Rumänien: Ein Blutgericht, Märtyrer, Dichter und Tänzerinnen

Nur ein paar Stunden mit dem Zug ostwärts nach Arad – und schon tobt sich urbanes Nachtleben in altösterreichischen Kulissen aus.

(c) Wiki/ Sven-Teschke (frei)

Arad. Aus Langeweile hat man schon so manches getan. Zum Beispiel ein unbekanntes Reiseziel für eine Nacht erwählt. Arad ist für eine Stippvisite wie geschaffen: Auf dem Weg in den Osten stets links liegen gelassen, führt an der Stadt an der Mureş am westlichen Rand von Rumänien nach einem Blick auf den Zugfahrplan eigentlich kein Weg vorbei. Einpacken also, zum Bahnhof fahren, die pannonische Tiefebene durchrattern – und schon ist man da.

Bereits am Bahnhof fühlt man sich als Österreicher wie zu Hause – allerdings zurückversetzt in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Der stattliche Bau stammt aus der Gründerzeit, aus dem Jahr 1898. Mit der Tramway, deren Flotte, Werbeaufschriften verraten es, aus ausrangierten Garnituren der Innsbrucker Verkehrsbetriebe besteht, geht es ins Zentrum – über den breiten Bulevardul Revoluţiei, der von Gebäuden aus verschiedenen habsburgischen Stilepochen von Barock über Klassizismus bis Jugendstil gesäumt und in der Mitte mit einer Baumallee begrünt ist. Hier haben alle wichtigen politischen Parteien ihre Büros. Arad ist mit knapp 170.000 Einwohnern die Hauptstadt des – dank zahlreicher ausländischer Investitionen – wirtschaftlich prosperierenden gleichnamigen Landkreises.

 

Liszt, Brahms und Strauß

Vorbei an Geschäftslokalen, Banken, Restaurants und dem Rathaus – einem Bau im Neorenaissancestil mit Giraffenhalsturm – gelangt man am Ende des Boulevards zur römisch-katholischen Kirche. Und zum Hotel Ardealul. Die Herberge hieß früher „Zum Weißen Kreuz“, in ihrem Konzertsaal traten Franz Liszt, Johannes Brahms und Johann Strauß Sohn auf. Wer eine Nacht in Arad verbringen will, sollte dem Beispiel prominenter Gäste wie Kaiser Franz Joseph folgen und hier absteigen.

Nur einen Steinwurf weiter schließt das nach dem nationalistischen Schriftsteller und Journalisten Ioan Slavici benannte, neoklassizistische Staatstheater den Boulevard ab. An der Rückseite des imposanten Theatergebäudes öffnet sich ein großer Platz. Er trägt den Namen Avram Iancus, eines Anführers der rumänischen Front gegen die antihabsburgische magyarische Revolution von 1848/49, in der Arad zeitweilig zum Hauptquartier der Aufständischen um Lajos Kossuth geworden ist.

 

Festung gegen die Osmanen

Um das Denkmal des unbekannten Soldaten in der Mitte des Platzes, das an die Helden des Befreiungskampfes Siebenbürgens gegen die deutsch-ungarischen Truppen während des Zweiten Weltkriegs erinnert, gruppieren sich zweistöckige Barockhäuser und Gründerzeithäuser, die genauso gut im Wein- und Waldviertel stehen könnten.

Die verblassenden Fassaden in den Seitengassen, von denen da und dort der Putz abbröckelt, versprühen in der warmen Nachmittagssonne einen maroden Charme. Und doch erinnert auch hier noch vieles an die Blütezeit der Stadt, die sie ihrer günstigen Verkehrslage auf der Handelsroute zwischen Wien, Budapest und Siebenbürgen sowie vor allem auch der strategischen Bedeutung als Grenzfestung zum Osmanischen Reich verdankte.

Nach dem Ende der Türkenherrschaft nach der Schlacht bei Mohaćs 1687 ist Arad zur befestigten Garnisonsstadt ausgebaut worden. Davon zeugt heute noch die Arader Festung, die auf Geheiß Kaiserin Maria Theresias vom Architekten und Generalfeldzeugmeister Ferdinand Philipp von Harsch im Vauban-Tenaille-Stil zwischen 1763 und 1783 innerhalb der Mäanderschleife der Mureş in Form eines sechseckigen Sterns mit 296 Schießscharten angelegt wurde.

Die leider nur selten öffentlich zugängliche Anlage im militärischen Sperrgebiet diente auch als Gefängnis – etwa nach der Niederschlagung der Revolution von 1848/49. Mehr als 500 Offiziere der königlich-ungarischen Armee saßen damals hier ein, darunter auch jene 13 Generäle, die am 6.Oktober 1849 unter den Mauern des Außenforts beim berühmt-berüchtigten „Blutgericht von Arad“ exekutiert wurden und die bis heute in Ungarn als Märtyrer verehrt werden. Der berühmteste Häftling soll jedoch Gavrilo Princip, der Attentäter von Sarajevo, gewesen sein. Scharfe Kontraste zum beschaulichen Altstadtambiente liefert das Nachtleben, das gleich neben der Festungsanlage am „Arad Neptun Strand“ tobt, einem der größten Freizeit- und Vergnügungsparks Osteuropas mit Schwimmbädern, Restaurants und Diskotheken am Ufer der Mureş. Tausende Nachtschwärmer flanieren von einem Club zum nächsten. Ist die Hürde der hünenhaften Türsteher erst einmal überwunden, betritt man eine moderne Glitzerwelt, in der sich die Reichen und Schönen tummeln.

 

Bayern pachten Felder

DJs heizen minimal bekleideten Girls auf der Tanzfläche heftig ein, stark geschminkt und aufgetakelt vollführen die Tänzerinnen auf gefährlich hohen High Heels im Licht der Disco-Scheinwerfer veritable Kunststücke. Den männlichen Gästen bleibt der Mund offen – vor allem, um Hochprozentiges aufzunehmen. Die Röcke knapp und kurz, die Jeans eng, die Herzen offen – die Nachtschattengewächse Arads haben hier ihre Bühne.

Rolf und Hans lehnen gelangweilt an der Bar. Sie zählen nicht zu den großen Investoren, die ihr Geld in Westrumänien anlegen, sind aber „geschäftlich“, wie sie sagen, in der Stadt. Die beiden Bayern haben „nur“ riesige landwirtschaftliche Flächen gepachtet und bauen Mais an.

 

Jacob Hirschls Altes Theater

„Was du heute mit den Leuten ausmachst, zählt morgen nichts mehr“, jammern die Stammgäste im Club über die „Unzuverlässigkeit“ der Erntehelfer und ertränken ihren Frust. Betäubt und geblendet vom Stroboskop fällt man schließlich ins Bett. Doch die Sonne am nächsten Morgen weckt die Lust auf weitere Erkundungen, eine Straßenbahnfahrt in die Vorstadt rüttelt die letzte Müdigkeit aus den Gliedern.

Das klassizistische „Alte Theater“ in einer Seitengasse der Piaţa Avram Iancu ist längst geschlossen. Es war vom Wiener Geschäftsmann Jacob Hirschl erbaut und 1817 eröffnet worden und wurde 1907 unter dem Namen „Urania“ zum ersten Kino Rumäniens umfunktioniert. Das Kinotheater ist baufällig und hinter Plastikplanen verborgen. Auf der ältesten Bühne Arads, auf der auch Opern geboten wurden, gelangten Stücke in rumänischer, deutscher und ungarischer Sprache zur Aufführung. Mihai Eminescu, der wohl größte rumänische Dichter des 19. Jahrhunderts, gab dem Haus in seinen Anfängen als Souffleur einer rumänischen Wandertheatertruppe die Ehre. Einen Blick lohnt auch die 1834 in einer Seitengasse eröffnete Synagoge mit ihrer schlichten Fassade und einem von den Symbolen des jüdischen Glaubens gezierten mächtigen Tor. Über eine im Entstehen begriffene Fußgängerzone gelangt man schließlich zur Piaţa Catedralei mit ihrem Obst- und Gemüsemarkt. Hier findet sich der vitaminreiche Proviant für die Rückreise – auf der man vielleicht schon über das nächste Ziel einer Spontanreise sinniert. Und wenn es wieder nur für eine Nacht ist, immerhin gibt es im Dunklen eine Menge zu sehen.

Feste unter der Festung

Anreise: per Zug von Wien Meidling mit Umsteigen in Budapest-Keleti in mehr als sieben Stunden. Mit dem Auto: 510 Kilometer, etwa sechs Stunden.

Unterkünfte: zahlreiche Hotels aller Kategorien in zentraler Lage. Im 1-Stern-Hotel „Ardealul“ am Bulevard Revoluţiei zahlt man für ein DZ/Frühstück rund 30€, im Zwei-Sterne-Hotel „Hotel Arad“ rund 35€ für DZ/F, im Vier-Sterne-Hotel „Continental Forum Arad“ kostet die Nacht im DZ/F ca. 80€.

Essen und Trinken: Viele Restaurants, Bars, Clubs und Cafés findet man in der Nähe des Staatstheaters (z. B. „Trésor Café“ und „Smart Café“) und am Bulevard Revoluţiei (z. B. Nr. 85, „Cristal Café“). Rumänische Küche gibts in der „Casa Bulzan“ (Str. Mucius Scaevola Nr. 2-6). Im „Restaurant Csardas“(Str. Banu Maracine Bl. 1) isst man ungarisch. In der warmen Jahreszeit lassen am „Arad Neptun Strand“ Restaurants, am Ufer der Mureş Bars und Discos die Herzen von Nachteulen höher schlagen.

Infos: Rumänisches Fremdenverkehrsamt, Opernring 1/Stiege R , Top 401-404, 01/317 31 57, www.rumaenien-info.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2012)

Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Rumänien: Ein Blutgericht, Märtyrer, Dichter und Tänzerinnen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.