Amanshausers Album 112: Hütchenspieler

Lang keine Hütchenspieler mehr gesehen! Doch auf der Westminster Bridge florieren sie.

Beim Hütchenspiel lassen sich die Trickser nicht austricksen, nicht einmal von der Exekutive. Hütchen weg, und schon sind sie normale Touristen.
Beim Hütchenspiel lassen sich die Trickser nicht austricksen, nicht einmal von der Exekutive. Hütchen weg, und schon sind sie normale Touristen.
Beim Hütchenspiel lassen sich die Trickser nicht austricksen, nicht einmal von der Exekutive. Hütchen weg, und schon sind sie normale Touristen. – Martin Amanshauser

Eigentlich dachte man, die Hütchenspieler seien in den polizeistaatlich attraktiven Zeiten, die wir durchlaufen, in Europa ausgestorben. Doch jetzt entdeckte ich sie in London wieder, fröhlich florierend. Mit dem Brexit verschwindet wohl das letzte Hütchen-Eldorado von der Landkarte der Europäischen Union. Wieso sie derart gut Fuß fassen können, dass auf der Westminster Bridge (Brücken eignen sich ideal für Wachposten) ein Team ungestört neben dem anderen arbeiten darf, bleibt ein Rätsel. Liegt es am britischen Humor? Das „shell game“ steht auf jeder Not-to-do-in-London-Liste, doch die simple Tatsache seiner Existenz illustriert, wie viele Passanten bereit sind, den Hausverstand für die Hoffnung auf den ­großen kleinen Gewinn fahren zu lassen.

Das Hütchenspiel ist weniger Spiel als Betrugssystem: Eine Art Zauberkünstler lässt eine Kugel zwischen drei Hütchen beziehungsweise Bechern geschickt hin- und herrollen. Die Mitspieler (bis zu zehn Leute, einander meist ethnisch auffällig ähnlich) stecken, ohne dass neu Dazukommende das kapieren sollen, mit dem Trickspezialisten unter einer Decke. Sie erraten, unter welchem Becher die Kugel sich befindet, und ­cashen 50 Pfund ein. Sobald allerdings „das Opfer“ mitspielt, lässt der Betrüger die Kugeln schneller kreisen, zack, zack, zack! Mit flinken Fingern entnimmt er sie dabei. Wenn das Opfer rät, ist unter keinem Hütchen eine Kugel. Danach wird sie, zu schnell fürs menschliche Auge, an beliebiger Stelle eingesetzt. Gewinnchance: null. Immer wieder
ziehen Mitspieler, die fest an ihre Chance glauben, am Ende abgebrannt von dannen. Oder protestieren, doch kaum droht jemand glaubhaft, verstreuen sich die Kontrahenten in der Menge. Gute Hütchen-Teams machen um die 10.000 Pfund Tageseinsatz.

Es gab diese Betrugsform schon im alten Rom. Vor der Exekutive warnt heute ein gutes Vorwarnsystem, im Notfall werden in Sekundenschnelle aus den Hütchenteams normale Touristen. Scotland Yard soll einmal versucht haben, sich inkognito in gemieteten Doppeldeckern zur Mitte der Brücke vorzuarbeiten – doch der Schmäh funktionierte nur einmal.

NEU: Martin Amanshauser, Es ist unangenehm im Sonnensystem, Kremayr & Scheriau 2019.

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