Amanshausers Album: Farbgebung

56 - Als Erster hatte ich selbst die Idee für bunte Koffer. Nur: Niemand überweist mir Tantiemen.

Gängig. Immer buntere Koffer verreisen.
Gängig. Immer buntere Koffer verreisen.
Gängig. Immer buntere Koffer verreisen. – (c) imago/Waldmüller

Vergangene Woche habe ich an dieser Stelle ausgeführt, dass wir die scheppernde Symphonie der Rollkoffer zwei Amerikanern zu verdanken haben, die das Rad neu erfanden. Einerseits machten sie das Leben von Millionen Kofferbesitzern angenehmer, andererseits treiben sie Tausende urbane, geräuschempfindliche Menschen in den Wahnsinn. Damit sich der Trolley weltweit durchsetzen konnte, mussten jedoch zunächst der Beruf des Kofferträgers und in weiterem Sinne der des Dienstmanns aussterben. Zudem mussten sich Menschen daran gewöhnen, Arbeiten gleichberechtigt und demokratisiert für sich selbst zu verrichten, die für sie noch ein Jahrzehnt vorher schwer denkbar gewesen wären. Männer mussten vom maskulinen Ross absteigen und bereit sein, ihre Koffer auf Schwächlings- oder gar Frauenart hinter sich herzuzerren wie folgsame Miniaturhündchen.

Um diese Individuen nicht total vor den Kopf zu stoßen, beschränkte sich die Kofferindustrie auf eine äußerst konservative Farbgebung für ihre Unisexgepäckstücke. Diese branchenimmanente Hasenherzigkeit wiederum führte auf den Rollbändern der Flughäfen zu eklatanter Kofferverwechslungsgefahr.

Jahrelang gab es nur schwarze, dunkelblaue und grauenhaft aussehende Gepäckstücke auf Rädern. Ich hingegen mag farbige Koffer (und ich bitte Sie, mir diese Wendung nicht als Rassismus auszulegen), ja, wünschte sie mir. Doch in jenem Preissegment, dessen Opfer ich nach Aufgabe meines Trolley-Widerstands wurde, waren keine zu kriegen. Immer wieder plante ich, mit gelbem Farbspray künstlerische Schnörkel auf meinen dunklen Gepäckstücken anzubringen. Die ästhetische Ausführung wäre mir weniger wichtig gewesen als die praktischen Vorteile.

Gerade, als ich endlich die Spraydose gekauft hatte, stellte die chinesische Wirtschaft auf Diversifizierung um. Seitdem überschwemmen bunte Trolleys den Markt, und auf den Rollbändern blitzen alle Kofferfarben. Die Männer ließen sich auch hier wieder viktimisieren, sie ziehen jetzt die infantilsten Dinger hinter sich her. Mittlerweile wünsche ich mir den farblichen Einheitsbrei von 2010 wieder zurück.

Tipp

Neu: Martin Amanshauser, „Die Amerikafalle, oder: Wie ich lernte, die Weltmacht zu lieben“, Kremayr & Scheriau 2018.

www.amanshauser.at

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