Andalusien

Sevilla: Die andalusische Zeitmaschine

Wenige Orte in Sevilla sind so geschichtsträchtig und so stille Oasen wie das ehemalige Monasterio de la Cartuja.

Kloster, Kaserne, Kerker und Keramikfabrik – und nun Kunstadresse: Aus dem Monasterio de la Cartuja wurde das CAAC.
Kloster, Kaserne, Kerker und Keramikfabrik – und nun Kunstadresse: Aus dem Monasterio de la Cartuja wurde das CAAC.
Kloster, Kaserne, Kerker und Keramikfabrik – und nun Kunstadresse: Aus dem Monasterio de la Cartuja wurde das CAAC. – Imago

Kirchenschiffe, Kreuzgänge, Kapellen und einige Fabrikschlote, so hoch, als wollten sie an den Himmel klopfen. Auch beim zweiten Blick will einem der Fehler nicht auffallen. Zu perfekt passen die sandfarbenen Kamine in das beigebraune Ensemble. Zu harmonisch fügen sich die Brennöfen zwischen Kirchenmauern und Klostergarten ein, ganz so, als wäre der Komplex nie anders geplant gewesen. Warum auch nicht? Wenn Ordensbrüder andernorts Bier gebraut haben, dann können die Mönche im Monasterio de la Cartuja doch auch im industriellen Stil fleißig gewesen sein. Nicht recht ins Bild passt nur die Riesin, die Kopf und Hand durch viel zu kleine Fenster zwängt. Alicia heißt die gewaltige Skulptur, die eine spanische Schwester von Alice im Wunderland darstellt und einem klar macht, wo man hier hingeraten ist – ins Centro Andaluz de Arte Contemporáneo (CAAC).

Was heute das Andalusische Zentrum für zeitgenössische Kunst ist, war schon Kloster, Kaserne, Kerker und Keramikfabrik – ein Ort vieler Geschichten, ein Ort der Geschichte. Historisch werden paradoxerweise ja oft jene Stätten genannt, denen es an Vergangenheit am meisten mangelt. Plätze, die einen kurzen Boom erlebten, bevor sie wohlkonserviert und aufgebahrt im Abseits der Geschichte landeten. Das Monasterio de la Cartuja in Sevilla hingegen hat sein Maß an Geschichte noch nicht aufgebraucht. Hier hat das Leben einen jahrhundertelangen Fortsetzungsroman geschrieben, der Mitte des 13. Jahrhunderts auf einer der Altstadt von Sevilla genau gegenübergelegenen Insel im Guadalquivir-Fluss begann.

Dort wurde ein während der Zeit der islamischen Herrschaft verstecktes Bild der Jungfrau Maria gefunden. Ihr zu Ehren errichtete man an dem Ort zunächst eine Einsiedelei, im 15. Jahrhundert dann ein Kloster. Zu Besuch kam oft ein Mann, der die Weltgeschichte verändern und Sevilla zu einem der damals größten Machtzentren machen sollte – Christoph Kolumbus. In der Abgeschiedenheit des Klosters bereitete er die Expeditionen nach Südamerika vor, studierte in der Klosterbibliothek Dokumente über Navigation und ließ sich bei der Korrespondenz mit den katholischen Königen von den Kartäuserbrüdern unterstützen. Wegen seiner engen Verbundenheit zum Kloster ließ man nach seinem Tod Kolumbus' Gebeine in die Krypta der Sankt-Anna-Kapelle überführen.

 

Bekannte Keramikfabrik

Als die französischen Besatzungstruppen Anfang des 19. Jahrhunderts das Kloster plünderten und eine Kaserne einrichteten, hatte man Kolumbus' Überreste längst auf Hispaniola geschickt und in der Kathedrale von Santo Domingo bestattet. Die Zwischennutzung als Kaserne hinterließ ebenso wenig Spuren wie die kurze Zeit nach der Auflösung der Ordensgemeinschaft 1835, in der die Räume als Gefängnis dienten. Dann jedoch erwarb der Engländer Charles Pickman die Gebäude, richtete eine Industrieanlage mit Öfen, Werkstätten und Lagerhallen ein und begann 1841 mit der Massenproduktion von Keramik. Pickmans Porzellanfabrik wurde zu einer der bekanntesten in Europa und stellte den Betrieb erst 1982 ein. Anlässlich der Expo 1992 in Sevilla wurde der ganze Komplex restauriert und zur Heimat des CAAC.

Viele Bauwerke haben ähnliche Karrieren hinter sich, aber nur wenigen steht ihre Vergangenheit so ins Gesicht geschrieben wie dem einstigen Karthäuserkloster in Sevilla. Es ist eine verdichtete, stets vermehrte Geschichte, von den Mauern des Klosters aufgesogen, sodass das Monasterio de la Cartuja aus allem besteht, was je in ihm gesagt, geträumt, gebetet und getan wurde: aus den Rufen namenloser Männer, die Steine nach Entwürfen zurechtmeißelten, die sie aus dem Kalifenreich der Mauren übernahmen, aus dem Getöse der napoleonischen Invasion, aus den Intrigen der spanischen Könige, die ins Kloster kamen, um Politik zu machen, und aus dem Rauschen des Diaprojektors der letzten Ausstellung moderner andalusischer Künstler.

 

Ruhe unter schönem Schatten

Alles vergangen und doch gegenwärtig. Tatsächlich kann man im Kloster wie in einem Buch lesen und auf jeder beliebigen Seite beginnen, bei marmornen Renaissancegräbern oder zeitgenössischen Videoinstallationen, bei Dekorationen im Mudéjarstil oder der Industriearchitektur des 19. Jahrhunderts. Ein Vor- und Zurückgehen durch ein halbes Jahrtausend, das von der Mystik des Mittelalters bis zur Schönheit der Schornsteine reicht.

So ein Schatz blüht im Zeitalter des Massentourismus nicht im Verborgenen. Dennoch belagern keine Touristenbusse das Kloster, und in den weitläufigen Gärten der Anlage kann man noch in einer Stille spazieren, die nur bei völliger Abwesenheit anderer Menschen zu haben ist. Ein heilkräftiger Ort, der im übervollen Sevilla eine kleine Sensation darstellt und seine Besucher ein letztes Mal auf Zeitreise schickt, wenn sie sich unter dem baldachinähnlichen Blätterdach des Ombúbaums verstecken. Die Spanier nennen ihn auch Bellasombra, schöner Schatten. Er ist einer der ersten Bäume, die von Kolumbus aus Südamerika mit auf die Iberische Halbinsel gebracht wurden. Den mächtigen Ombú im Klostergarten pflanzte Kolumbus' Sohn Fernando. Ein über 500 Jahre alter, schöner Schatten, unter dessen Blätterhimmel man von anderen Zeiten tagträumen kann.

SEVILLA-TIPPS

Anreise: ab Wien via Madrid oder Lissabon nach Sevilla (Iberia, Laudamotion, Tap Air etc.) bzw. mit dem Hochgeschwindigkeitszug AVE in knapp 2,5 Stunden Madrid–Sevilla, www.renfe.com.

Übernachten: Apartamentos Prada Seville: großes, perfekt ausgestattetes Appartement mit Dachterrasse zur alleinigen Nutzung in einer ruhigen Seitenstraße und nur 15 Minuten Fußweg vom Zentrum entfernt, www.apartamentosprada.es.

Hotel Las Casas de la Juderia: Mehr als 20 traditionell sevillanische Häuser und Paläste aus dem 15. und 16. Jahrhundert wurden zu einem wunderschönen Hotelkomplex zusammengefasst, www.lascasasdelajuderia-sevilla.com.

Hotel Alcantara: kleines Altstadthotel mit modernen und schnörkellos eingerichteten Zimmern, www.hotelalcantara.net.

Essen und Trinken: El Rinconcillo in der Calle Gerona 40 wurde 1670 gegründet und soll die älteste Schenke Sevillas sein, www.elrinconcillo.es.

Pepe Hillo lockt mit außergewöhnlichen Tapas, zum Beispiel Kartoffelomelette mit Whiskysauce und einem urig-andalusischen Ambiente, www.casapepehillo.com.

Vegetarier und Veganer sind im kubanischen Restaurant Habanita unweit der Plaza Alfalfa genau richtig, wenn es nicht immer nur fleischlose Tapas sein sollen, www.habanita.es.

Anschauen: Monasterio de la Cartuja, Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag von 11.00 bis 21.00 Uhr, sonntags und an Feiertagen von 10.00 bis 15.30 Uhr, www.caac.es.

Information: spanisches Fremdenverkehrsamt, www.spain.info Tourismus Sevilla, www.visitasevilla.es, www.turismosevilla.org.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2018)

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