Tirol

Fremdenverkehrskalender: Heile Welt und reale Bilder

Ein origineller immerwährender „Fremdenverkehrskalender“ führt durch das neue Jahr und ein Tirol abseits der touristischen Zuschreibungen.

"2. Tiroler Fremdenverkehrskalender" von Thomas Parth
"2. Tiroler Fremdenverkehrskalender" von Thomas Parth
"2. Tiroler Fremdenverkehrskalender" von Thomas Parth – www.editiones.com

Das Bild zeigt einen verwitterten Bildstock an einem alten, verfallenden Bauernhaus, darunter steht ein Kalenderspruch: „Das Echte wird aber auch in Verbindung gebracht mit einfach und urig. Mit bäuerlicher Noblesse, das reiche Erbe bewahrend. Verkünstelung (das ,Aufrüschen‘, ,Aufmascheln‘) kommt nicht gut an. Authentizität ist wichtig. Nicht so tun ,als ob‘. Denn Tirol ist echt am schönsten.“ Irgendwie, auf schnellen Blick, passen dieser Text und diese Fotografie ganz gut zusammen – nur dass beide nicht aus ein und derselben Quelle stammen und auch nicht dieselbe Intention haben. Ersterer ist eine Sentenz aus dem Markenhandbuch der Tirol Werbung aus dem Jahr 2012, Zweiteres stammt recht aktuell aus der Hand des Tiroler Publizisten, Germanisten und Theologen Thomas Parth und seines Fotografenkollegen Franz Götsch.

Und so ergibt sich dann doch eine große, originelle Text-Bild-Schere. Denn was auf der einen Seite für den Tourismus markentechnisch instrumentalisiert wird, hat auf der anderen wenig mit dem Verfall der Zeugnisse einer alten Kulturlandschaft zu tun. Und trifft nur wenig auf die tatsächliche Lebenswelt in den Bergen zu, die laut Markenerzählungen so sein soll: „Stark, eigenwillig, echt, verbunden, mutig.“ Der „2. Tiroler Fremdenverkehrskalender“ ist wie sein Vorgänger voll mit Bildern aus dem Riesenarchiv des bei Innsbruck ansässigen Ischglers: ein aufgelassener Gasthof, ein zusammenbrechender Stadel, aufgegebene Almhütten, abblätternder Putz unter verblassten Fresken, brüchige Renaissance-Erker. Stille Nebenschauplätze in den zum Teil stark industrialisierten Bergen.

Hatte Parth für den 2017 erschienenen Kalender kuriose Bilder aus dem Fremdenverkehr mit Texten aus der „Humoristischen Naturgeschichte des Alpinen Menschen“ von Ludwig Petzendorfer von 1888 kombiniert und einige Jahre zuvor den Schilderwald der Beherbergungsbetriebe in seinem ausgezeichneten Buch „Zimmer frei“ dokumentiert, sammelte er nunmehr Belege einer traditionellen Architekturlandschaft. Welche aus einem Land verschwindet, das sich doch gleichzeitig auf das Echte und das Authentische beruft. „Viele Höfe stehen leer, viele Almen verfallen“, erzählt Parth über die Objekte, die ihm auf seinen landesweiten Recherchen seit Jahren unterkommen. In Talschaften, die von Abwanderung geprägt sind. Und Gegenden wiederum, die von Tourismus und Markenbotschaften regelrecht durchdrungen erscheinen.

„Angefangen von der Politik, die ganz Tirol zur Marke erklärt, über einzelne Städte, Orte und Tourismusregionen bis zur kleinsten Gästeherberge oder dem unscheinbarsten Wanderweg – alles erhält ein Logo, wird zur Marke und ist damit unverwechselbar und einzigartig“, schreibt Parth in der langen Einführung auf dem zweiten Kalenderblatt. Da gebe es es keinen Platz für die soziale und die kulturelle Dimension des Landes. Also wollte er die „heile Tiroler Markenwelt“ mit realen Bildern ergänzen. Und fügt dann noch, kleine Ironie, alte Sprüche im Oberländerdialekt dem immerwährenden Kalender hinzu.

Kontrastprogramm

Massentourismus in den Bergen scheint Kulturschaffende oft auf ähnliche Ideen zu bringen. So hat sich auch der Fotograf Lois Hechenblaikner mit den Texten aus dem „Marke Tirol Buch“ beschäftigt und diese 2017 in einem Kunstprojekt verarbeitet. An einigen Stellen in Innsbruck hat er Werbeflächen genutzt, um das Tourismusland als eine Art Werbelandschaft zu zeigen und die genannten Markeneigenschaften mit Bildern aus den Skigebieten zu konterkarieren. Dass beides existiert, das Echte und zugleich seine Zuspitzung und Karikatur, davon kann und soll sich der Reisende auch vor Ort überzeugen. (mad)

KALENDERTIPP

Für 2019 und danach. Der „2. Tiroler Fremdenverkehrskalender“ von Thomas Parth ist ein immerwährender Kalender – ohne Wochentage.

Fotografie: Thomas Parth, Franz Götsch. Zitate stammen aus: Marke.Tirol.Buch, Innsbruck 2012.

Bei Editiones, www.editiones.com sowie im Buchhandel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2018)

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