Allgäu: Burgwesen und Schlossgeist

Das Tal der Iller, ein kleines Idyll im Schwabenland: Der landschaftlich reizvolle Illerwinkel ist mit der Kronburg Inbegriff einer romantischen Adventzeit in Süddeutschland. Geschichtslektionen und Bier inklusive.

Die Kronburg, ein Renaissancejuwel im Allgäu.
Die Kronburg, ein Renaissancejuwel im Allgäu.
Die Kronburg, ein Renaissancejuwel im Allgäu. – Tom Busch

Zweimal Herrgottsbscheißerle – wünsche einen guten Appetit!“ Die Bedienung stellt das dampfende Gericht auf den Tisch: Nudelteig mit deftiger Brätfüllung. Das wird wieder aufwärmen! Die Maultaschen galten im Schwabenland als kleine List, die sich die Zisterzienser eigentlich für die Fastenzeit ausgedacht haben. Die Mönche vom Kloster Maulbronn wollten das verbotene Fleisch in kleinen Teigtaschen vorm lieben Herrgott verstecken, erzählt der Wirt und schaut auf die Schneeflocken, die sich an den Fensterscheiben festsetzen.

„Ein Kronburger!“, wird der Wirt an den Stammtisch gerufen. Das brauen sie hier in der fünften Generation. Lange Zeit führte in Kronburg der Wirt als Bürgermeister die Amtsgeschäfte, gleich in der Stube nebenan. Zuerst wurde debattiert – dann zur Flinte gegriffen: Nach dem Essen wurde die Gaststube zum Schießstand, und die Schützen zielten vom Gastraum durch die geöffneten Fenster in die Küche. „Da drüben saß einmal der Kommissar Kluftinger“, erzählt er. Für den Allgäu-Krimi „Erntedank“ wurde hier gedreht. Ja, der Gasthof hat einiges gesehen.

Die erste Erwähnung stammt von 1537: „Da hat der Baron dem Wirten eine Strafe auferlegt, wegen überschrittener Schankzeiten“, meint der Nachfahre, „aber gehen Sie rauf zum Schloss und sagen der Herrschaft guten Tag.“ Für ihn sind die da oben auf dem Schlosshügel heute noch respektvoll „die Herrschaft“.

Die Kronburg sitzt auf einem eiszeitlichen Moränenhügel (752 Meter), eingebettet in Wiesen und Wälder. Die Burgstraße führt bis zum vierflügeligen Renaissanceschloss. Durch das prächtige Osttor mit Wappen betreten wir den Innenhof mit dem Arkadengang, auf dem die Bläser den Adventmarkt eröffnen. Auf unser Läuten am Westflügel antwortet freudiges Gebell. Ein junger Hund steckt den Kopf durch die Tür. Eine blonde Frau öffnet und stellt sich herzlich vor, „Carolin – und das ist Luna“: Die dann die Treppe hinauftobt, einen Bogen um den edlen Ritter in Rüstung wetzt, vorbei am Großen Ulmer Schrank mit Engelsköpfen in den Galeriegang. Baronesse Carolin von Vequel-Westernach führt durchs Schloss, das im Familienbesitz steht, seit es ihre Vorfahren vom österreichischen Kaiser als Lehen erhalten haben.

Tapeten und Nachttöpfe

Die Spuren gehen zurück bis zu den Edlen von Kronburg. Die Burg wurde 1200 erbaut, kam 1268 an die Habsburger, die sie als Pfandlehen vergaben, und wurde bis 1536 zum Renaissanceschloss umgebaut. 1619 übernahm die Burg Johann Eustach von Westernach, der spätere Hochmeister des Deutschen Ritterordens. 1852 heiratete die letzte Namensträgerin, Maria-Theresia, Tochter des Johann Ignaz von Westernach, und führt den Besitz ihrem aus Elsass-Lothringen stammenden Gemahl, Freiherrn Maximilian von Vequel, zu. Theo Freiherr von Vequel-Westernach hat das Schloss 1985 übernommen und führt Besucher gern herum, zeigt die 500-jährige Holzdecke im Rittersaal, den 400-jährigen Wandteppich und 300-jährige handbedruckte Leinentapeten. „Und 200 Jahre ist das hier alt“, hebt die Baronesse einen Topf aus Schrank: „Ein Potschamperl, das kommt von Peu de Chambre.“ Ihr Vater mehr als 100 Nachttöpfe aus der ganzen Welt zusammengetragen. Die Damentöpfe aus kostbarem Porzellan haben teilweise 200 Jahre auf dem Deckel. Die Krönung ist der Bourdalou-Topf, nach dem französischen Jesuiten Louis Bourdaloue aus dem 17. Jahrhundert. „Am Hof des Sonnenkönigs hat er so beeindruckend gepredigt, dass die Damen den Toilettengang vergaßen.“ Also schoben die Zofen die Töpfe während der Andacht ihren Damen diskret unter den Rock.

Heute finden auf der Kronburg auch Konzerte, Hochzeiten und der weithin bekannte Romantische Adventmarkt statt, mit ausgesuchten Handwerksausstellern, offenem Feuer und Wildbret-Küche. Und 2019 werden die Feierlichkeiten zum 400-Jahr-Jubiläum der Westernachs begangen, erzählt die junge Baronesse zum Abschied.

Die Kronburg ist das Wahrzeichen an der Iller. Hier, wo der Fluss die Ausläufer der Allgäuer Berge durchschneidet und sich das Tal weitet, breitet sich geschichtsträchtige Landschaft aus: Der Illerwinkel, hügelig mit Seen und Wiesen, vom Bodensee nicht mehr als 30 Autominuten entfernt. Einige kommen gar zu Fuß: Pilger. Ihr Ziel ist Legau auf der anderen Seite des Flusses. Hier erhebt sich Maria Steinbach, größter Wallfahrtsort Schwabens. Die Westfassade der Kirche ist von auffälliger barocker Gestaltung. Mit reich geschmückten Altären, Emporen und Fresken ist die Prachtkirche Teil der Oberschwäbischen Barockstraße. Die Pilger kommen, um in Legau zur Schmerzhaften Muttergottes zu beten. Zu Füßen des Gnadenbildes von Maria sitzen zwei Engel, aufblickend das Trotz-Engele und weinend das Plärr-Engele, die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit verkörpern. Maria Steinbach zählt neben Ettal oder Altötting zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten.

Einstein war da

Über einen Bußweg mit kleinen Kapellen erreichen wir Lautrach, die kleinste Gemeinde im Illerwinkel. Berühmt ist das Schloss – eines der ältesten Rittersitze in Schwaben: Der Burgstall Altenlauternach war 1164 Sitz des Heinrich von Lauternach. 1783 ließ Honorius Roth von Schreckenstein das abgebrannte Schloss als Schreckenstein'sche Sommerresidenz wiederaufbauen. Dann kam Graf Jean-Luis Firmas-Perier und richtete 1805 den Theatersaal mit Tapeten aus der Pariser Manufaktur Dufour ein. 1838 erwarb es der katholische Priester Josef Deybach mit Unterstützung des Kronburger Barons Vequel und eröffnete eine Erziehungsanstalt für höhere Töchter. 1889 wurde das Westtor als Schmiedekunstwerk auf die Pariser Weltausstellung geschickt. Schließlich erwarb der Polarforscher und Erfinder des Kreiselkompasses, Hermann Anschütz-Kaempfe, 1921 das Anwesen. Er schuf eine Begegnungsstätte für Wissenschaftler und Nobelpreisträger, darunter Karl von Frisch, Wilhelm Wien, Arnold Sommerfeld. Anschütz-Kaempfe schrieb auch Albert Einstein an. Und in der Tat kam dieser zum Seminar in den Illerwinkel und schrieb 1923 ins Gästebuch von Schloss Lautrach: „Paradiesisch! O Verdruss, dass ich schon von hinnen muss.“ Da hat Einstein wohl relativ recht.

IM ILLERWINKEL

Schloss Kronburg: im Illerwinkel bei Memmingen. Führungen des Barons April–Oktober. Romantischer Weih-nachtsmarkt. www.schloss-kronburg.de

Schloss Lautrach: führendes Weiter- bildungsinstitut, Hotel mit Restaurant. www.schloss-lautrach.de

Übernachten: Gästehaus Schloss Kronburg – Riesengarten, Naturschwimmteich, Appartements mit Blick auf Iller und Alpen, gaestehaus@schloss-kronburg.de

Einkehren: Gasthof Kronburg, eigene Bierbrauerei, www.brauerei-kronburg.de

Infos: www.allgaeu.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2018)

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