Portugal

Algarve: Naturgewalt nagt am Naturwunder

Die Felsküste der Algarve galt lange Zeit als gefährlicher Ort. Zwar erwarten Klippenwanderer dort traumhafte Meerblicke, einzigartige Steinformationen, seltene Tiere und versteckte Buchten – jedoch dringend mit Abstand.

Klippen, nicht für die Ewigkeit: Die Felsküste an der Algarve wird unterspült. Beim Wandern nicht zu weit an die Kante!
Klippen, nicht für die Ewigkeit: Die Felsküste an der Algarve wird unterspült. Beim Wandern nicht zu weit an die Kante!
Klippen, nicht für die Ewigkeit: Die Felsküste an der Algarve wird unterspült. Beim Wandern nicht zu weit an die Kante! – Reuters (Nacho Doce)

Zerklüftete Steinlandschaften, Pinien und Wüstenblumen, dazu der Geruch von Meer und verdorrtem Gras und ein Konzert aus Möwengeschrei, Grillenzirpen und tosender Brandung: Die Algarve hat eine beeindruckende Küste. Wer sich jedoch auf die Klippenpfade zwischen Albufeira und Lagos wagt, sollte trittfest und schwindelfrei sein, denn die markierten Wanderwege führen sehr nah an der Absturzkante entlang. Bis ins 17. Jahrhundert galt die Felsalgarve als verfluchter Ort. „An den steilen Klippen mit ihren gefährlichen Überhängen geschahen früher zahlreiche Morde und Selbstmorde“, erzählt der Guide Christopher Shean.

Zu tragischen Unfällen kommt es auch heute noch. Durch die starke Erosion sind die mächtigen Felsen an vielen Stellen unterspült oder brüchig geworden. Immer wieder stürzen gewaltige Gesteinsbrocken mit lautem Getöse ins Meer. Der Atlantik holt sich jedes Jahr bis zu zwei Meter Küste zurück. „Vorletztes Jahr ist die Bucht vor unserem Haus westlich von Armação de Pêra einfach weggerissen worden“, berichtet ein Anwohner. An den Stränden und entlang der Küstenwanderwege stehen deshalb überall Gefahrenschilder. Trotz der verführerischen Ausblicke sollen Spaziergänger niemals auf überstehende Felsbalkons treten, Strandurlauber wiederum nicht ihre Handtücher unter Felsvorsprüngen ausbreiten.

Klippenkontrolle im Winter

Beachtet werden die Warnungen in den allermeisten Fällen nicht. „Wenn man auf der Klippe steht, sieht man ja nicht, was darunter ist“, wird in Unkenntnis von Touristen argumentiert. Und unten am Strand sind die Schattenflächen unter den Steinüberhängen die begehrtesten Liegeplätze. „Die Klippen bröckeln aber normalerweise nur im Winter, wenn Wind, Wellen und Regen auf sie einpeitschen“, beruhigt Guide Diana Nunes. „In der kalten Jahreszeit überprüfen die Wasserbehörden deshalb die gesamte Küste und schlagen einsturzgefährdete Felsstücke kontrolliert ab.“

Unterwegs stoßen Küstenwanderer immer wieder auf Seile und Leitern, die an besonders steilen Felsen angebracht sind. „Damit klettern die Fischer auf Vorsprünge, die sie sonst nicht erreichen könnten“, erklärt Nunes. „Viele Einheimische hier leben vom Fischfang. Sie werfen ihre Angeln von den Klippen aus, die am weitesten ins Wasser reichen. Da sie das schon seit Generationen so machen, fühlen sie sich sicher. Aber das Gestein ist es nicht.“ So sind mitunter an den Felsen auch Kreuze angebracht, die an Verunglückte erinnern. Auf einer exponierten Landzunge bei Porches steht die Kapelle Nossa Senhora da Rocha, in der die Ehefrauen der Fischer schon im 15. Jahrhundert für die sichere Rückkehr ihrer Männer beteten.

Treppen und Becken im Stein

Die Ponta da Piedade bei Lagos, eine atemberaubende Karstlandschaft mit prekären Klettermöglichkeiten, ist auch über eine sichere Treppe zu erreichen. Einer der schönsten Wanderabschnitte beginnt bei Algar Seco. Inmitten der bizarren Kalksteinwüste hoch über dem Meer haben sich kleine Felsenpools zum Planschen gefüllt. Der Legende nach sollen sie durch die steten Tränen der Prinzessin Alfanzina entstanden sein, die hier täglich um ihren Geliebten trauerte. Ein 570 Meter langer Holzsteg bietet spektakuläre Ausblicke auch für diejenigen, die nicht so gut zu Fuß sind.

Vom malerischen Küstenort Carvoeiro führt ein markierter Wanderpfad nach Osten über den Leuchtturm von Alfanzina zur Bucht von Carvalho. Hier hat sich ein Gesteinsblock so weit vom Land gelöst, dass er wie eine einsame Felsnadel aus dem Meer ragt. Durch eine Höhle führt eine Steiltreppe zum Strand, wo ein Balkon in den Fels gehauen ist. Mutige springen von den hohen Vorsprüngen der Steinwand ins Meer.

Weiter geht es in staubigen Spuren, oft nur fußbreit vom Abgrund entfernt, über die schroffen Klippen. Wanderfalken sitzen wie versteinert auf Agaven, Kormorane segeln über die Wellen, Möwen brüten in ihren Felsnestern, Fledermäuse huschen aus ihren Höhlen, und wer Glück hat, sieht, wie ein Chamäleon über den Weg stolziert. „Die Algarve ist das größte Verbreitungsgebiet des europäischen Chamäleons“, berichtet Shean. „Die Tiere fressen Piniennadeln und schlafen im Sand.“ Gleich hinter dem nächsten Fischerdorf liegt die Hauptattraktion des Weges: die Grotte von Benagil. Was von unten wie eine Felskathedrale mit Deckenöffnung zum Himmel wirkt, ist von oben nur ein unscheinbares Loch im Boden. Es ist trotzdem leicht zu finden, da es fast immer von einer Traube Neugieriger umgeben ist. Die meisten schauen zunächst ehrfurchtsvoll vom Sicherheitszaun aus in die Tiefe, wo sich mit lautem Echo Wellen am Höhlenstrand brechen. Doch kaum klettert der erste über die Holzabsperrung, um ein Selfie zu schießen, machen es die anderen nach. Von der Warntafel mit den bröckelnden Felsen und herabstürzenden Strichmännchen nimmt kaum jemand Notiz.

Pilzartige Steintürme

Am Praia da Marinha können sich müde Wanderer dann vor einer Traumkulisse in die Fluten stürzen. Der Strand wurde von „National Geographic“ als einer der schönsten der Welt beschrieben. Hauptsächlich wegen zwei Felsarkaden, die aussehen, als würde ein riesiger Elefant seinen Rüssel ins Meer tauchen. Rundherum ragen freistehende Steintürme wie Pilze aus dem Wasser. Zwischen Galé und São Rafael finden Klippenwanderer eine versteckte Bucht nach der anderen: Pedras Amarelas, wo Prominente wie Dagmar Koller ein Ferienhaus haben; Evaristo, wo Celebrities mit ihren Jachten zum Fischessen anlegen; Castelo, wo der portugiesische Fußballstar Luís Figo geheiratet hat, oder Coelha, wo die ehemalige Strandvilla von Cliff Richard steht.

Ein absoluter Geheimtipp ist Xorino, eine in einem Felskreis verborgene Strandoase zwischen Coelha und São Rafael. Schilder und Straßen gibt es dort nicht, aber aufmerksame Wanderer stolpern von selbst über die Steinarena im Boden. In der Tiefe wird ein meist menschenleerer Traumstrand durch eine Höhlenöffnung mit türkisgrünem Meerwasser bespült. Naturwunder und Naturgewalt liegen hier ganz nah beieinander. Abgrundtief schön.

AM ATLANTIK

Felsalgarve: an der Südküste Portugals von Sagres (im Westen) bis Albufeira.

Klippenwandern: Praia da Galé bis Praia do São Rafael (5 km) oder von Carvoeiro via Benagil bis Praia da Marinha (10 km); Abkühlen an den Stränden von São Rafael, Marinha und Carvalho; Abstieg zur Ponta da Piedade bei Lagos.

Hotels: Vila Channa bei Praia do São Ra- fael, vilachanna.pt; Hotel Baia Grande bei Praia da Coelha, hotelbaiagrande.com.

Lokale: O Marinheiro, gehoben medi- terran, in Sesmarias, Ramirez, einfaches Lokal für Piri-Piri-Grillhuhn in Guia; Casa Algarvia in Carvoeiro (Cataplana!)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2018)

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