Montenegro oder: Die Kunst, Käse zu falten

Wandern im Nationalpark, kochen mit „sač“, heulen mit den Wölfen, abhängen in der tiefsten Schlucht Europas und ein Fest für Mimosen: Montenegrinischer Lifestyle abseits vom Strandleben.

Blick auf Katun Vranjak
Blick auf Katun Vranjak
Blick auf Katun Vranjak – (c) imago/Westend61 (imago stock&people)

Auf dem Katun Vranjak geht es hoch her. Und zwar nicht nur aufgrund der 1777 Höhenmeter, auf der eine urwüchsige Alm liegt, sondern auch wegen der Sennerin Katharina Bulatovic, die mit Händen, Füßen und ein paar Brocken Englisch versucht, uns in die Kunst der traditionellen Käsefaltung einzuweihen. Was alles andere als einfach ist. Die Herstellung von so einem Falten- beziehungsweise Blattkäse, Lisnati Sir, ist eine ziemlich schweißtreibende Angelegenheit, ganz abgesehen von den sprachlichen Fallstricken. In einem riesigen Topf wird die Milch von Lorica, Gara, Srna und Konsorten – die Kühe hier tragen alle einen Namen – auf exakt 25 Grad erhitzt, danach mit Lab vermischt und fünf Minuten mit einem Holzlöffel gerührt. Nun kommt eine Platte auf die Masse und wird sieben Stunden lang, beschwert von zwei riesigen Steinen, gepresst. Die Molke fließt ab, der Frischkäse wird geteilt und erneut gepresst, eine kräftezehrende Prozedur, die bis zu 30-mal wiederholt wird, um immer dünnere Schichten zu erhalten. Diese werden am Schluss gefaltet und in einem großen Kessel serviert. Entweder als Cicvara, ein Kartoffelgericht mit Falten- und Butterkäse, oder als Kacamak, mit Buchweizen, Maismehl, Dickmilch – und natürlich Käse. Wegen der breiartigen Konsistenz kann man sich beide Varianten auf der Zunge zergehen lassen, sollte den Mund dabei aber nie zu voll nehmen.

Kacamak und Cicvara gelten zwar als bodenständige Arme-Leute-Kost, sind aber derart reich an Kalorien, dass man zur Verdauung zumindest einen Gipfel stürmen müsste. Oder Darko ein wenig bei der Arbeit zur Hand gehen. Er betreibt gemeinsam mit Katharina diese ökologisch bewirtschaftete Alm, auf der es tatsächlich keine Sünden gegenüber Natur, Landschaft und Tieren zu geben scheint. Die pittoresken kleinen Hütten mit den spitzen Dächern sind aus Holz von dort gebaut, dazwischen grasen Schafe und Rinder herum, hin und wieder fordert Miloš, ein riesiger Hirtenhund, vehement seine Streicheleinheiten ein. Da mehr als 200 Wölfe in der Gegend leben, sind diese gewaltigen Hunde zum Schutz unverzichtbar. Abgeschossen werden die Isegrims jedoch auf keinen Fall. Einerseits, weil sich der Katun im Nationalpark Biogradska Gora befindet, zu dem auch einer der letzten Urwälder Europas gehört, und andererseits, weil die Einheimischen hier meinen, dass „auch die Wölfe nur leben wollen“. Eine Einstellung, die man sich andernorts durchaus zum Vorbild nehmen könnte.

Gebirgskulisse der Bjelasica
Gebirgskulisse der Bjelasica
Gebirgskulisse der Bjelasica – (c) imago/Westend61 (imago stock&people)

In der Glut gegart

Bei einem wildwüchsigen Ausflug, umgeben von der prachtvollen Gebirgskulisse der Bjelasica, sollte man dennoch auf der Hut sein. Allerdings nicht vor den wilden Tieren, sondern vor der Gastfreundschaft der Einheimischen, die stets gepaart mit einem Glas Šljiva, Hochprozentigem, einhergeht. Begleitet von der Frage nach dem Erschöpfungsgrad, nach dem die stärkende Kalorienzufuhr bemessen wird. Deftiger Bohneneintopf oder dicke Brennnesselsuppe bei müden Beinen, unter dem „sač“, einem „Deckel“ aus Glut und Asche, gegartes Lammfleisch im Fall totaler Energielosigkeit. Ein Genuss, der einen Wanderer garantiert wieder auf Trab bringt, denn ringsum lockt der Nationalpark Biogradska Gora mit mehr als 5650 Hektar Gesamtfläche, von denen 1600 Hektar auf stellenweise undurchdringlichen Urwald entfallen. Da braucht es einen guten kalorischen Antrieb und festes Schuhwerk. Immerhin durchwandert man in montenegrinischen Bergen gefühlte vier Klimazonen, quert blaue Enzianfelder, karstige Saumpfade, goldgelbes Steppenland, steinige Geröllwüsten, blickdichte Schwarzföhrenwälder und antike Bogomilengräber, mancherorts fühlt man sich sogar von den „Bergaugen“ – so nennen die Einheimischen ihre Gebirgsseen – aufdringlich angestarrt. Dann starrt man am besten zurück. Vor dieser gewaltigen Naturlandschaft die Augen zu verschließen wäre wirklich eine Unterlassung.

Kehrt man der prachtvollen Bergwelt im Hinterland Montenegros den Rücken, geht es in jedem Fall erst einmal steil bergab. Und zwar nicht nur in sanften Serpentinen, sondern manchmal auch in gänsehauterregende Abgründe. Wie etwa in der Taraschlucht, deren Tiefe bis zu 1600 Meter beträgt, was sie zur tiefsten Senke Europas macht. Besonders Wagemutige können sich mittlerweile sogar von der Ðurđevića-Brücke stürzen, deren gebogene Stahlbetonkonstruktion einem Weltwunder gleicht, das sich 365 Meter über den Fluss spannt. Allerdings nur unter Aufsicht und an einer Zip-Line.

Stadt der Mimosen

Selbst in Küstennähe ist der Blick auf die Landschaft unverändert atemberaubend, in Herceg Novi, einem antiken Kurort, sogar leicht schwindelerregend. Was aber nicht an den oftmals recht anstrengenden Treppen liegt, sondern an der Botanik. Herceg Novi, das vom Schriftsteller und Nobelpreisträger Ivo Andrić als „Stadt der ewigen Vegetation, Sonne und Treppen“ bezeichnet wurde, ist berühmt für seine Mimosen. Während halb Europa unter Schnee versinkt, wird hier das Fest der gelben, duftenden Blüten begangen. Mit Musik, Tanz, Marionettentheater, gebratenen Fischen und Strömen an Wein. Ein altes heidnisches Ritual, durch das der Winter ausgetrieben und der Frühling begrüßt wird. Blumige Aussichten bietet im Übrigen auch ein Besuch der privaten Räumlichkeiten des berühmten Schriftstellers, die seit Kurzem öffentlich zugänglich sind. Während das Sommerhaus als multikulturelles Zentrum genutzt wird, stellt der Garten eine Hommage an die Naturverbundenheit des Autors dar. Jede einzelne Pflanze, die Andrić ans Herz gewachsen war, wurde ihm zu Ehren hier angesetzt.

Weniger blumig, dafür umso protziger präsentieren sich die Prunkräume Titos in der Villa Galeb. Eine eindrucksvolle Reise zurück in die 1970er, während der man nicht nur die Schlaf- und Arbeitszimmer des Staatsmanns zu sehen bekommt, sondern auch den therapeutischen Bereich, in dem Tito wegen seiner Kreislaufprobleme behandelt worden ist. Allein der Eingang ist recht schwer zu finden, doch ist man erst einmal drinnen, stehen einem mehr als 5000 Quadratmeter für Wanderungen auf historisch-politischen Spuren offen. Umgeben ist die Sommerresidenz zudem von 70.000 m2 Park- und Gartenlandschaft. Einblicke in die Geschichte und Ausblicke auf die traumhafte Riviera von Herceg Novi sind garantiert.

MONTENEGRO-INFO

Übernachten: Guesthouse Villa Stari Grad in Herceg Novi, T: +382/(0)31/321 431.

Anschauen: Tito Villa Galeb in Igalo, T: +382/(0)31/658 555, Di, Do, Sa: geschlossen. Haus Ivo Andric in Herceg Novi.

Feiern: Das Fest der Mimosen beginnt am 1. 2.und dauert nahezu einen Monat.

Infos: Eco Katun Vranjak. www.jelka.me, Montenegro Tourism, www.montenegro.travel

Compliance-Hinweis: Die Reise wurde von der Nationalen Tourismusorganisation von Montenegro und der Tourismusorganisation Herceg-Novi unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2019)

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