Amazonas: Sei kein Frosch

Ist Reisen noch so wie in den 1980er-Jahren, als wir die Welt mit dem Rucksack entdeckt haben? Eine Backpackerin hat es nach 25 Jahren wieder getan: am Amazonas.

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(c) Andrea Lehky

Mitte der 1980er-Jahre hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Ich saß mit einem Grüppchen zufällig zusammengewürfelter Gleichaltriger aus aller Herren Länder in einer Jugendherberge irgendwo in Europa. Wir hatten eine gemeinsame Sprache – Englisch. Wir hörten dieselben Lieder – Madonna, Nena, Michael Jackson. Und wir hatten dasselbe große Thema – nichts weniger als den Sinn des Lebens. Ich staunte: Mir schien, die Welt war nicht größer als ein Apfel – und ich konnte sie mühelos in meine Tasche stecken. Fünfundzwanzig Jahre später muss es – für ein vergleichbares Staunen – schon Amazonien sein. Genauer der Rio Juma, drei Auto- und Bootsstunden von Manaus entfernt, südlich der Stelle, wo sich Amazonas und Rio Negro zum gewaltigen Strom vereinen.

Wohnen in Floßhäusern. Wüssten wir nicht, dass wir auf einem Fluss sind, wir würden glauben, es sei das Meer. Bootshohe Wellen, starke Gezeiten, kein Ufer in Sicht. Eine ganze Stunde dauert die Überquerung des Amazonas. Zuerst ist der Fluss schlammbraun, dann rabenschwarz. Kilometerlang mäandern die beiden Farben nebeneinander her, bis sie sich endlich vermischen. Nach der Landung folgt eine holprige Stunde im Pickup und dann eine weitere im Speedboot über den Rio Juma. Der ist blau, tiefblau. Nach den gewaltigen Wassermassen des Amazonas wirkt der Juma nachgerade schmal. Dabei ist er immer noch breiter als die Donau, ein Durchschwimmen eben noch denkbar. Aber wer würde das schon, im Wissen um Kaimane, Piranhas und meterlange Flussfische, die sich in Ufernähe und in den Untiefen tummeln?
Riesige Landflächen stehen immer noch unter Wasser. Die jährliche regelmäßige Überflutung beginnt eben erst abzuklingen. Zur Höchstzeit reicht das Wasser drei Meter höher, das lassen die Markierungen an den Baumstämmen erkennen. Nach unten zu den Wurzeln sind es immer noch sieben Meter. Ein Fortkommen ist nur in Booten möglich. Es gibt sie vom Einbaum – dem bevorzugten Transportmittel der Schulkinder – bis zum Fünf-Kabinen-Fitzcarraldo-Kahn. Die Einheimischen leben von Fischen, Hühnern und selbst gezogenem Gemüse. Sie wohnen in schwimmenden Floßaufbauten oder Stelzenhütten in sicherer Entfernung vom Wasser. In den Dschungel zieht niemand, das Leben spielt sich am Fluss ab. Die wenigen Touristen – zivilisationsmüde Freigeister ohne Komfortanspruch – finden in einfachen Lodges am Ufer Unterkunft. Von dort aus begeben sie sich auf Paddeltouren, gleiten andächtig durch überflutete Wälder oder üben sich im Speer- und Piranhafischen. Egal, wie pazifistisch sie sich vorher geben – wenigstens einen Piranha will jeder fangen. 
Kleiner nächtlicher Gast im Dschungel-Camp.
Kleiner nächtlicher Gast im Dschungel-Camp.
(c) (c) Andrea Lehky

Für das richtige Abenteuer jedoch wagt man sich in die „grüne Hölle“ eines Fitzcarraldo, den endlos dichten Dschungel, aber geführt und beschützt von umsichtigen Guides, die jedes verdächtige Blatt umdrehen, bevor sie drauftreten. Es könnte ja irgendein stechendes, beißendes oder giftiges Tier darunter lauern.
„Was macht ihr, wenn euer Flugzeug im Dschungel abstürzt?“, fragt Matthias, unser indiostämmiger Führer, in die Runde. Matthias ist eine lokale Berühmtheit, gebucht von National Geographic bis al-Jazeera. Ratlos stehen wir um ihn herum: Henrik aus Stockholm, Eduardo und Xavier aus Barcelona, Hilda aus Holland mit ihrer Patchworkfamilie, Anneliese und Wolfgang aus der Obersteiermark . . . und ich. Zufällig zusammengewürfelt zu einer zweitägigen Regenwaldwanderung. „Wir machen Feuer?“, tönt es zaghaft aus der Runde. Wie das geht, weiß niemand so recht – außer natürlich Matthias. Der marschiert zielstrebig auf eine Palme zu, zückt seine obligatorische Machete – kein Local betritt den Dschungel ohne das lange Messer – und schabt feine Holzspiralen vom Stamm. Sie sind erstaunlich trocken,  trotz der schweiß- und moskitotreibenden Luftfeuchtigkeit.

Zur Jause Engerlinge. Die Spiralen als Zund, dazu Holzstücke, Laub und ein paar herumliegende Babacu-Nüsse direkt unter einen Baum geschichtet und angezündet – im Wrack des Flugzeugs würden wir doch wohl ein Feuerzeug finden! Doch halt, bevor er die Nüsse ins Feuer wirft, schlägt sie Matthias mit der Machete auf. Es könnten ja Larven drinnen sein, von deren Proteinen wir locker ein paar Tage zehren können. Die Herren beißen mutig in die fetten weißen Engerlinge und schwören, dass sie wie Kokosmilch schmecken. Den Damen bietet Matthias den Bau einer Gürteltierfalle als kulinarische Alternative an. Ein paar Meter weiter hat er eine Fährte entdeckt. Wir Gringos müssen dreimal hinschauen: Es sieht aus, als wäre eine Bowlingkugel über den blätterbedeckten Waldboden gerollt. Die Nüsse qualmen im Feuer, der Rauch zieht senkrecht am Stamm hoch und ist weithin sichtbar.

Stürzen heißt sterben. Henrik, unser Schwede, will sich auf einen morschen Stamm setzen, doch der zerbröselt unter seinem Gewicht zu perfektem Humus. Guide Matthias zieht ihn rasch wieder hoch: Wer weiß, wer aller von diesem Holz gelebt hat. Der Dschungel selbst nährt sich fast ausschließlich vom Kompost seiner eigenen Biomasse. Die fruchtbare Schicht reicht nicht tief, wie die überraschend kleinen, flachen Wurzelballen gefallener Riesen erkennen lassen. Palmen hinterlassen gerade mal ein lächerliches Loch in Kübelgröße, riesige Laubbäume nur das Volumen eines Mittelklasseautos. Verliert ein Baum im Hochwasser oder wegen umstürzender Nachbarn seinen Halt, hebelt er mit seinem Gewicht den eigenen Wurzelballen aus der Verankerung – und stirbt. 
Wird ein Waldgebiet von Menschenhand abgeholzt, verödet es rasch. Das nächste Hochwasser schwemmt den Humus fort, zurück bleibt bestenfalls
Survival-Touren und Aufenthalte am Rio Juma lassen sich von Manaus aus organisieren.
Survival-Touren und Aufenthalte am Rio Juma lassen sich von Manaus aus organisieren.
(c) Christine Pichler
grasbewachsener, hellbraun-rötlicher Lehm. Selbst dort, wo die Erde nicht weggeschwemmt wird und sekundärer Wald nachwachsen kann, wird nie wieder die ursprüngliche Artenvielfalt des Dschungels erreicht. Was einmal gerodet ist, wird wertlos. Doch hier, am Rio Juma, sind Wälder und Wasser noch unberührt. Wir wandern durch dichtes und überwältigend intensives Grün. Kapuzineräffchen turnen über uns in den Kronen, blitzblaue Morpho-Schmetterlinge taumeln lautlos vorbei, ein kunterbunter Kolibri versenkt seinen Schnabel in einer der wenigen Blüten– der Dschungel blüht kaum. Unentwegt sirren Moskitos um uns herum – wie schützen sich die Einheimischen vor den Stichen? Ganz einfach: Sie reiben sich mit Ameisensäure ein, die aus den meterlangen, an die Baumstämme geklebten Termitenstöcken austritt. Behutsam kratzt Matthias mit seiner Machete an der Oberfläche eines Termitennests und legt dann die flache Hand auf die Stelle. Die Tiere beißen nicht, behauptet er felsenfest. Wir Gringos lassen es lieber nicht darauf ankommen und vertrauen dem Moskitoschutz aus dem Expeditionsshop.

Rosenholz für Chanel No. 5. Was wissen wir Europäer schon über die Heilmittelpotenziale des Dschungels? Wie alle Einheimischen trinkt Matthias den Tee aus der Rinde des Chininbaums, um sich gegen Malaria zu schützen. Bei Kopfschmerz inhaliert er aufgekochte Stücke des Branco-Tree.
Der Pau-Rosa-Baum verströmt einen wohligen Duft – das weiß auch Chanel. Das Rosenholz für Nummer 5 wird heute auf Plantagen gezüchtet. Unter einem Blatt entdeckt Matthias einen Pfeilgiftfrosch. Die Amphibie wirkt harmlos bis herzig, doch die Indios reiben Palmenstacheln am giftigen Sekret auf seinem Rücken, stecken sie in ihre Blasrohre und schießen so die Brüllaffen von dem Bäumen – „schmecken gegrillt wirklich köstlich“, sagt Matthias.
Mit naiven Zeichnungen auf Holzstückchen tragen die Dschungelkids zum Familien-einkommen bei. Jeder Real  zählt
Mit naiven Zeichnungen auf Holzstückchen tragen die Dschungelkids zum Familien-einkommen bei. Jeder Real  zählt
(c) Christine Pichler
Keine schlechte Idee, sagen manche, als uns später die dröhnenden Affenschreie den Schlaf rauben. Wir haben unser Lager an gut überschaubarer Stelle nahe dem Wasser gebaut, die Hängematten befestigt und das Laub darunter weggekehrt – die kleine Tarantel was not amused. Ein Feuer können wir schon machen, das Trinkwasser kommt aus Wasserlianen, die allerdings leicht mit giftigen Artgenossen zu verwechseln sind.
Wir essen, lachen und schwatzen die halbe Nacht über alles, was uns wichtig ist. Wir haben eine gemeinsame Sprache – immer noch Englisch, eine gemeinsame Musik – das Konzert von einer Million Zikaden – und jede Menge gemeinsamer Themen: Karriere, Kinder, Küche.
Irgendwann klettert einer nach dem anderen in seine Hängematte. Durch mein Moskitonetz schaue ich noch eine Weile in die Baumkronen hinauf. Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen seit jener Nacht in der Jugendherberge irgendwo in Europa. Es ist alles wie früher. 

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