Rollkoffersymphonie

55 - Die scheppernde Symphonie der Rollkoffer haben wir zwei Amerikanern zu verdanken.

Danke, B. D. Sadow, für deine Erfindung namens Rollkoffer. Wer sich öfter auf Flughäfen herumtreiben muss, ist froh, nicht schleppen zu müssen.
Danke, B. D. Sadow, für deine Erfindung namens Rollkoffer. Wer sich öfter auf Flughäfen herumtreiben muss, ist froh, nicht schleppen zu müssen.
Danke, B. D. Sadow, für deine Erfindung namens Rollkoffer. Wer sich öfter auf Flughäfen herumtreiben muss, ist froh, nicht schleppen zu müssen. – (c) imago/localpic (Rainer_Droese)

Ich bin nicht geräuschempfindlich. Ich wohne am Gürtel in Wien. Mich stören nur zwei Arten von Lärm: erstens jener des Ohrwurms – ein Phil Collins am Montagmorgen kann mir die Woche zerstören – und zweitens jener von Trolleys auf dem Asphalt.

Ich selbst verweigerte Rollkoffer lang. Zunächst war das leicht. In den Achtzigerjahren reiste ich mit Seesack, um mich von Rucksackträgern zu unterscheiden – auf Kosten meiner Bandscheiben, aber Hauptsache, ich fand mich nicht bescheuert –, und noch in den Neunzigerjahren dominierten Tragekoffer. Dabei hatte Bernard D. Sadow aus Massachusetts bereits 1970 um ein Patent für „the suitcase that glides“ angesucht, nachdem er die geniale Idee bei der Rückkehr von einem Familienurlaub in Aruba hatte: Gepäck mit Rädern. Zunächst hieß es, dass Männer diese entwürdigende Neuerfindung nie akzeptieren könnten. Ab 1987 reduzierte der Northwest-Airlines-Pilot Robert Plath das System von vier auf zwei Räder („rollaboard“). Zuerst baute er einen Koffer für sich selbst, bald wollten seine Kolleginnen das coole Modell. Er verkaufte im Bekanntenkreis. 1991 gab er das Fliegen auf und widmete sich seiner Kofferfirma Travelpro.

Die Billigflug-Ära begann, Männer verloren an Koffereitelkeit, Trolleys mit Zugbügel und Rollen ließen einen die Endloswege der Flughäfen einfach am bequemsten überwinden. Bald mischte China in der Gepäckindustrie mit, und heute existieren mehr Rollkoffer als Chinesen. Das Erfolgsprodukt lässt sich leicht herstellen. Der Preisverfall kochte sogar mich weich. Seit den Nullerjahren rolle ich zähneknirschend einen Trolley hinter mir her. Das Knirschen meiner Zähne wird allerdings übertönt.

Denn Rollkoffer sondern nun einmal ein markerschütterndes, vor allem aber auch ein hypermodernes Geräusch ab. Flughäfenböden schlucken es halbwegs, doch Straßen und Gehsteige sind nicht dafür konstruiert. Einige Jahre lebte ich in einer Wohnung in Berlin-Mitte. Die scheppernde Rollkoffersymphonie der Airbnb- und Hotelgäste begleitete mich von morgens bis nachts. Manchmal, wenn mein Inneres sehr atonal wurde, wünschte ich mir sogar Phil Collins.

www.amanshauser.at

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