Ostflandern: Schuhpfand für ein Starkbier

Mehr als 500 Biere werden in Belgien gebraut, auch der fleißigste Brauereibesucher verkostet auf seiner Reise nur einen Bruchteil. Dafür Starkes, Originelles.

(c) Friedrich Bergmann

Alles beginnt mit einem Puzzle. Nein, nicht mit einer Großpackung hunderter Teile. Das Puzzle, um das es bei dieser Bierprobe in der kleinen Brauerei „Gruut“ im ostflandrischen Gent geht, besteht nur aus zwei Teilen, aus den beiden Hälften eines Bierdeckels. Die sind schnell zusammengefügt, ergeben aber ein unverständliches Bild. „Moderne Kunst“, denken wir uns und schauen der Kellnerin entgegen, die ein bernsteinfarben leuchtendes Bier bringt.

Siehe da, kaum steht das Glas, genau ausgerichtet nach einem bestimmten Markierungspunkt, auf dem Puzzle, ist aus dem rätselhaften Bild plötzlich eine höchst erotische Darstellung geworden, die mit einer ähnlichen Abbildung auf dem Bierglas korrespondiert. Anamorphose nennt man eine so verzerrt geschaffene Darstellung, die nur durch einen Spiegel oder einen Zylinder erkennbar oder verständlich gemacht werden kann.

 

Renaissance-Effekt

Die Idee, solche Anamorphose-Bierdeckel für die erst vor einem Jahr neu eröffnete „Gruut“-Brauerei in Gent zu schaffen, ist ein kulturgeschichtlicher Bezug zur Renaissance. Damals entstand der Brauch, Abbildungen, die nicht öffentlich gezeigt werden durften, weil sie entweder zu eindeutig erotisch waren oder als Symbole der Hexerei gedeutet werden konnten, so zu verschlüsseln, dass sie nur mit optischen Hilfsmitteln sichtbar gemacht werden konnten.

Etwas Besonderes sind auch die Biere, die hier von der 41-jährigen Annick de Splenter, Ostflanderns einziger akademisch ausgebildeter Braumeisterin, gebraut werden, weil die Braurezeptur aus dem Mittelalter stammt. Dabei ist der Name der Brauerei Programm. „Gruut“ heißt nämlich „Kräuter“, und auf die mittelalterliche Praxis, dem Bier statt des heute üblichen Hopfens Kräuter beizusetzen, hat die charmante Braumeisterin hier zurückgegriffen. Welche genau sie ihren Bieren beifügt, verrät sie natürlich nicht.

Annick de Splenter kann sich nicht beklagen. In ihrem Brauereiausschank rund um die Sudkessel drängen sich immer die Gäste, die vor allem das herrlich leuchtende und schmackhafte Amberbier lieben. Auch wir tun uns schwer die kleine Brauerei in der Genter Altstadt zu verlassen, doch eine Bierreise zu unternehmen, bedeutet Wilm, dem Guide, zu folgen, der die durstige Truppe zu später Stunde in die „Dulle Griet“ führt.

 

Eieruhr-Optik

Just am Vrijdagsmarkt im Herzen von Gent, dort wo die revolutionsfreudigen Genter sich immer wieder gegen die Obrigkeit erhoben haben, liegt jenes bei Gentbesuchern schon fast legendäre Bierlokal, in dem alle Besucher einen Schuh ausziehen müssen. Nicht grundsätzlich, aber immer dann, wenn man ein „Kwak“, Ostflanderns berühmtes Kutscherbier, bestellt. Das fast wie eine Eieruhr geformte Glas, in dem das „Kwak“ serviert wird, steht in einem Holzgestell, das die Kutscher früher an der Einstiegsleiter an ihrer Kutsche festhaken konnten. Da diese kleinen Holzgestelle mit den typischen, stiellosen Gläsern oft von den Gästen als Souvenirs betrachtet werden, die man mitnehmen kann, muss jeder, der ein „Kwak“ bestellt, einen Schuh als Pfand hinterlegen. Er kommt in einen Korb, der an die Decke hochgezogen und nur herabgelassen wird, wenn ein „Kwak“-Glas nebst Holzgestell zurückgegeben wird.

 

Biertrink-Trick

Einen Alkoholgehalt von achteinhalb Prozent hat das Kwak. Das ist für unsere Breiten viel, in Belgien, wo es Biere mit einem Alkoholgehalt von bis zu 13 Prozent gibt, jedoch nichts Besonderes. Der hohe Alkoholgehalt vieler belgischer Biere ist die Folge des sogenannten Vandervelde-Gesetzes, das 1919 den Verkauf oder Ausschank von Spirituosen in Bars verbot. Die Folge war die Herstellung stark alkoholhaltiger Biere. 1983 wurde das Gesetz aufgehoben, der hohe Alkoholgehalt blieb belgischen Bieren indes erhalten.

„Kwak“ zu trinken ist übrigens eine Kunst, die man erst erlernen muss. Es heißt aufzupassen, warnt Wilm, der bierkundige Begleiter. In dem eieruhrartigen Glas kann ein Luftsog entstehen, der im Extremfall das Bier mit einem Strahl ins Gesicht spült. Anfänger messen der Warnung kein besonderes Gewicht bei – dann tropft das Bier übers Gesicht, schäumt um den Hemdkragen, sickert in den Pulli. Die Erheiterung der erfahreneren Gäste ist einem gewiss.

Belgien gilt weltweit als das Land mit der größten Sortenvielfalt bei Bieren, meist geht ihr Ursprung auf die mittelalterlichen Klöster zurück. Früh war das Bier Sujet in der bildenden Kunst, in den bäuerlichen Szenen des flämischen Barockmalers Adriaen Brouwer etwa: Bauern und Gastwirte, Zecher, Raucher, Schläger, Kartenspieler, Feste, Wirtshäuser, Landleben. Zu Brouwers Geburtsort – Oudenaarde – führt eine Radtour, am Rande der lieblichen Hügellandschaft der flandrischen Ardennen entlang. Es ist ein bisschen wie damals. Kein Wunder also, dass die Brauerei Roman in Oudenaarde dem Maler ein eigenes Bier gewidmet hat, ein dunkles, süffiges, alkoholreiches Bier, das Adriaen Brouwer Bier, das sogenannte „Adriaentje“.

Tourismuswerbung Flandern Brüssel: T: 01/596 06 60, www.flandern.at

Gent: seit Jahrhunderten Zentrum der Bierkultur, www.visitgent.be

Stadtbrauerei „Gruut“/Gent: www.gruut.be

Gasthaus Dulle Griet/Gent: www.dullegriet.be

Brouwerij Roman/Oudenaarde: www.roman.be

[Stadt Gent/Tourismus Flandern Brüssel]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2011)

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