Die Mitte Europas im Abseits

In den westukrainischen Karpaten nahe der Stadt Rachiw ist Europas geografische Mitte. Das dachten zumindest die Habsburger. Heute liegt Rachiw knapp außerhalb der EU-Außengrenze.

(c) Erwin Wodicka

Die Sache mit der Mitte Europas nimmt man hier ernst. Sehr ernst. Dass das litauische Dorf Purnuškės seit einiger Zeit behauptet, geografisches Zentrum des Kontinents zu sein, sei schlicht eine „Provokation“, sagt Denis Kuchar, ein freundlicher 23-Jähriger mit blondem Kurzhaarschnitt. Im Informationsbüro, wo Kuchar arbeitet, hängen Zeitungsausschnitte über die Anmaßung der Litauer wie abschreckende Exponate. „Streit um das Zentrum Europas“, titelt einer von ihnen.

Nur ein paar Meter entfernt von Kuchars Holzhütte, in der man über Fauna und Flora des nahen Karpaten-Naturparks erfährt, am rechten Rand einer staubigen Linkskurve, umgeben von Nadelwald, steht er: der sprichwörtliche Stein des Anstoßes, ein zwei Meter hoher, weiß-türkis bepinselter Betonklotz. Aus ihm zieht das nahe ukrainische Städtchen Rachiw seinen Stolz. Die Wegmarke hat Rachiw auf Europas Landkarte verewigt, und zwar früher als Purnuškės in Litauen. „Ständiger, genauer, ewiger Ort. Zentrum Europas, festgelegt im Jahr 1887“, steht da in lateinischen Buchstaben geschrieben.

Die Kleinstadt in den ukrainischen Karpaten, wo heute 16.000 Menschen leben, hat in ihrer Geschichte diese und noch andere Namen getragen: Rachiw, Rachow, Rachowo, Rauhau, Rahó. Hier lebten Ukrainer, Deutsche, Huzulen, Rumänen, Ungarn und bis zum Zweiten Weltkrieg Juden. „Rauhau“ haben die Ansiedlung wohl jene Wiener Geografen genannt, die anno 1887 auf einer Expedition in diesen entlegenen Teil der Monarchie kamen – und hier den Mittelpunkt Europas festlegten.

Wiesen, Wälder, Bären, Wölfe. Der Karpatenbogen zieht sich von der Slowakei und Polen über die Ukraine bis nach Rumänien. Hier ist seine Mitte. „Chornogora“ – schwarzes Gebirge – nennt man dieses Teilstück, ein Flickenteppich aus saftiggrünen Wiesen und dunklen Wäldern, in denen Bären und Wölfe leben. Eine europäische Landschaft. Und dennoch macht das Wort „Europa“ Denis Kuchar zu schaffen. Denn politisch gehören die Ukrainer heute nicht zur Gemeinschaft der Europäer. Ein „Paradox“, findet Kuchar. Selbst als Gäste lässt man sie nur ungern herein. „Man sollte das Visaregime abschaffen“, sagt der junge Mann.

Doch der Weg der Ukraine in die EU ist noch weit, eine Aufnahme überhaupt unsicher. Darauf warten die Menschen hier nicht – sie wollen weg von der Mitte Europas, über die Zäune der EU-Außengrenze, die 20 Kilometer weiter südlich an der Grenze zu Rumänien verlaufen, durch die historische Landschaft der Bukowina. Es gibt kaum Arbeit in Transkarpatien, viele verdingen sich als illegale Arbeiter in Tschechien, meist auf dem Bau. Doch die Kontrollen sind strenger geworden. Man habe den Wohlstand aufgebaut, jetzt werde man hinausgeworfen, heißt es bitter.

So wichtig, dieses Denkmal. Die habsburgische Wegmarke ist heute nicht mehr als ein Fluchtpunkt, der Beweis, dass Europa auch hier einmal war. Zumindest kommen ein paar Besucher ihretwegen nach Rachiw. Das Denkmal sei wichtig wegen der Touristen, sagt Maria Leta. Die 70-Jährige vermietet in ihrem Haus Zimmer. Ihre Gäste hält sie an, mit dem Wasser sparsam umzugehen, denn viel gebe es nicht davon.

Leta hat den Niedergang Rachiws nach dem Ende des Sozialismus erlebt. Die Betriebe, in denen sie als Ingenieurin gearbeitet hatte, mussten schließen. Von 40Jahren Arbeitserfahrung und zwei Universitätsabschlüssen sind 140 Euro Rente pro Monat übrig geblieben.

Wien ist 581 Kilometer von Rachiw entfernt, Kiew 535. Für das frühere Galizien, die Bukowina und Transkarpatien wurde Kiew erst 1945 Hauptstadt. Die Sowjets waren in der Region nie sehr willkommen, auch wenn sie nach dem Einzug ihre Heldendenkmäler in allen Dörfern aufstellten.

Die Banditen sind in Kiew.
Seit der Unabhängigkeit der Ukraine kamen neue Statuen hinzu: Solche, die Stefan Bandera zeigen, den Führer der nationalistischen Partisanen, die gegen die Rote Armee fochten, und Darstellungen des schnauzbärtigen, mit einer Axt bewaffneten Olexa Dowbusch, eines ukrainischen Robin Hood, der im 18. Jh. die polnischen Adeligen beraubt und ihr Geld den Bauern gegeben haben soll.

Einen Dowbusch wünscht man sich heute wieder, angesichts der „Banditen“ in Kiew, wie die Politiker hier heißen. Die Hauptstadt ist vielen noch immer fremd, trotz der Unabhängigkeit, und erst recht der weite Osten. „Wir wollen nach Westen“, sagt ein Arbeiter mit blau-oranger Jacke am Rachiwer Bahnhof. „Die im Osten wollen nach Russland.“ Er blickt auf die Gleise, sie führen nach Rumänien. Doch die Verbindung ins Ausland ist gekappt, Rachiw ist für Züge aus Lemberg Endstation.

Am Abend steigt in den Hügeln oberhalb von Rachiw das „Zentrum Europas“-Musikfestival, organisiert von einer christlich-demokratischen Kleinpartei. Die ganze Stadt ist gekommen, um die Bands aus Kiew zu sehen. „Sei Ukrainer, werde Europäer“ lautet das Motto. Discopop schallt durch die Nacht, später brechen sich Klangwellen von sphärischem Postrock an den im Dunkeln verschwundenen Hängen, die Jungen tanzen, als gäbe es kein Morgen.

Die Sonne sprüht goldene Sterne. Europa ist an diesem Abend ein Wort voller Verheißungen, es erhält den meisten Applaus. Auf der Großbildleinwand hinter den Musikern sprüht eine videoanimierte europäische Sonne goldene Funken. Sie strahlt so hell, dass sie einen blendet und man nicht sieht, was sich dahinter verbirgt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2011)

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