Frankreich: Käse, Kirchen und kein Stress

Saftige Weiden, murmelnde Bäche, alte Gehöfte aus Steinen und Fachwerk – und Käse, Käse, Käse: Eine Tour ins Pay de Bray in der Normandie ist eine Zeitreise in Leben und Landwirtschaft vergangener Jahrhunderte.

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Sein Herz ist aus Käse. Das mag für einen französischen Landstrich nicht ungewöhnlich sein, und doch spielt Käse im Pays de Bray eine vielleicht noch etwas wichtigere Rolle als in anderen Gegenden Frankreichs. Lange Zeit war das Land auf halbem Weg zwischen Paris und der Küste der Normandie nämlich die Käsekammer der Hauptstadt. „Bray“ kommt vom gallischen Wort für „feuchte Erde“, und die Milch der Rinder, die auf den saftigen Wiesen weiden, wird seit eh und je zu Rahm, Butter und Käse verarbeitet und nach Paris geliefert. Um 1850 erfand hier ein Schweizer den „Petit Suisse“, einen mit Rahm verfeinerten Frischkäse, den französische Kinder, mit Kristallzucker bestreut, seither als Dessert heiß lieben.

Danone produziert die cremige Spezialität noch heute im Pays de Bray, wo Käse nicht nur Arbeit bedeutet, sondern auch Identität: Die Herzform des Neufchâtel, der die begehrte Appellation d'origine contrôlée (AOC) trägt, schmückt seit einigen Jahren die brayonischen Ortstafeln. Mit einer urkundlichen Erwähnung aus dem Jahr 1050 ist der Neufchâtel der älteste Käse der Normandie, heute sorgt er – AOC sei Dank – für die Erhaltung der normannischen Rinderrasse, da nur deren Milch für seine Erzeugung verwendet werden darf.

 

Wo einem das Herz aufgeht

Das Käseherz erschließt sich allerdings nur dem, der auch ein wenig Zeit in die Beziehung investiert und gewisse Grundkenntnisse mitbringt: Zu jung genossen ist der Neufchâtel etwas spröde und bröckelig, zu alt ist sein scharfes Aroma nicht jedermanns Sache. Mittendrin ist er ein Gedicht. Die kitschig anmutende Herzform verweist auf die wechselvolle Geschichte des Landes, das immer schon nicht nur Weideland, sondern auch Schlachtfeld war.

Im neunten Jahrhundert siedelten sich nach ihren Plünderungszügen die Normannen an, im hundertjährigen Krieg war das Gebiet zwischen Franzosen und Engländern heftig umkämpft. Die jungen Mädchen des Landes sollen ihre Vorliebe für die englischen Soldaten durch herzförmige Käselaibe zum Ausdruck gebracht haben. Und wenn es nicht stimmt, dann ist es gut erfunden. Verwüstet wurde das Land zuletzt im Zweiten Weltkrieg, seine größeren Städte, wie Neufchâtel oder Gournay, 1940 von deutschen Bomben zerstört. Die unversehrt gebliebenen kleineren Ortschaften mit ihren Fachwerk- und Backsteinhäusern entdeckt man am besten „au pif“, der Nase nach. Hat man das Glück, an einem Montag in der Gegend zu sein, ist ein morgendlicher Besuch auf dem Wochenmarkt von Buchy der ideale Start zu einer gelungenen Landpartie: In den mittelalterlichen Markthallen auf dem Hauptplatz bekommt man neben lebenden Hühnern, Enten und Kaninchen auch alle Zutaten für ein Picknick im Grünen. Natürlich auch Cidre vom Bauernhof, ohne den die Normandie nicht die Normandie wäre, und die ganze Palette normannischer Käse, vom Camembert über Livarot und Pont l'Eveque bis zum Lokalmatador Neufchâtel, in allen erdenklichen Größen und Reifegraden.

Autofahren ist hier noch eine wahre Freude – von Buchy nach Osten, über kleine Landstraßen in die Dörfer Rouvray oder la Ferté-St. Samson und dann weiter nach Argeuil. Immer wieder Stopps einlegen, alte Gehöfte aus Backstein und Fachwerk sowie die eine oder andere der mit schwarzen Schieferplatten gedeckten Kirchen anschauen. Aus dem Jahr 1634 stammt ein gut erhaltener Fachwerkhof mit einem mächtigen gemauerten Taubenhaus bei Le Mesnil-Lieubray, imposant ist das Gut Le Randillon bei Rouvray-Catillon, romantisch das eine oder andere alte Schloss aus Backstein auf dem Weg. Bei Somméry bei der Thermenstadt Forges-les-Eaux liegt die Ferme de Bray, ein restaurierter Bauernhof, dessen älteste Teile aus dem 16. Jahrhundert stammen. Heute ist das Anwesen ein liebevoll gepflegtes Freilichtmuseum mit Taubenhaus, Hühnerhof, Mostpresse, eigener Mühle – und einem schönen alten Wohnhaus aus Backstein mit fünf Gästezimmern. Die Zeitreise in Leben und Landwirtschaft vergangener Jahrhunderte lässt sich mit langen Spaziergängen durch eine Landschaft kombinieren, die aus einem alten Kinderbuch stammen könnte: Wiesen, durch die sich von Kopfweiden gesäumte Bäche schlängeln, Felder und Weiden, so weit das Auge reicht, in der Ferne Kirchtürme, da und dort ein Bauernhaus. In den letzten Jahren etablierte sich ein sanfter Tourismus im alten Bauernland, das Tourismusbüro von Forges-les-Eaux liefert gern Broschüren mit Rad- und Wanderrouten. Wie kaum eine andere Region eignet sich das Pays de Bray zum ziellosen Flanieren und Ausspannen von den Pflichtprogrammen in der Hauptstadt und an der Küste: Es gibt kaum touristische Musts, die man unbedingt abklappern muss, dafür zahlreiche reizvolle Ausflugsziele, die sich gleichmäßig über das hügelige Land verteilen. Dieses endet übrigens nicht an der Grenze der Normandie, zum historischen Pays de Bray zählt auch ein Stück der benachbarten Picardie. Und nicht das hässlichste: Saint-Germer-de-Fly mit seiner frühgotischen Abteikirche und der hochgotischen Sainte Chapelle oder das malerische Dorf Gerberoy auf einem aussichtsreichen Hügel lohnen Abstecher; beide Orte verfügen übrigens auch über die entsprechende Infrastruktur, sollte sich kein gefüllter Picknickkorb an Bord befinden. Wie im normannischen Teil des Landes gilt es auch hier, die Route Nationale zu meiden und sich den kleineren Straßen anzuvertrauen. Die führen nämlich zu schönen alten Dörfern wie Hannaches, Senantes oder Goulancourt. Wer in nur eine der vielen alten schwarzen Kirchen einen Blick riskieren möchte, dem sei die von Hodenc-en-Bray ans Herz gelegt, wo ein hölzernes Gewölbe der behäbigen Steinkirche mitten im Hügelmeer den dazupassenden maritimen Charakter verleiht. Kurz vor Beauvais mit seinem weithin sichtbaren Kathedralen-Torso, der einmal zur größten Kirche der Welt hätte werden sollen, endet das Pays de Bray. Egal, ob es nun weiter nach Paris geht oder zurück an die Küste: hierher kommt man sicher wieder zurück. Und sei es nur, um ordentlich Käse einzukaufen.

Bauernland, Käseland Pays de Bray

La ferme de Bray
M. et Mme Perrier, 76440 Somery. Tel.: 0033/2/359 057 27
DZ 44 Euro inklusive Frühstück
http://ferme.de.bray.free.fr

Le Vieux Logis
25, rue du Logis du Roy, 60380 Gerberoy. Tel.: 0033/3/448 271 66. Menüs ab 21 Euro
www.vieuxlogisgerberoy.com.

Tourismusinformation
Forges-les-Eaux: Rue Albet-Bochet. Tel.: 0033/2/ 359 052 10

Atout France
Französisches Fremdenverkehrsamt in Wien, telefonische Auskünfte 9 bis 15 Uhr unter 01/503 28 92, Fax: 01/503 28 72
info.at@franceguide.com
www.franceguide.com [Stan Rohrer/Istockphoto]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2012)

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