Lettland

Wo das Internet zeitgleich mit dem Wasser kam

In dem kleinen Land an der Ostsee wird alten Gemäuern wieder Leben eingehaucht.

Egal, ob im Sommer oder im Winter – Lettland lockt mit einem ganz besonderen Charme. Die Hauptstadt, Riga, gilt als Jugendstil-Metropole.
Egal, ob im Sommer oder im Winter – Lettland lockt mit einem ganz besonderen Charme. Die Hauptstadt, Riga, gilt als Jugendstil-Metropole.
Egal, ob im Sommer oder im Winter – Lettland lockt mit einem ganz besonderen Charme. Die Hauptstadt, Riga, gilt als Jugendstil-Metropole. – (c) Latvia Travel

Kuldiga. Würde plötzlich die Filmmusik von Ennio Morricone ertönen, in der Altstadt von Kuldiga würde es vermutlich niemanden wundern. Denn die kleine Stadt in Lettland könnte ohne Weiteres als Schauplatz für den Wilden Westen durchgehen. Einstöckige Häuser mit Holzverkleidungen säumen die Straßen im Zentrum, von den meisten blättert die Farbe ab. Viele Fensterläden sind fest geschlossen, nur wenige Menschen sind auf dem schneebedeckten Kopfsteinpflaster unterwegs.

Verschlafen wirkt sie, die 12.000-Einwohner-Stadt im Westen Lettlands. Während die Hauptstadt, Riga, zu einem beliebten Reiseziel für Städtetouristen geworden ist, ist Kuldiga definitiv noch ein Geheimtipp. Dabei ist Kuldiga gerade dabei, aus seinem Winterschlaf zu erwachen. Nicht nur Filmteams, die hier tatsächlich erstaunlich oft am Werk sind, haben den Charme der authentischen Altstadt entdeckt. Immer öfter verschlägt es auch Touristen hierher, um sich in eine andere Zeit zurückversetzen zu lassen. Und mit den Besuchern kommt auch mehr Leben in die Stadt und in ihre alten Häuser.

Die Kleinstadt Kuldiga ist dank der gut erhaltenen Altstadt ein beliebter Drehort für Filmteams.
Die Kleinstadt Kuldiga ist dank der gut erhaltenen Altstadt ein beliebter Drehort für Filmteams.
Die Kleinstadt Kuldiga ist dank der gut erhaltenen Altstadt ein beliebter Drehort für Filmteams. – (c) Latvia Travel

Da ist etwa Klāvs Šlakorcins, der in seiner gerade eröffneten Kaffeerösterei Curonia Coffee Roasters steht und die Temperatur des Hightech-Kaffeeofens prüft. „Etwa zehn Minuten werden die Bohnen geröstet. Dabei darf man sie nicht aus den Augen lassen“, erklärt er den Prozess. Mit seinem Vollbart und dem Holzfällerhemd wirkt es beinahe so, als gehöre er zum Interieur des Hipsterkaffeehauses. Ein paar Häuser weiter findet man im Kuuld ausgefallene, lettische Souvenirs von lokalen Designern. Originell bemaltes Porzellan, Geldbörsen aus geschmeidigem Leder und natürlich die für ganz Lettland typischen bunten, handgestrickten Wollsocken. Ganz dem Design hat sich auch das Hotel Noliktava Nr. 5 verschrieben. Mit viel Liebe zum Detail wurde das alte Lagerhaus aus dem Jahr 1838 zum Hotel im Industrial Chic umgebaut, um dabei so viel wie möglich von der alten Substanz zu erhalten.

Plastik und Alu verboten

Die Liebe zum Detail ist das, was vieles in der kleinen Stadt ausmacht. Besonders zeigt sich das in dem Restaurationszentrum der Gemeinde. Die zum Teil dreihundert bis vierhundert Jahre alten Häuser originalgetreu zu revitalisieren, ist das Ziel der Mitarbeiter des Zentrums. Die Stadt hat sich selbst strenge Regeln auferlegt. Fensterrahmen aus Plastik oder Alu sind verboten, herkömmliche Wandfarben kommen nicht infrage – nur mit Materialen, die man auch früher verwendet hat, darf gebaut und erneuert werden. So, rechnet sich die Stadt aus, hat Kuldiga die besten Chancen, in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen zu werden.

Dass das nicht immer einfach ist, weiß man: Deswegen organisiert das Zentrum Workshops, bei denen Hauseigentümer traditionelle Methoden lernen können, und vergibt finanzielle Zuschüsse. Lange Zeit wohnten vorrangig ärmere, weniger gebildete Menschen in der Altstadt. Wie prekär die Wohnverhältnisse gewesen sein mussten, zeigt sich an einer absurd anmutenden Tatsache: In vielen Häusern wurde erst vor wenigen Jahren fließendes Wasser installiert – zeitgleich mit einem Internetzugang.

Eine Autostunde in Richtung Westen (Züge gibt es in Lettland praktisch keine) liegt Kuksi Manor, ein weiterer Ort, der mit großer Hingabe wieder zum Leben erweckt wurde: Den alten Gutshof, der in der Zeit, als Lettland zur Sowjetunion gehört hat, völlig verfallen ist, hat der nach Lettland ausgewanderte Deutsche Daniel Jahn gekauft, sieben Jahre lang restauriert und in ein ziemlich außergewöhnliches Hotel verwandelt. Wieder fühlt man sich in eine Filmkulisse hineinversetzt, diesmal aber eher in eine lettische Verfilmung eines Jane-Austen-Romans. Von 500 Gemälden an den handbemalten Wänden, Empire-Möbeln, Feuern in jedem Kamin bis zum Silberbesteck: Jahn unternimmt alles, damit sich seine Gäste selbst wie Gutsherren fühlen. „Das Haus hat seine ursprüngliche Funktion zurück“, sagt Jahn ein wenig stolz. Zu Abend gegessen wird im Jagdzimmer, unter ausgestopften Wildschweinen und Hirschen, die die ehemaligen Herren des Hauses geschossen haben. Bloß Kerzen beleuchten die mit Trüffel verfeinerte Karfiolschaumsuppe und den herrlich saftigen Hirschbraten auf Maroni, den Jahn selbst zubereitet hat.

Viele Adelsfamilien und Großindustrielle würden hier einkehren, erzählt Jahn, auch gut betuchte Russen hätten hier die eine oder andere Hochzeit gefeiert. Kuksi Manor liegt malerisch an einem kleinen See, rundherum gibt es meilenweit nur Natur, Felder, Wiesen und vor allem Wald. Nicht verwunderlich, denn rund die Hälfte der Fläche Lettlands ist von Wäldern bedeckt. Nur ganz vereinzelt stößt man auf Bauernhöfe und Dörfer. Ein großer Teil der zwei Millionen Einwohner Lettlands, rund 700.000Menschen, lebt in der Hauptstadt.

Jugendstil-Mekka

Diese kann sich ohne Weiteres mit den anderen europäischen Hauptstädten messen und geizt nicht mit ihren Reizen: In den mittelalterlichen Gässchen der Altstadt findet man Geschäfte für jede Preisklasse, nette Lokale und hervorragende Restaurants. Auch Architekturfans kommen auf ihre Kosten: In nicht vielen anderen Städten gibt es so viele Jugendstilhäuser an einem Fleck zu bewundern.

Auch in Riga wissen die Menschen um den Wert, Altes nicht zu zerstören, sondern wiederzubeleben. Besonders bemerkbar wird das im Kalnciema Quarter etwas außerhalb des Zentrums. Dort haben zwei Brüder verfallene Holzhäuser und Fabriken renoviert und reaktiviert. Cafés, kleine Shops und junge Betriebe haben sich angesiedelt und das Viertel zum Treffpunkt für die jungen, urbanen Bewohner gemacht. Ein Besuch lohnt sich am Samstag, dann findet in dem kleinen Hof ein lokaler Bauern- und Handwerksmarkt statt.

LETTLAND-INFO

Anreise: Zwei Stunden fliegt man von Wien nach Riga. Direktflüge gibt es bei Air Baltic und Austrian Airlines.

Herumkommen: Züge sind rar, eine gute Alternative sind Busse (www.mobilly.lv).

Hoteltipp: Noliktava No 5 in Kuldiga, Designhotel mit sieben individuell eingerichteten Zimmern, ab 110 Euro (www.booking.com).

Kuski Manor, jedes Zimmer in einem anderen extravaganten Stil, ab 170 Euro (www.kuksumuiza.lv).

In Riga: Wellton Riverside Spa Hotel, großes Hotel am Rand der Altstadt, schöner Spabereich (www.wellton.com).

Lokaltipp: Goldingen Room in Kuldiga: hervorragende italienische Küche im gemütlichen, stylishen Ambiente.

Kalku Varti: einer der besten Restaurantadressen in Riga (www.kalkuvarti.lv).

Informationen: Infos zu Riga und den verschiedenen Regionen Lettlands sowie einen Veranstaltungskalender bietet das lettische Tourismusbüro (www.latvia.travel).

Compliance-Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung von Air Baltic.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2019)

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