dass sich der Ansturm auf das ohnehin prominente Weingut d’Arenberg durch den Zauberwürfel verzehnfachen wird – auf eine halbe Million Menschen im Jahr. Der vierzig Kilometer südlich von Adelaide gelegene „Cube" ist aber nicht nur architektonische und önologische  Extravaganz. Er ist auch Sinnbild der Ambitionen Südaustraliens und seiner Hauptstadt. Denn einst stand Adelaide im Ruf, langweilig und ein bisschen provinziell zu sein, vor allem im Vergleich mit Sydney oder der Sportmetropole Melbourne. Die 1,3-Millionen-Einwohner-Stadt will das nicht länger auf sich sitzen lassen.

Sechs Milliarden australische Dollar wurden investiert, um sie attraktiver zu machen. Das Ufer des Torrens River säumt neben gepflegten neuen Spazierwegen das schon 2014 erweiterte Sportstadion Adelaide Oval. Gegenüber thront das im April nach einer 400 Millionen Dollar teuren Modernisierung und Erweiterung wiedereröffnete Kongresszentrum. Auch das Adelaide Festival Centre wird derzeit erweitert. 1973 wurde es als Australiens erster kultureller Mehrzweckbau erbaut und eröffnete drei Monate vor dem Opernhaus in Sydney, in dessen Schatten es sogleich verschwand. Seine Plaza soll aber nicht nur der neue Treffpunkt für Adelaide werden. Als Publikum für die kulturellen Events der Zukunft hat man nicht weniger als die Welt im Blick.

In der Nachbarschaft sind schmucke Bauten aus kolonialen Tagen aufgereiht: das Parlamentsgebäude, das gewaltige Monument für die Toten der Burenkriege, die Art Gallery of South Australia und das South Australian Museum mit einer eindrucksvollen Dauerausstellung über die Kultur der Ureinwohner. Wie fast überall ist sie ins Museum und ins Reich der Folklore verbannt; die erst so kurze Zeit zurückliegende Ankunft der Europäer – 1836 wurde Südaustralien britische Kolonie – hat alles andere verschlungen. Grünflächen, Denkmäler des Entdeckers Matthew Flinders und des englischen Königs Edward VII., die Statue einer verführerischen, halbnackten Venus und Büsten australischer Frauenrechtlerinnen sind bunt zwischen Monumente und Museen getupft, bis die Gebäude der University of Adelaide erscheinen. Studenten flanieren, am Flussufer sitzen Müßiggänger im Café – das Leben in der Stadt erscheint einfach und gut.

Flaniermeile. Am Torrens River erstreckt sich ein riesiges Freizeitareal.
Flaniermeile. Am Torrens River erstreckt sich ein riesiges Freizeitareal.
Flaniermeile. Am Torrens River erstreckt sich ein riesiges Freizeitareal. – (c) Pavel Špindler via Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Dass sich im Radius von einer Autostunde zweihundert Weingüter befinden – unter ihnen finden sich so bekannte Namen wie Jacob’s Creek, Penfolds und eben d’Arenberg  –, will man nun auch nicht länger für sich behalten. Die Weinregionen McLaren Vale, Adelaide Hills und Adelaide Plains rahmen die Stadt; auch Barossa und Eden Valley sind nahe. Adelaide selbst ist Standort des National Wine Centres of Australia, in dessen  Probierstube immerhin schon hundertzwanzig Weine bereitstehen. Zudem gehört Adelaide zum Netzwerk der zehn „Great Wine Capitals of the World", die neben innovativen Weinen touristische Erlebnisse bieten wollen, die über bloßes Saufen hi­naus­gehen.

Deutsche Siedler. Das Barossa Valley ist eine der bekanntesten der achtzehn Weinregionen des Bundesstaats, der drei Viertel des australischen Exportweins produziert. Hier wird Wein gekeltert, seit sich ein deutscher Siedler in den frühen Tagen in der Kolonie umschaute und sich ans Rhone-Tal erinnert fühlte. Nur die Fauna war anders. Die eigenartigen Beuteltiere ließen sich nicht als Halluzination infolge zu reichlichen Probierens wegdiskutieren, doch vielleicht half das eine oder andere Glas Wein, bei Begegnungen mit Schlangen Ruhe zu bewahren. So entstanden im Tal Barossa die dreizehn ältesten und kontinuierlich betriebenen Weingüter Australiens.

Die Adelaide Hills, in denen Chardonnay, Pinot Noir und Sauvignon Blanc gedeihen, schließen sich unmittelbar an die Hauptstadt an. Der höchste ihrer Hügel ist der 727 Meter hohe Mont Lofty. Schilder, die in den Hügeln an verheerende Waldbrände erinnern, zeugen von den Herausforderungen, die Leben und Weinbau im trockensten Bundesstaat des trockensten Kontinents mit sich bringen. Buschfeuer gibt es jedes Jahr, nur desas­tröse erhalten ein Schild: das des Sommers 1953/54, als einem Erdbeben schwere Waldbrände folgten, ebenso die Feuersbrunst vom Aschermittwoch 1983 und die des Südsommers 2013/14.

Auf dem Land des Weinguts „Bird in Hand" wurde Ende des 19. Jahrhunderts Gold geschürft. Erst später begriff man, dass dieser Erde auch andere Schätze zu entlocken sind. Andrew und Suzie Nugent kauften das Weingut 1997 und interpretierten den Konsum fortan als ganzheitliche Erfahrung, die mit Essen, Kunst oder Musik zu verbinden sei. Daher können Besucher hier auch zwischen Weinfässern vor zeitgenössischen Kunstwerken speisen.

Sehenswert. Nicht versäumen: die Art Gallery of South Australia.
Sehenswert. Nicht versäumen: die Art Gallery of South Australia.
Sehenswert. Nicht versäumen: die Art Gallery of South Australia. – (c) Sam Noonan/Art Gallery of South Australia

Barramundi mit Lauch. Fast ist es, als könnte die zugesetzte Raffinesse den Weingenuss selbst zur Kunst erheben. Womöglich hilft das einer Nation, die sich auch durch ihre Entschiedenheit bei der Vernichtung von Alkohol auszeichnet. Küchenchef Carlos Astudillo bereitet ein Menü, das von den gemischten Vorspeisen über gebratenen Barramundi mit Lauch, Blumenkohl und Ziegenfrischkäse, gefolgt von Lamm mit Perlgraupen, Feigen, Rettich, Roter Rübe und Shiraz-Soße, bis zum Pfirsich mit Zitronencreme und dem Käse viele Gründe für Weingenuss am hellen Tag gibt.

Die Hahndorf Hill Winery hat sich auf Grünen Veltliner, Zweigelt und Blaufränkisch spezialisiert. Die süffige Spätlese „Green Angel" und der Blaufränkisch „Blueblood" werden hier mit Schokolade verkostet, was nicht schlecht zu ihrer fruchtigen Schwere passt. Das europä­ische Erbe ist auch in Hahndorf, 28 Kilometer südöstlich von Adelaide, identitätsstiftend. Das Dorf, 1839 von Ostpreußen gegründet, ist eine der ältesten deutschen Siedlungen Australiens und das meistbesuchte Dorf des Kontinents. Doch tatsächlich machen Fachwerkfassaden, Schlachtplatten und Krüge voll Bier für australische Besucher den Reiz Hahndorfs aus, das sich recht unspektakulär und auf den ersten Blick nahezu geschichtsfrei entlang der Hauptstraße erstreckt.

Die Siedlungsgeschichte rankt sich um hart arbeitende Einwanderer und um Frauen, die sich um Mitternacht zu Fuß auf den Weg durch den Busch machten, um im Morgengrauen auf dem Markt im jungen Adelaide die Früchte ihrer Arbeit zu verkaufen. Mit kirchlichen Hymnen sangen sie gegen Angst und Finsternis an. Viele Männer verdingten sich unterdessen anderswo und halfen beim Roden von Buschland. Es dauerte nicht lange, und die 54 Familien hatten die Wildnis in blühende Landschaften mit Weinbergen verwandelt. So will es die Überlieferung.

Während des Ersten Weltkriegs hielt man es trotz des hohen Arbeitsethos der Einwanderer für sinnvoll, ihre Nachfahren zu internieren und das 1839 eröffnete Hotel German Arms unverfänglicher  Ambleside Hotel zu nennen. Ausgerechnet 1935 erhielt es den alten Namen zurück. Heute gibt es hier Pizza mit Speck, Avocado und Aioli, ein sechshundert Gramm schweres „Uberschnitzel" und allerhand gebratene Würste. Die Weinkarte allerdings wurzelt fest in Südaustralien.

Infos

Anreise: von Wien mit Emirates über Dubai nach ADL (20:50 Stunden und retour mit Qatar Airways über Doha (23:15 Stunden), ab 1447 Euro.

Schlafen: Im Herzen Adelaides liegt das elegante Boutique-Hotel The Mayfair hinter viktorianischen Mauern. Das DZ mit Frühstück kostet hier ab 253  Australische Dollar, etwa 175  Euro (Tel. +61/(0)8/82 10 88 88, ­www.mayfairhotel.com.au).

Probieren: Der „Cube" des Weinguts d’Arenberg ist täglich von 10–17 Uhr geöffnet; das Restaurant dienstags bis sonntags zum Mittagessen (58 Osborn Road, McLaren Vale, Tel. +61/(0)8/83 29 48 88, www.darenberg.com.au). Zur Weinprobe sollte man sich unter bookings@darenberg.com.au anmelden.

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