Amanshausers Album: 104 – Mitternachtssonne

Wenn der Tag nie aufhört, wer braucht dann noch die Zeit? Geschichte einer norwegischen Initiative.

(c) imago/robertharding (imago stock&people)

Kjell Ove Hveding ist Bürgermeister von Sommarøy. Fast niemand kannte das 321-Einwohner-Inselchen, 56 Kilometer von Tromsø. Bis die Meldung um die Welt ging: Sommarøy wolle zur „ersten zeitfreien Zone“ unseres Planeten werden, genauer, Hveding habe beim Storting, dem norwegischen Parlament, eine Petition zur Abschaffung der Uhrzeit eingebracht. „Let´s stop time“ ist laut der staatlichen Tourismusagentur Visit Norway das Motto der Initiative.

Nachdem es in Sommarøy im Sommer ohnehin immer hell und im Winter immer dunkel sei – so geht von 18. Mai bis 26. Juli die Sonne nicht unter – habe es wenig Sinn, Uhrzeiten mitzuschleppen. „Uns wird beigebracht, abends ins Haus zu gehen und um 21 Uhr Fernsehen zu schauen. Aber wieso soll man um 17 Uhr essen, wieso nicht um 22 Uhr? Lasst uns um Mitternacht Fußball spielen, warum nicht?“, so der Text im dazugehörigen Video.

Viele Bewohnerinnen und Bewohner hätten ihre Uhren inzwischen an Brücken angebracht, dort wo anderswo Love-Locks hängen, der Bürgermeister seine eigene Uhr sowieso bereits vor sechs Jahren abgelegt. „Wir machen, was wir wollen, und wann wir es wollen“, meinten die Inselbewohner. Feste Arbeits- und Unterrichtszeiten sollten fallen, man warte nur noch auf die Genehmigung aus Oslo. Der Parlamentarier Kent Gudmundsen machte sich dafür stark, neben der Sommer- und Winterzeit ein drittes Element aufzunehmen, die „Nichtzeit“.

Eine Woche später erwies sich die erfrischend unlogische Aktion als PR-Gag. Visit Norway gab zu, so Besucher in den Norden des Landes locken zu wollen. Traditionelle Werbung habe an Effektivität verloren. Einheimische Medien, die darüber berichtet hatten, reagierten etwas verschnupft, sprachen von institutionell erzeugten Fake News („falske nyheter“), als würden sie die Prootion-Mechanismen nicht kennen – Visit Norways Chef, Håkon Haugli, sah sich sogar zu einer Entschuldigung gezwungen – die Kampagne sei vor seiner Zeit konzipiert worden. Doch im Ausland wird der Zeitabschaffungs-Hoax bejubelt. 1650 Artikel sollen potentiell 1,2 Milliarden Menschen und einen Werbewert von 11,4 Millionen Dollar erreicht haben, während Visit Norway die Aktion nur 60.000 Dollar gekostet hatte.

Einige mögen davon profitieren: Bürgermeister Hveding betreibt ein Hotel in Sommarøy, Schwerpunkte sommerliche Mitternachtssonne, im Winter das Polarlicht. Das nunmehr weltbekannte Inselchen Sommarøy garantiert indessen, dass es unverbrüchlich fix bei der Normalzeit bleiben wird – Besucher seien jedoch „willkommen, ihre Uhren daheimzulassen, solange sie die Checkout-Zeit ihrer Hotels beachten.“

NEU: Martin Amanshauser, Es ist unangenehm im Sonnensystem, Kremayr & Scheriau 2019, www.amanshauser.at.

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