Tschechien

Liberec: Glühende formbare Masse

Die Wälder der Region Liberec beherrschen die leicht hügelige Landschaft – und sind mit ein Grund, dass sich hier die Glashüttenansiedelung konzentriert hat. Auf den Spuren jahrhundertealter Glaskunst durch Nordböhmen.

Liberec, das einstige Reichenberg, in Nordböhmen.
Liberec, das einstige Reichenberg, in Nordböhmen.
Liberec, das einstige Reichenberg, in Nordböhmen. – (C) Czech Tourism

Satan stemmt das Blasrohr mit dem glühenden Glasgebilde noch einmal in den Ofen. Am Muskelspiel erkennt man das immense Gewicht des Ungetüms, das aufgehängt wird, damit es sich in die Länge zieht. Ein zweiter Arbeiter zündet die Fackel und befeuert die Glaskonstruktion. Und ein dritter gestaltet beim richtigen Erhitzungsgrad mit einer Buchenholzform die Rundung. Die Arbeit der drei Künstler scheint perfekt abgestimmte Routine. Doch dieses inzwischen ein Meter lange und 13 Kilo schwere Glasgebilde ist ein Einzelstück. Die Glashütte Ajeto in Lindava nahe Nový Bor ist auf Auftragsarbeiten in der Glasproduktion spezialisiert, nicht aber auf Schleiferei und Malerei. Hier kann man berühmten Glasmachern über die Schulter schauen, die exklusiven Arbeiten stehen in Kunstgalerien weltweit.

Liberec, die größte Stadt Nordböhmens, ist nur rund eine Autostunde von Prag entfernt, die Region um die Stadt eine der waldreichsten Tschechiens. Ein Grund mehr, dass hier die Glasindustrie Fuß gefasst hat, alle notwendigen Materialien, wie Holz für die Öfen, Quarzsand und Pottasche stehen in reichem Ausmaß zur Verfügung. In Nový Bor etwa findet alle drei Jahre ein internationales Glassymposium statt.

Wenige Österreicher wissen, dass aus dieser Region auch Unternehmen wie Riedel und Swarovski abstammten. Der Firmengründer Daniel Swarovski und das wichtigste Know-how, eine 1892 patentierte Technik, mit der sich die bis dahin aufwendig per Hand geschliffenen Glaskristalle mechanisch auf Hochglanz bringen lassen, sind böhmischer Herkunft. Die Familie stammte aus der Umgebung von Gablonz (Jablonec nad Nisou), jenem Ort, der einst der berühmten Gablonzer Bijouterie ihren Namen gab.

Doch zurück zur Glashütte Ajeto: Zu ihren Prestigeobjekten zählt seit Jahren die Produktion des Pokals der Tour de France. Miroslav Šeps zeigt besonderen Gästen nebst der Ausstellung auch das Archiv, in dem man sich unter anderem über die Mick-Jagger-Vase amüsieren kann – mit roten aufgepolsterten Lippen aus Glas. Der Künstler Bořek Šípek hatte Mitte der 1990er einen Entwurf mit Einverständnis des Ober-Stone gefertigt, daraufhin wurden sieben Stück produziert. Eine Vase nennt der Sänger sein Eigen. Auch ein extrem gelbes Glaskunstwerk fällt hier auf. Es wurde mit Uraniumoxyd gefertigt, das aus einem Prager Forschungsinstitut stammt.

Glashütten und Museen

In der Glashütte besteht die Möglichkeit, selbst das Handwerk auszuprobieren. In der gemütlichen Holzhütte (in dem auch ein Restaurant untergebracht ist) stehen den Gästen zwei Glasbläser zur Seite, die ihnen Anweisungen zum „Meisterstück“ geben. Vorsicht: Man darf nur ganz leicht in das Blasrohr pusten, denn die Ausdehnung des Glases erfolgt rasch. Im angeschlossenen „Glasgarten“ von Aleto kann man zudem einige Objekte in freier Natur bewundern.

Glasobjekte aller Art und aus den verschiedensten Epochen sind im Museum für Glas und Bijouterie in Jablonec nad Nisou ausgestellt. Die Dauerausstellung „Die unendliche Geschichte der Bijouterie“ stellt diese Kunstfertigkeit in ihrem ganzen Ausmaß dar. Schließlich hat gerade die Glasproduktion die damals ärmliche Region im Verlauf des 19. Jahrhunderts in ein reiches Zentrum der Bijouterie-Industrie verwandelt. Zu den ganz besonderen böhmischen Glaskunstwerken im Museum gehört der Pokal mit dem Porträt Martin Luthers, der 1830–1840 in der Harrach'schen Glashütte in Nový Svět aus Kristallglas geblasen, mit Goldrubin unterfasst und mit einem eingeschmolzenen Keramikrelief verziert wurde. Der Ästhetik der Wiener Werkstätten wurde in der Ausstellung ebenso Platz eingeräumt. Im ersten Stock des Jugendstilgebäudes kann man ein fast unüberschaubares Angebot an Glasschmuck bestaunen.

Wie diese filigranen Teile hergestellt werden, wird im Palace Plus, dem nach eigenen Angaben europaweit größten Zentrum der böhmischen Bijouterie, erklärt und gezeigt. Außerdem kann man sich in den Werkstätten einen Modeartikel aus Glasperlen selbst fertigen. Wer lieber nur einkaufen möchte, findet rund 5000 Arten von Bijouterie von 45 regionalen Herstellern.

Während einer Werksbesichtigung bei Rautis in Poniklá erfährt man wiederum alles über die Glasperlen, die für den berühmten Weihnachtsschmuck hergestellt werden. Und wie sie ihre satten Farben erhalten. In dem idyllischen Dorf wird das alte Handwerk der Hohlperlenherstellung bis heute bewahrt. Die ersten Perlenbläser haben hier ihre Werkstätten am Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, und oft waren es ganze Familien, die ihren Lebensunterhalt damit bestritten. Die Art der Herstellung des Weihnachtsschmucks hat sich seit seinen Anfängen technologisch nicht verändert. In der Manufaktur kann man den gesamten Produktionsprozess mitverfolgen: Spätestens ab deren Versilberung und dem Einfärben benötigt man beinahe einen Geruchsschutz.

Zum Abschluss einer tschechischen „Glasreise“ sollte man sich noch Gebilden ganz anderer Art zuwenden. In Prag hat das Unternehmen Preciosa einen einzigartigen Showroom eingerichtet: Hier sieht man Kristallkronleuchter, die Hotels und Wohnungen auf der ganzen Welt erleuchten. Aber für den kleineren Haushaltsbedarf wird man in dem luxuriösen Geschäft im Zentrum auch kleinere Designerleuchtkörper, bezaubernde Lichtobjekte und moderne Accessoires finden.

REISE ZUR GLASKUNST

Wohnen: Clarion Grandhotel Zlatý Lev in Liberec: Franz Joseph I. hat es 1906 anlässlich einer Messe eröffnet. Eines der Juwelen der Stadt.

Essen: Ještěd: Hotel/Restaurant in einem ufoartigen Bauwerk am Gipfel des Ještěd. Blick aufs böhmische Paradies.

Infos: www.czechtourism.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2019)

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