Amanshausers Album: Platzkarte

82 - Früher hatte die Eisenbahn sogar eine 4. Klasse – ein unkompletter Überblick über eine Klassensache.

Man fährt offensichtlich (wieder) gern mit der Bahn. Hat zur Folge, dass die erste Klasse auch gut gebucht, wenn nicht komplett besetzt ist.
Man fährt offensichtlich (wieder) gern mit der Bahn. Hat zur Folge, dass die erste Klasse auch gut gebucht, wenn nicht komplett besetzt ist.
Man fährt offensichtlich (wieder) gern mit der Bahn. Hat zur Folge, dass die erste Klasse auch gut gebucht, wenn nicht komplett besetzt ist. – (c) Philipp Horak/Öbb

Man hat das Gefühl, es wird immer enger in den Zügen. Neulich trieb mich die Platzsuche wieder einmal in die erste Klasse. Ich plante eine Aufzahlung. Weit gefehlt, auch hier total voll! Sogar in den Abteilen mit der etwas ­kindischen Bezeichnung „Business" war kein einziger Sitzplatz frei. Für die ÖBB mag das erfreulich sein – Theater komplett –, doch für Passagiere fällt bei ausverkaufter erste Klasse das einzig seriöse Distinktionsmerkmal weg. Es ist ja nicht so, dass Menschen wegen der etwas vornehmer gefärbten Polsterung dort buchen, oder um sich die traurigen Mittagsmenüs an den Platz bringen zu lassen, oder gar, um ihr Ego aufzupolieren. Sie wollen halt nicht stehen.

Als meine Großmutter schon ein bisschen verwirrt war, fragte sie mich einmal: „Wie fahrst du jetzt von Salzburg nach Wien zurück – in der dritten Klasse?" Ich freute mich, das zu hören, denn die dritte Klasse kannte ich nur aus der Literatur. Die Klasseneinteilung, ein Relikt des Ständedenkens im 19. Jahrhundert, bot anfangs ja sogar eine vierte Klasse (Randbänke und Stehplätze). Schon ab der dritten Klasse oder „Holzklasse" konnte man komfortable „Siesta-Kissen" mieten. Vierteilungen der Wagenklassen findet man heute noch bei Langstreckenzügen in China (soft sleeper, hard sleeper, soft seat, hard seat), während in Indien logischerweise noch mehr – meist sechs – Klassen fahren.

Unsere zweite entsprach der heutigen ersten, und die erste Klasse betrieb Luxuswaggons. Nach der Abschaffung des Vierte-Klasse-Elends und des Luxus als solchem blieben immerhin bis in die Fünfzigerjahre drei Klassen erhalten, in Großbritannien direkt der Upper, Middle und Working Class zuordenbar, wohingegen im gänzlich anders gearteten Irland meist eine Einheitsklasse fährt.

Heute strebt die Eisenbahnwelt durch ihre komplette Verflugverkehrung überall demokratische Einheitlichkeit an, allerdings zu marktwirtschaftlichen Preisen. Die Deutsche Bahn hat es fast geschafft, die bequemste Reiseform in einen Ausdauersport in Duldsamkeit zu transformieren – Rationalisierung bedeutet immer Korrektur nach unten. Die ÖBB hält sich eh noch halbwegs.
Viel Glück!

www.amanshauser.at

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Amanshausers Album: Platzkarte

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.