Waldhaus Sils: Eine Hotelikone wird 111 Jahre alt

Es ist eines der renommiertesten Hotels der Schweiz: stilvoll, authentisch, unaufgeregt. Von Größen geschätzt und in Filmen verewigt.

Legende in den Schweizer Bergen: Waldhaus Sils im Oberengadin.
Legende in den Schweizer Bergen: Waldhaus Sils im Oberengadin.
Legende in den Schweizer Bergen: Waldhaus Sils im Oberengadin. – (c) Gian Andri Giovanoli

Eingebettet zwischen imposanten Bergen, spiegelt der Silsersee im Oberengadin die ganze Farbenpracht seiner Umgebung. Oberhalb des türkisblau schimmernden Gewässers thront, weit sichtbar, das Waldhaus Sils, ein Hotel besonderer Art. Betritt man das seit der Eröffnung 1908 im Familienbesitz befindliche Fünf-Sterne-Haus zum ersten Mal, hat man das Gefühl, in einer wohl bekannten, behaglichen Heimat angekommen zu sein. Donna Leon schrieb Ähnliches in ihrem Essay „Waldhaus“, erschienen im Sammelband „Wie groß ist die Welt, und wie still ist es hier“: „When I entered the hotel, a place I had never been, I had the sensation that I had been there before, though I knew I never had been.“

Die Liste der ehedem im Waldhaus weilenden berühmten Personen, denen man hier in Geschichten und Gedanken begegnen kann, ist lang. Ein Leichtes sich vorzustellen, mit Thomas Bernhard, Friedrich Dürrenmatt, Hermann Hesse und Thomas Mann in dem von 1908 originalen Lesesalon über die heutige Literatur zu plaudern und ihnen zuzuhören, wenn sie sich Begebenheiten im Waldhaus erzählen. Der Unterhaltung von Albert Einstein und Theodor W. Adorno über mathematische und philosophische Theorien lauschen wir, mit Paul Klee und Joseph Heinrich Beuys besprechen wir in der Bar ihre Ansichten zum Aufbruch der bildenden Kunst im 20. Jahrhundert, und Luchino Visconti und Max Reinhardt hören wir in der Grand Hall, wie sie ihre Auffassungen über Dramaturgie diskutieren. Einigen Künstlern hat die Schweiz in dunklen Zeiten ein Exil geboten, die Schönheit dieses Hauses hat es ihnen ein wenig leichter gemacht.

Bleiben wir im Hier und Jetzt bei den Erzählungen von Felix Dietrich, Seniorchef des Hauses. Drei bis vier Tage in der Woche macht er im Waldhaus seine Honneurs. Schöne und humorvolle Geschichten hat er viele zu erzählen. Mit Herz sei er noch dabei, „nicht mehr in operativen Belangen“, diese hat er bereits an seine Söhne Claudio und Patrick übergeben. Er versteht sich als „Außenminister“ und muss dabei lächeln. „Hier in Sils trifft sich noch immer die Welt“, sagt Dietrich. Über 700 Einwohner zählt die Gemeinde in der Region Maloja im Kanton Graubünden. Mit Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch gibt es hier drei Amtssprachen, aber Dietrich fügt der Vielfalt noch Französisch und Englisch zu. Und die 145 Mitarbeiter des Hotels kommen gar aus zwölf Nationen. Viele von ihnen arbeiten schon seit Jahrzehnten hier, was sicherstellt, dass für das Wohl der Gäste gleichbleibend in hoher Qualität gesorgt ist.

Während des Zweiten Weltkriegs war das Waldhaus nur eingeschränkt geöffnet. Die verbliebenen 50 Mitarbeiter kümmerten sich um 35 Gäste, die alle in der Beletage ihre Zimmer bezogen hatten. In den Kriegsjahren stand kein Geld für Umbau oder Erneuerung zur Verfügung. Das hat den bis heute gültigen Vorteil, dass es in den erneuerungswütigen 1950ern nicht, wie viele Bauten sonst, zu Tode renoviert wurde. So ist auch heute die Atmosphäre vergangener Tage im gesamten Haus allgegenwärtig. Das Haupttreppenhaus etwa mit den schwarz-weißen Marmorplatten und den mächtigen Jugendstilleuchten gehört zu den wertvollsten Entrees der Belle Époque in Schweizer Hotels. Die 140 Zimmer und Suiten sind geschmackvoll eingerichtet und heutigen Standards angepasst: klassisch-modern und nostalgisch mit original restaurierter Ausstattung aus 1908. Relativ neu (1970er) ist das Hallenbad aus Sichtbeton. Es fügt sich ebenso wie der 2016 eröffnete Spa unaufgeregt in die Gesamtkomposition Waldhaus Sils ein.

Dann wäre da noch die Dekoration. Nicht zu übersehen, die über das ganze Haus verteilten Blumensträuße – eine Pracht. Auf jedem Tisch im Speisesaal steht ein Strauß, üppige Blumenarrangements finden sich im großen Salon, der Bar, der Arvenstube (Zirbe), die als À-la-carte-Restaurant dient, und in den Gängen. Jede Woche steckt Anna Rosano 150 frische Sträuße. Die Gärtnerin und Floristin, seit 30 Jahren für die zauberhafte Dekoration verantwortlich, arbeitet ausschließlich mit natürlichen Blumen. Dinner wird im Jugendstilsaal oder im Wintergarten serviert, an Montagen gibt es auch einen Chef's Table in der Küche. Lunch nimmt man bei schönem Wetter im Freien auf der Terrasse ein.

Eine kleine, nahe Anhöhe mit freiem Blick zum Waldhaus und zu den schroffen Gipfeln im Hintergrund wirkt wie eine Filmkulisse. Es bedarf da nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass jeden Moment ein paar Literaten, Filmschaffende und Maler hervortreten könnten, um ihren Part im Streifen „111 Jahre Waldhaus und seine Gäste“ zu spielen. Tatsächlich war das Hotel öfter Drehort, Schauplatz und Hauptdarsteller von Filmen, wie etwa „Die Wolken von Sils Maria“ mit Juliette Binoche und Kristen Stewart 2014. Auch die literarische Tradition wird hochgehalten, immer wieder gibt es im Waldhaus Lesungen zeitgenössischer Schriftsteller. Sie schätzen das Hotel wegen ihrer langen Tradition. Sanft modernisiert, den heutigen technischen Anforderungen angepasst, überragt das Waldhaus Sils seit 111 Jahren den mit Lärchen bewaldeten Hügel.

ANGEKOMMEN

Bau: Josef Giger beauftragte den jungen Architekten Karl Koller. 1908 wurde das Waldhaus in Sils eröffnet. Auf übliche Zierformen und Fassadenschmuck wurde bewusst verzichtet.

Anreise: Flug von Wien mit Swiss nach Zürich (swiss.com), mit der Bahn von Zürich via Chur und weiter mit der Rhätischen Bahn nach St. Moritz. Die Albula-Strecke ist Unesco-Weltkultur- erbe (rhb.ch). Von St. Moritz wird man von einem Fahrer des Hotels abgeholt. 111 Jahre Waldhaus Sils werden mit Veranstaltungen von Juni 2019 bis April 2020 gefeiert. waldhaus-sils.ch

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2019)

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