Ein Zugvogel namens Lindo

Mitten aus London stammend und in urbanen Grünräumen sozialisiert: David Lindo geht mit dem Blick nach oben durch die Städte.

Nein, die großen schwarzen Vögel im Augarten sind keine Raben- und keine Nebelkrähen. Die Exemplare bei der Donau sind keine Tauben, sondern Spatelraubmöwen, Dreizehenmöwen oder Schwalbenmöwen. Und die Flugsubjekte, deren der Spaziergänger im Prater ansichtig wird, heißen nicht bloß Amsel, Fink und Star, sondern anders als hinlänglich im Biologieunterricht gehört: Pirol, Schwarzmilan und Gelbspötter. Etwas mehr Seiten als anderen Städten widmet David Lindo in seinem unlängst auf Deutsch erschienenen „#Urban Birding“-Buch Wien, obwohl seine Liebe zu Wien erst im zweiten Anlauf entstand. Bei diesem wiederholten Besuch hatte Lindo entdeckt, dass die Stadt genau „in der Mitte der Kreuzungspunkte“ von Nebel- und Rabenkrähen liegt – und daher fast alle gesichteten Exemplare Kreuzungen daraus sind, in allen Schattierungen. „Bei einem Besuch in Wien bekommt man also buchstäblich 50 Shades of Grey zu sehen.“ Begeisterung ringt dem Birdwatching-Popstar der hohe Grünanteil ab, der Prater, die Donauinsel – Hotspots für Raritäten –, und vor allem die Lobau.
David Lindo ist sehr viel unterwegs. Zum einen, weil sein unorthodoxer Zugang zur Vogelwelt einen gewissen Hype erzeugt hat – repräsentiert der mittlerweile in Merida ansässige Londoner doch ein anderes Bild eines Birdwatchers. Schwarz, urban, mit einem originellen, nicht wissenschaftlichen Zugang zur Materie: Nach oben schauen, keine Listen, Spaß haben, das ist die Devise. Lindo arbeitete früher als DJ und in Public Relations. So weiß er, zum anderen, wie man eine breitere Öffentlichkeit für das Thema anfixt: mit Fernsehsendungen, locker geschriebenen Kolumnen, gezieltem Social-Media-Einsatz, unterhaltsamen Vorträgen, entspannten Exkursionen durch urbane Zonen. Vor Kurzem war er bei der Pannonian Bird-Experience in Illmitz vertreten.

Eulenkolonie in der Stadt

Den sprichwörtlichen Vogel schoss der Brite ab, als er parallel zu den britischen Parlamentswahlen 2015 eine Election für den „National Bird“ initiierte und vogelwahlkämpfend durch London kutschierte. Mit dem Ergebnis, dass das Rotkehlchen (Robin) die Gunst gewann, auch wenn ihm dieses nicht so sehr ans Herz gewachsen ist wie die Ringdrossel, der er meist in besonderen Lebensumständen begegnet. Die Liebe zur Natur begann früh: Als Schulkind fiel Lindo eine Enzyklopädie der Vogelwelt Großbritanniens in die Hände: „Ich kannte die Vögel auswendig, bevor ich sie tatsächlich sah.“ Das änderte sich schnell, als er in Wormwood Scrubs in Nordlondon sein erstes Revier fand.
Seither treibt es ihn immer weiter, von Stadt zu Stadt. In manchen entdeckt Lindo Erstaunliches: etwa, dass eine Eulenkolonie mitten in Novi Sad lebt und die wenigsten Passanten dem ein Augenmerk schenken. Oder dass der Moloch Taipeh „eine wahre Perle für Ornis“ ist. In ihm unbekannten Städten geht Lindo die Sache intuitiv und spontan an. „Ich schaue einfach auf den Stadtplan und suche die grünen und blauen Stellen. Dort gehe ich hin.“ Vielleicht fällt er mit seinem Fernglas mancherorts noch aus dem Rahmen. Doch die Population der Spezies Urban Birder nimmt weltweit zu.

Buchtipp: David Lindo: „#Urban Birding“, Kosmos-Verlag, 14,99 Euro.

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