Amanshausers Album: Eine Welt aus Friends und Followern

68 - Wohin wir reisen könnten, steht nicht nur in dieser Zeitung. Auch Influencer beeinflussen uns.

Marketing. In der Tourismuswerbung wird zunehmend auf den Einfluss von Influencern gesetzt, als neue Marketinginstrumente. Wer
Marketing. In der Tourismuswerbung wird zunehmend auf den Einfluss von Influencern gesetzt, als neue Marketinginstrumente. Wer
Marketing. In der Tourismuswerbung wird zunehmend auf den Einfluss von Influencern gesetzt, als neue Marketinginstrumente. Wer viele Follower hat, wird umworben. – (c) Getty Images/iStockphoto (Solovyova)

Als ich meiner ersten Influencerin begegnete, war ich schon über 40. Ich war in den Alpen auf einer Pressereise, unterwegs mit zehn anderen Journalisten. Wir aßen abend in einer Hütte, neben mir saß die örtliche Tourismus­büro-Dame. Sie winkte zum Nebentisch, wo gerade eine junge Familie Platz nahm. Ich fragte sie, wer die denn seien. „Eine Influencerin aus Großbritannien", antwortete die Tourismus-Dame voller Hochachtung.

Die Influencerin hatte indische Gesichtszüge. Sie war wunderschön. Ihr Mann schien aus dem Mittelmeerraum zu kommen. Er war extrem gutaussehend. Ihr Junge, etwa vier, hätte mit seinen langen Haaren auch als Kinderschauspielerin gute Figur gemacht. So also sahen Influencer aus – ganz wie Models. Die Tourismusbüro-Dame erzählte fröhlich, dass die Influencerin „einiges kostet, inklusive Honorar". Ich war perplex. Und irgendwie eifersüchtig. Als Journalist werde ich zwar von Veranstaltern oder Hotels eingeladen, doch noch nie hat mir jemand Honorar geboten. Von zwei Seiten bezahlt, würde ich mich bestochen fühlen. Mein Bericht hätte zudem wenig Glaubwürdigkeit, denn zwangsläufig geriete ich unter Druck, die Marketinggelüste der Destination, meiner nunmehr zweiten Auftraggeberin, zu befriedigen.

Influencer denken anders. In ihrer Berufsbezeichnung spiegelt sich ja bereits eine gewisse Schamlosigkeit. Das sexy „Influencen" steht in legitimer Nachfolge der Schleichwerbung. „Die Influencerin hat auf ihrem Blog schon Bilder gepostet", kommentierte die Tourismusbüro-Dame. Die Influencer-Hardware bestand aus Klicks, ihre Welt aus Friends und Followern, man konnte den Investitionserfolg an den Zahlen ablesen. Bei uns wunderlichen Zeitungsmenschen klappte das nicht, Journalismus war nutzlos komplex, seine Auswirkungen unergründlich.

Ich selbst lasse mich ungern beeinflussen, auch „folge" ich anderen nur widerwillig. Aber das ließ ich mir keineswegs anmerken. Ich lächelte der Tourismusbüro-Dame zu. Kurz glaubte ich, dass sie zurücklächelte, doch sie lächelte geradewegs über mich hinweg zur Influencerin hinüber. Ich fühlte mich wie ein altes Faxgerät.

www.amanshauser.at

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