Frankreich

Rhône und Saône: Gottgleich dahingleiten durch Frankreich

Kreuzfahrt auf Rhône und Saône. Wie man von der MS Thurgau Rhône aus eine der schönsten Landschaften Galliens entdecken kann.

Alles fließt. Die MS Thurgau Rhône.
Alles fließt. Die MS Thurgau Rhône.
Alles fließt. Die MS Thurgau Rhône. – (c) Thurgau Travel/Klug Reisen

Welcher Moment war der schönere: Jener spät am Abend, als man nach gutem Essen und allerhand Getränken am offenen Balkon seiner gemütlichen Kabine lehnt? Man auf die schwarze Fläche des Flusses schaut, auf der sich ein Vollmond milchig spiegelt, während bisweilen Brücken im Dunkel jäh wie Gespensterbauten auftauchen, über einen hinwegziehen, während neben dem fast lautlosen Summen des Bootsantriebs nur das Glucksen des Wassers die Stille spaltet?

War es früh am Morgen, die Sonne noch hinterm schwarzen Wald am Ostufer, am Himmel Morgenrot und Graublau übereinandergemalt, die Luft kühl, und an der Ankerstelle am Westufer geht tatsächlich ein Typ mit Baguettes im Arm vor der braunen Häuserreihe vorbei? Oder war's am Nachmittag, weit landeinwärts unter blauem Himmel in der von Spätherbstfarben satten burgundischen Hügel- und Mittelgebirgslandschaft, abgeerntete Weinberge, Wälder, Wiesen und winzige Weiler, wohin man sieht, und im Mund schmeckt noch der Wein nach, den man in einem Keller des Château de Pierreclos, einer klobigen Burganlage mit Wurzeln im Mittelalter, kostete?

Dämmerung auf dem weiten Sonnendeck unter einer der vielen Saône-Brücken
Dämmerung auf dem weiten Sonnendeck unter einer der vielen Saône-Brücken
Dämmerung auf dem weiten Sonnendeck unter einer der vielen Saône-Brücken – WOLFGANG GREBER

Bon alors. Da war natürlich noch mehr. Und als man am selben Nachmittag mit weiterem Franzosenwein auf dem weiten Sonnendeck des weißen Schiffes sitzt, das mit 110 Metern Länge den nicht allzu breiten Fluss still befährt, und malerische Ebenen, Haine und Orte vorbeiziehen, fragt man sich, wieso man das nicht schon früher gemacht hat. So eine Flusskreuzfahrt. Diesfalls auf Saône und Rhône in Südostfrankreich. Dabei wäre so etwas als Österreicher naheliegend: Die Donau ist hier auch dank ihrer Vernetzung mit dem Rhein, und dadurch weiteren Flüssen, die Hauptader der Flusskreuzfahrten, die ziemlich florieren. Speziell im reiferen Alterssegment, wie wir jedenfalls bei jener Fahrt durch die historischen Regionen von Burgund und Provence bis zur Camargue und ans Mittelmeer sahen. Die Fahrt dauerte acht Tage; wir waren leider nur an den ersten zweieinhalb dabei.

Jenes Schiff, das im April den Betrieb wieder aufnehmen und bis Oktober fahren wird, ist die MS Thurgau Rhône, ein Vier-Sterne-Flusskreuzer mit drei Kabinendecks. Es gibt 69 Kabinen (je 14 m2, Doppelbelegung) und sieben Suiten (17 m2) in drei Klassen (die billigste hat keine Fenster, die sich öffnen lassen, es gibt aber nur wenige solcher Kabinen). Und so tuckerten wir in einem Raum der „Diamant“-Klasse in der obersten Reihe dahin, nett eingerichtet, mit freundlichen Farben, TV, Klimaanlage, Eisschrank, feinem, nicht zu weichem Bett. Und besagtem „französischen“ Balkon: Raumhohe Schiebefenster, von wo aus das Wasser dennoch zum Greifen nah wirkt, auch vom Bett aus. Herrlich!

Jugendstil auf dem Wasser

Das Schiff mit dem mäßigen Tiefgang von 1,5 Metern kann auch bei niedrigen Wasserständen operieren, fährt unter Schweizer Flagge und steht in Österreich bei Regina River Cruises unter Vertrag, einer Marke der Wiener Firma Klug Touristik, für das Programm „Flusszauber an Rhône und Saône“. Laut Prospekt „Königliche Flusskreuzfahrten auf Europas schönsten Wasserwegen“ 2019 sind für Klug insgesamt acht Fluss- und Küstenboote unterwegs, vom Rio Douro in Portugal über Seine, Schelde, Mosel und Donau bis zur Wolga, ja zu deren Mündung ins Kaspische Meer.

Das Château de Pierreclos
Das Château de Pierreclos
Das Château de Pierreclos – WOLFGANG GREBER

Die Schiffe sind stilistisch verschieden designt. Die MS Thurgau Rhône wird vom Jugendstil bestimmt, das heißt farblich viel Gold, Messing, rötliches und beiges Holz; Wände, Decken, Täfelungen in Weiß und Beige. Viel Nostalgie, etwas Kitsch, doch nicht altbacken. Die etwa 36 Crewmitglieder (ein Gros davon von der Kellnerbrigade, die ein Restaurant mit super Küche, einen Salon mit Bar, ein Bistro und das Sonnendeck schupften) waren lieb und hatten was drauf. Neben Franzosen bemerkte man darunter vor allem Rumänen, Bulgaren und Ungarn. Dass man sich letztlich, begleitet von Pianist und Jazzband, wie Gott in Frankreich fühlte, lag auch an den fünf Mahlzeiten, die sie einem vom Frühstücksbuffet bis zum Mitternachtsimbiss auftischten. Man packt das vom Volumen her gar nicht.

Natürlich gibt es auch Kreuzfahrtsleben außerhalb des Schiffs. Wir fuhren nach der frühen Anreise von Wien nach Lyon, Kapitale der Region Auvergne-Rhône-Alpes und drittgrößte Stadt Frankreichs, zuerst ins mittelalterliche Dorf Pérouges (ca. 1000 Einwohner), ein dichtes Ensemble von aus runden und länglichen Steinen gemauerten Häusern und einem ebensolchen Pflaster, mit Turm und Wehrkirche. Pérouges ist eines der schönsten Dörfer Frankreichs und war Kulisse für allerhand Historienfilme etwa aus dem Mantel-und-Degen-Genre. Ob es auch 2019 auf dem Programm steht, wissen wir nicht – wohl aber, dass bei der Einschiffung an der Bootslandestelle in Lyon vor der Universität Lumière große Vorsicht vor Radlern angebracht ist: Sie treten noch egomanischer auf als jene in Wien.

Die MS Thurgau Rhône, der Blick in Lyon aus der Kabine.
Die MS Thurgau Rhône, der Blick in Lyon aus der Kabine.
Die MS Thurgau Rhône, der Blick in Lyon aus der Kabine. – WOLFGANG GREBER

Nach dem Ablegen auf der Rhône (und so wird das auch 2019 sein) fährt das Schiff drei Kilometer flussabwärts, wendet um fast 180 Grad und kämpft sich wieder stromaufwärts – jetzt auf der Saône: Beide Flüsse vermählen sich in Lyon: Die kräftige, stürmische Rhône, die einem Gletscher in der Schweiz entspringt und im Französischen männlich ist („le Rhône“), und „la Saône“, die weibliche, die weiter im Norden in den Vogesen aus einem kleinen Loch an einem Hügel rinnt und über geringes Gefälle träge gen Süden schleicht.

Die titanische Abtei

Am nächsten Morgen erwacht man etwa 60 km Luftlinie weiter nördlich, in Mâcon, auf dem Wasser. Und sieht am Ufer vielleicht wieder jemanden mit Baguettes. Die entspannte, typisch französische 35.000-Einwohner-Stadt ist Ausgangspunkt für eine Busfahrt ins Mittelalter, durch die Kleinregion des Mâconnais gen Westen über einen burgenbestandenen Höhenzug mit viel Wein, bis die Landschaft umschlägt und Weiden mit hellen Charolais-Rindern, Maisfeldern und Eichenwäldern dominieren. Man sei nun im Südburgund, meint die Reiseführerin; das mit heutigen und früheren Regionen und Regiönchen ist komplex.

Nach 25 Kilometern kommt Cluny, der Ort mit jener Abtei, die 910 durch Wilhelm den Frommen, Herzog von Aquitanien, als Benediktinerkloster gegründet wurde. Daraus wuchs eine titanische Anlage, deren mehrschiffige Hauptkirche mit (samt Vorbauten) fast 220 Metern Länge, einem 74 Meter langen Haupt-Querschiff und bis zu 33 m hohen Gewölben lang eines der größten Gebäude Europas war, und die größte Kirche bis zum Bau des Petersdoms in Rom im 16./17. Jahrhundert. Die Äbte und ihre teils bis zu 400 Mönche wollten in der Cluniazensischen Reform Ordnung und Moral in die verwilderte Kirche und das Mönchstum bringen, was durchaus gelang. Über 1500 Klöster und Zigtausende Mönche schlossen sich an. Ab etwa 1156 begann Clunys Abstieg, es kam unter Tutel französischer Könige. Darbte. Wurde nach der Revolution aufgelöst und hielt ab 1810 als Steinbruch her. Von der Hauptkirche blieben zehn Prozent der Urmasse, darunter die zwei Querschiffe. Aber diese sind gewaltig.

Sonnendeck und Mampfmekka

Wenig später, im Château de Pierreclos, findet man beim Wein die Welt wieder. Und treibt bald auf dem Sonnendeck die Saône hinunter, auf einen Stopp in Lyon, das vielleicht noch mehr als Paris Frankreichs Mampfmekka ist. Sicher das unprätentiösere. Paul Bocuse (1926–2018), der Schöpfer der Nouvelle Cuisine, kam aus der Gegend. In Bouchons (traditionellen Gaststätten) und Restaurants findet sich regionales wie Geflügel aus Bourg-en-Bresse, Fische aus der Seenplatte von Dombes, Käse aus der Dauphiné, Weine aus dem Beaujolais und von den Côtes du Rhônes. Da sind Würste, getrüffelte Hühner, Schweinsfüße in Tomaten-Wein-Sauce, Quenelles (wurstförmige Dinge aus Mehl-Rahm-Eier-Fisch- oder -Geflügelteig, der Name kommt von „Knödel“), Kutteln und unkorrekte Sachen von Frosch und Gans, während sich das 260 km entfernte Mittelmeer atmosphärisch bemerkbar macht.

Leider fuhren wir nicht dorthin. Wir tranken aus, flogen heim, ließen den Unterlauf der Rhône, Städte wie Avignon, die weißen Pferde der Camargue und Rosés der Provence aus. Hach. Wär' noch manch schöner Moment gewesen.

WASSERWEG

Die achttägige Rhône/Saône-Fahrt kostet pro Person ca. 1100 bis 2000 Euro (ohne Anreise). Flussfahrten von

Regina River Cruises bei: www.regina-rivercruises.com, www.klugtouristik.com, www.maderreisen.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2018)

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