Mexiko

Cancún: Aufbau, Umbau, Ausbau in der Karibik

Wie die Retortenstadt Cancún Hurrikans, Schweinegrippe und Drogenkriege überlebte und zum Urlauberhotspot wurde.

Cancún war vor wenigen Jahrzehnten noch eine kleine Fischersiedlung auf einer Insel, heute eine Millionenstadt.
Cancún war vor wenigen Jahrzehnten noch eine kleine Fischersiedlung auf einer Insel, heute eine Millionenstadt.
Cancún war vor wenigen Jahrzehnten noch eine kleine Fischersiedlung auf einer Insel, heute eine Millionenstadt. – (c) imago/ZUMA Press

Woher der Name Cancún stammt, darüber streiten sich die Einsteins dieser Welt. Eine populäre Version: In der Sprache der Mayas bedeutete Kankun Schlangennest. Was Sinn haben würde, denn als der mexikanische Badeort auf der Halbinsel Yucatán am Reißbrett konzipiert wurde, präsentierte sich die zu erschließende Landzunge als höchst unwirtlicher Flecken in einem vergessenen Winkel der Karibik: Sumpf, Mangroven, Dschungel, Dünen, gottverlassene Strände.

Heute, bald 50 Jahre später, bündelt Cancún nicht nur alle Urlaubswünsche von Low Budget bis Luxus, sondern macht auch als Cashcow von sich reden: Zuletzt wiesen Zahlen über sechs Millionen Besucher jährlich aus.

Klar, so romantisch und idyllisch wie in den frühen 1970ern ist es nicht mehr, als die Hotelzone erste Konturen annahm, die ersten Shoppingcenter, Golfplätze und Jachthäfen aus dem Boden gestampft und mit dem Wohngebiet auf dem Festland verbunden wurden. 1974 buhlten ein neuer Flughafen und ein Hoteldreigestirn um Gäste: das Playa Blanca, Bojorquez und das Cancún Caribe. Selbst 1980 hatte Cancún noch die Anmutung eines verträumten karibischen Dorfs: Man konnte den Fischern in aller Ruhe beim Hummerfang zuschauen. Das Publikum: hauptsächlich reiche ältere Paare, die alle Jahre wieder für einen Monat eincheckten.

Mehrfache Rückschläge

Heute ist die Klientel jünger, aber das soll nicht zu falschen Schlüssen führen. Nur etwa zwei Prozent kommen wegen des Spring Break: Feiernde, mit Frühlingsgefühlen aller Art vollgepumpte Teenager-Horden sind die Ausnahme von der Regel. Der Trend zum Qualitätstourismus ist ungebrochen – auch als Folge von Naturkatastrophen der jüngeren Vergangenheit: Im September 1988 wütete Hurrikan Gilbert, ramponierte Hotels und Strand. Die leicht überzogene Schlagzeile vom „plattgemachten Cancún“ stellte sich nicht wirklich als hilfreich heraus. Als Konsequenz daraus rasselten die Hotelpreise und damit das Image in den Keller, denn Cancún gab es in jeder Hinsicht billiger.

Kurioserweise brauchte es noch einen zweiten Wirbelsturm, um aufzuwachen und sich wieder als erstklassige internationale Destination zu positionieren: Nach Wilma 2005 nützte man die Aufräumarbeiten letztlich zu einer Generalüberholung der Ferienanlagen – eine weise Entscheidung der mexikanischen Regierung. 2008 war Cancún wieder in Hochform: 146 Resorts, 453 Restaurants von der lokalen Cantina bis zum Nobel-Italiener, 2000 Shops in zwölf Malls. Doch zu früh gefreut: Die Wirtschaftskrise breitete sich wie ein Krake aus – und im April 2009 die Schweinegrippe. Über Nacht brach das Geschäft in Cancún, der Riviera Maya und der Insel Cozumel, Magnet für Kreuzfahrtschiffe und Taucher, um 85 Prozent ein – existenzgefährdend.

Liebling der Amerikaner

Noch ein weiterer unsichtbarer Feind entpuppte sich als Partycrasher: der mörderische Drogenkrieg in Mexiko. Die ständigen Horror-News und ihre Nebenwirkungen irritierten sogar Ignacio Cassem, der als Tennislehrer in Cancún normalerweise immer ein paar Asse im Ärmel hatte: „Wenn die Amerikaner zu viel davon im TV sehen und hören, bleiben sie zu Hause. Auch wenn die Kämpfe vier Flugstunden von hier entfernt toben.“ Und Cancún lebt nun einmal in erster Linie von den Amerikanern und Kanadiern.

Dabei tut Cancún wirklich alles, um den Urlaubern eine Fiesta für alle Sinne zu bieten, jenseits von Tequila-Shots, Wet-T-Shirt-Contests, Schaumpartys oder Mariachi-Gefiedel. Lohnende Ausflugsziele finden sich wie Sand am Meer, wie die heiligen Maya-Stätten von Chichén Itzá (eines der neuen Weltwunder), Tulum, Uxmal oder Coba. Dazu Themen- und Öko-Parks wie Xel Ha, Xplor, Xcaret, die Naturwunder der „Cenotes“ der Karter sowie die vorgelagerte Isla Mujeres.

Ein dörflicher Teil des sonst sehr amerikanischen 1,3-Millionen-Einwohner-Konglomerats ist noch erhalten: Dort schlägt das Herz des alten Mexiko, dort sind die Pioneros zu Hause, die all die Hochhäuser gebaut haben und nun dafür sorgen, dass sie in Schuss bleiben.

Auch wenn die Hotelkästen optisch selten die reinste Wonne sind, die inneren Werte stimmen. Bei Auszeichnungen und Preisverleihungen gehören die Cancún-Hotels regelmäßig zur Crème von Mexiko. Als bestes Haus am Platz gilt unverändert das Ritz Carlton, das 25. Geburtstag feiert. Aber eigentlich ist jeder Tag hier ein Festtag: Wenn die Dämmerung hereinbricht und sich langsam ein Sternenhimmel zu wölben beginnt, mischen sich die Klänge eines Saxofonisten mit dem Sound der heranrollenden Wellen. Halb Hollywood war da, Salma Hayek und Eva Mendes shakten im Café Mexicano ab. Angelina Jolie und Justin Timberlake ließen nächtens in einer Casita die Gläser klirren. Julia Roberts zog ihr Breitwandlächeln am Pooldeck auf. Vor Hochzeitszeremonien pflegt das Personal den supersoften Sand noch extra glatt zu bürsten. Aber auch wer nicht Ja sagt im Resort, wird royal bedient. Mittags Ceviche oder einen leichten karibischer Salat auf der Liege mit Ocean View.

Strand wieder aufgeschüttet

Doch der größte, immer noch alles überstrahlende Schatz Cancúns sind das türkis schimmernde Meer und der öffentliche Traumstrand von 22 Kilometern. 71 Millionen Dollar hat vor knapp zehn Jahren das Upgrade des „Strip“ verschlungen. Wiederholt hatten dem Sandstreifen Hurrikans und die natürliche Erosion zugesetzt. Jetzt hat er wieder mehr Fülle und Breite. Im Rahmen eines groß angelegten „Beach Recovery Project“ waren auf dem elf Kilometer langen Abschnitt zwischen Punta Cancún und Punta Nizuc sechs Millionen Kubikmeter Sand aufgeschüttet und Betonschutzmauern errichtet worden.

Auch unter Wasser lauern Attraktionen, bei denen der Mensch nachgeholfen hat. Der britische Künstler Jason deCaires Taylor versenkte für das Museo Subacuático de Arte Hunderte Skulpturen, die an die berühmte chinesische Terrakotta-Armee in Xi'an erinnern. Die aus gehärtetem Zement gefertigten Figuren stellen Küstenbewohner dar, sollen Taucher anlocken und langfristig neuen Korallen als Siedlungsplatz dienen. Durch die Installierung des Skulpturenparks verspricht man sich auch eine Erholung für das von den Schnorchlern stark frequentierte fantastische Riff, das sich von Cancún bis nach Belize zieht. Auch ein VW-Käfer wurde einmal als Ausstellungsobjekt auf dem Meeresgrund abgestellt.

Taylor, der auch schon Unterwassermuseen vor Lanzarote und den Malediven auf die Beine gestellt hat, ist mit seinem mexikanischen Projekt in den Gewässern vor der Isla Mujeres vertreten. Die „Fraueninsel“ kann von der Playa Tortugas in der Hotelzone von Cancún mit der Fähre in einer knappen halben Stunde erreicht werden. Auf acht Kilometern Länge und maximal einem Kilometer Breite dominieren Läden, Greißler und Cerveza-Hütten. Auf der felsigen, zerklüfteten Seite stehen einander schicke Villen und Barackensiedlungen wie selbstverständlich gegenüber. Die Playa Cocos glänzt mit Sandstrand, seichtem, samtenem Wasser, in den Restaurants brutzelt der Tikin Xic, ein beliebter Fisch, der auf Maya-Art mit Gewürzen beschichtet und in Bananenblätter gewickelt wird.

Mit Walhaien schwimmen

Ideale Verkehrsmittel sind Golfcarts, Scooter und Fahrräder, im Nationalpark El Garrafon lässt es sich per Seilzug (Tirolesa) über eine blau-grüne Bilderbuchlagune zischen und in ihr schnorcheln. Ein Maya-Tempel, als solcher kaum zu erkennen, weil offenbar zu viele Hurrikans darübergefegt sind, ist der Erd- und Mondgöttin Ixchel gewidmet, einer Frau der vielen Talente: Sie galt als Schutzpatronin der Geburt und der Heilkunst, Schirmherrin des Regenbogens und der Webkunst. Nur ein paar Meter von den Gemäuerresten findet sich der östlichste Punkt Mexikos: El Acantilado, der „Fels der Dämmerung“, ist jeden Morgen der erste Flecken des Landes, der von der aufgehenden Sonne geküsst wird.

Ein Tipp, weiter entfernt, ist auch die Insel Holbox: Im Sommer lässt es sich dort mit Walhaien – sie sind trotz ihrer ausufernden Maße sanfte Riesen – schwimmen. Trockenen Fußes kann man Tausenden Flamingos und Pelikanen dabei zusehen, wie sie staksen und Beute jagen. Contoy wiederum gilt in der Region als wichtigster Brutplatz für Seevögel. Menschen sind hier eine Minderheit: Die Community von Boca Iglesia zählt gerade mal 26 Einwohner – was für ein herrlicher Kontrast zur gigantischen, wild wuchernden Urlaubsmaschine Cancún.

CANCÚN, RIVIERA MAYA

Anreise: Mit Eurowings oder Condor über Deutschland nonstop nach Cancún.

Hotels: Ritz Carlton: Frisch gelifteter Strand-Palazzo mit Spa und Topküchenperformance, weg vom Trubel und den-noch nah genug, www.ritzcarlton.com

Hyatt Ziva: All-inclusive-Resort in Kap-Lage mit eigenem Erwachsenenwohnbereich und 17 Restaurants, Bars und Lounges. www.cancun.ziva.hyatt.com

Chable Maroma: Brandneues, stilvolles Dschungel-Hideaway mit 70 Villen an der Riviera Maya. www.chablemaroma.com

Infos: www.gocancuncard.com, www.cancun.travel/de, www.visitmexico.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2019)

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