Flandern

Handgemachtes hat in Brügge Vorrang

Bier und Pralinen, das zieht immer. Doch Brügge stellt sein feines Kunsthandwerk zunehmend ins Schaufenster.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild – (c) imago/robertharding (imago stock&people)

Peter Quijo arbeitet im historischen Zentrum von Brügge – und er klöppelt. Der Juwelier arbeitet mit Goldfäden und hat dafür sogar ein spezielles Werkzeug entwickelt. Ja, es gibt sie noch in der flämischen Touristenhochburg: authentische Produkte aus Handarbeit. Das neue Label Handmade in Brügge führt auf die Spur des Kunsthandwerks – und in das Geschäft von Peter Quijo. In 1a-Lage, zwischen Belfried und Rathaus, zeigt der Juwelier seine preisgekrönte Ware. „Brügge ist noch vor Antwerpen eine Diamantenstadt gewesen“, erzählt Quijo. „Und eine gute Inspirationsquelle für mich.“ So hat er sich etwa einen Schliff für Diamanten patentieren lassen, der einen Kompass sichtbar werden lässt – „als Reverenz an die Seefahrertradition der Stadt.“ Ein anderer Schliff sei vom Kopfsteinpflaster angeregt worden. „So kann ich die Verbundenheit mit der Stadt ausdrücken.“

Wirklich echte Spitzen

Spitze ist in Brügge allgegenwärtig – allerdings als maschinell erzeugte Ware aus Fernost. Kein Schaufenster eines Souvenirshops ohne weiße Deckerln. Die Tradition lebt, hat sich aber in exklusive Nebenrollen zurückgezogen. Spitze findet sich etwa als Zitat auf den außergewöhnlichen Brillengestellen des Familienbetriebs Hoet oder in handwerklich hergestellten Keksen der Konditorei Juliette's, den Dentelles de Bruges. Echte Brügger Spitze ziert die Lingerie von Sun Mae ebenso wie die Kleider von Veerle Praet. Die Damenmaßschneiderin, die auf Brautmode spezialisiert ist, arbeitet mit traditionellen Stoffen. „Spitze verarbeite ich gern als Applikation an einem Dekolleté.“ Aufträge aus aller Welt belegen den Erfolg ihrer Couture. „Bald muss ich mir ein neues Atelier suchen, denn die Kundinnen wünschen immer längere Schärpen“, bemerkt Praet.

Sich selbst handwerklich versuchen kann man im Zentrum für Spitze, das in einer historischen Klöppelschule untergebracht ist. Dort im Museum kann man erste Griffe üben und erfahrenen Klöpplerinnen zuschauen. Auch Workshops werden im Zentrum für Spitze angeboten. Man arbeite hier gegen die Einschätzung, dass das Klöppeln von gestern sei, heißt es.

Ein Zitat von Coco Chanel läuft als Schriftband durch die Ausstellung. Es ist kalligrafiert, Spitzenmotive prägen die Buchstaben. Es ist eine Arbeit von Brody Neuenschwander, einem Textkünstler, der Buchstaben und eigene Wörter kreiert. „Zwischen der Kalligrafie und dem westlichen Kunstbegriff steht eine meterhohe Mauer“, meint Neuenschwander. „Die möchte ich gern einreißen.“ In Asien und Arabien gelte Kalligrafie dagegen als Kunst. Das Werk des in Brügge lebenden Amerikaners ist von Emotionalität geprägt. Gestische Wucht charakterisiert seine Arbeiten. Der „Buchstabenexperte“ und studierte Arabist hat für Bronzeglocken des Bistums Paderborn, für Mode des Designers Dries van Noten und für den Filmemacher Peter Greenaway gearbeitet. Er demonstriert seine Kunst bei Performances und Workshops. Brügge gilt als europäische Kalligrafie-Hauptstadt – mit Sitz des europäischen Lettering Institute. Man kann in Brügge auch Kurse belegen, in offene Ateliers schauen und dieser Kunst auf Hauswänden und in Schaufenstern begegnen – wie dem des „Symposion“, des Geschäfts von Sofie Verscheure. Die Kalligrafin ist spezialisiert auf Aphorismen, die sie auf Karten und andere Gegenstände drucken lässt. „Ich glaube an die Kraft des Worts“, sagt sie.

Papier aus allen Fasern

Viel Papier kommt aus einer kleinen Werkstatt am Rand der Altstadt. „Papierschöpfen ist therapeutisch“, glaubt Piet Moerman, der im Hauptberuf Daten verarbeitet. Sein Hobby ist zum Experimentierfeld geworden. Moerman, der Workshops anbietet, schöpft Papier nicht nur aus alten Jeans, sondern auch aus Algen, Gras oder Lauch – Hauptsache, das Rohmaterial besteht aus Fasern. „Ein Unikat ist jedes Blatt ohnehin.“

Und was ist mit Bier und Pralinen, wird man sich vielleicht jetzt fragen. Keine Sorge, auch die belgischen Vorzeigegenussmittel werden in Brügge handwerklich produziert. Ein eigener Stadtplan, der unter anderem zur Brauerei De Halve Maan und zu Chocolatiers wie Dominique Persoone führt, weist über 50 Handmade-in-Brügge-Stationen auf, die meisten davon in der Altstadt. Empfehlenswert ist ein geführter Rundgang, weil man da Ateliers entdecken kann, die sonst nicht geöffnet sind.

Dass sich Brügge seit 2013 auch als Stadt der Kunsthandwerker präsentiert, geht auf eine städtische Initiative zurück. Kriterien wie Handarbeit, Professionalität und Ortsansässigkeit müssen erfüllt sein, um bei Handmade gelistet zu werden. Der Pop-up-Store Makersrepubliek fungiert als Anlaufstelle, auch für internationale Ausstellungen und Projekte.

Handmade-Label

Und so kommt es, dass man beim Rundgang durch die historischen Gassen immer wieder das Handmade-Label findet. Dann landet man vielleicht bei Pol Standaert, einem Kunsthandwerker, der in Carrara das Kopieren von Plastiken gelernt hat. Er baut ebenso historische Kamine und stuckiert Decken, alles ohne maschinelle Hilfen. Oder man lässt sich bei Arte/Grossé die Techniken des Restaurierens von liturgischem Gerät und kirchlichen Textilien erklären. Das Brügge der Kunsthandwerker lässt die schöne, alte Welterbe-Stadt auf neue Weise entdecken.

BRÜGGE, AUTHENTISCH

Schlafen: „Monsieur Ernest“, modern, in historischem Haus an einer Gracht in der Altstadt. monsieurernest.com

Einkaufen: Konditorei Juliette's (Wollestraat 31A), Chocolaterie Chocolate Line (Simon Stevinplein 19), Brauerei De Halve Maan (Walplein 26).

Kunsthandwerk: Führung buchen bzw. speziellen Stadtplan mit Adressen checken: www.handmadeinbrugge.be

Info: Brügge-Tourismus: www.visitbruges.be

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2018)

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