Amanshausers Album: Alkohol-Musealisierung

63. Wer oft Alkohol verkostet hat, mag irgendwann nicht mehr. Ich tue das nur noch beruflich.

Bei Verkostungen nicht anwesend ist Martin Amanshauser, auf dem Buchmarkt schon ("Die Amerikafalle, oder: Wie ich lernte, die Weltmacht zu lieben", Kremayr & Scheriau, 2018).
Bei Verkostungen nicht anwesend ist Martin Amanshauser, auf dem Buchmarkt schon ("Die Amerikafalle, oder: Wie ich lernte, die Weltmacht zu lieben", Kremayr & Scheriau, 2018).
Bei Verkostungen nicht anwesend ist Martin Amanshauser, auf dem Buchmarkt schon ("Die Amerikafalle, oder: Wie ich lernte, die Weltmacht zu lieben", Kremayr & Scheriau, 2018). – Imago/Westend 61

Auf Reisen bin ich, wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, nicht so der vermeidende Typ. Ich esse und trinke so ziemlich alles. Was ich aber scheue, sind Alkoholverkostungen. Vielleicht liegt es daran, dass ich in meinen Zwanzigern in Porto zu viele Vinhos do Porto bei Sande man, Graham s und Ferreira verkostet habe. Ich und einige Kollegen stellten damals die Quantität strikt über die Qualität. Wir trugen unseren Teil dazu bei, dass der Portwein-Freiausschank an Touristen strikt eingeschränkt wurde. Besucher werden inzwischen lieber stundenlang mit Vorträgen zur Herstellungs- und Ausbaugeschichte des edlen ursprünglich versehentlich entdeckten Süßweins gequält.

Einen veritablen Rausch trank ich mir auch an, als mir ein chilenischer Nationalisten-Guide die Vorteile des chilenischen Pisco (und nationalistischerweise die Nachteile des peruanischen) erklärte. Meine letzte Verkostung fand in Schottland statt: Der erste Whisky schmeckte am besten, der zweite am zweitbesten und so weiter ich denke, ich war bereits zu alt für Alk. Ah ja, jüngst führte man mich ins Ginger n Gin in Gastein. Mich erleichterte, dass man im Süden Salzburgs nur soff und nichts über die Gin-Produktion erfuhr.

Daran musste ich denken, als ich von der Eröffnung des ersten polnischen Wodka-Museums im Koneser Praga Center (Warschau) hörte. Auf dem historischen Gelände der Wodkafabrik Koneser aus dem 19. Jahrhundert wird selbstbewusst das "polnische Nationalgetränk" erst an diesem Ort versuchten die Produzenten, eine autochthone Wodka rezeptur zu entwickeln beleuchtet und verkostet. Polnischer Wodka, heißt es, darf nur aus traditionellem polnischen Getreide oder Kartoffeln hergestellt und ausschließlich dort produziert werden.

Eine Alkohol-Musealisierung ist konsequent in einem Land, in dem selbst kinderwagenschiebende Frauen Bierdosen in der Hand halten. Mütter sind eh willkommen, Kinder haben zum Museum jedoch keinen Zutritt. Ich selbst hoffe, nie dorthin geschickt zu werden. Denn beruflich werden Sie mich weiter saufen und verkosten sehen wohlgemerkt ausschließlich für Sie, liebe Leserinnen und Leser. Privat mache ich einen weiten Bogen um solche Orte.

Tipp

Martin Amanshauser, „Die Amerikafalle, oder: Wie ich lernte, die Weltmacht zu lieben“, Kremayr & Scheriau 2018. www.amanshauser.at

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