Ein Amerikaner in Paris

Perspektivenwechsel: Man hat sich sein Bild von Paris gemacht, wie Österreicher Paris eben sehen. Ein Amerikaner sieht es anders. Ein Vorfrühlingsspaziergang mit ganz anderen Augen.

Erste Sonnenstrahlen im Jardin du Luxembourg.
Erste Sonnenstrahlen im Jardin du Luxembourg.
Erste Sonnenstrahlen im Jardin du Luxembourg. – ANDREA LEHKY

Was ist bloß los mit den Franzosen? Sie seien arrogant, heißt es, unnahbar und nicht gewillt, eine andere Sprache zu sprechen als ihre eigene. Und dann das. Im Café Le Chat Bossu („Die buckelnde Katze“) ein wenig abseits der Bastille, auf die arglose, in ungelenkem Französisch gestellte Frage nach einer Metroverbindung. Der fröhliche Kellner weiß die Antwort auch nicht, er gibt die Frage an die Gäste weiter, diese diskutieren lebhaft und präsentieren dann eine wirklich gute Lösung in charmant eingefärbtem Englisch. Ein herzliches Danke an die Runde, der Kellner freut sich, die Gäste freuen sich, alle nicken noch einmal herüber und wenden sich wieder ihren Gesprächen zu.

So hat Ric Gibbs die Franzosen nicht in Erinnerung. Als junger Student studierte er englische Literatur in Paris. Jetzt, mit 61 Jahren, kommt er zurück, längst arrivierter Drehbuchautor in Los Angeles und Professor an der kalifornischen UCLA-Universität. Früher, sagt er, habe er sich unterlegen gefühlt, weil sein Französisch zu schlecht sein könnte für die hochmütigen Franzosen. Heute lachen sie und antworten ihm auf Englisch.

Frankreich: Ein Amerikaner in Paris

Gibbs ist auf Spurensuche. 40 Jahre später besucht er „sein“ Paris, weitab von den Trampelpfaden. Er muss nicht lang suchen. Die „buckelnde Katze“ liegt gleich neben dem Marché d'Aligre, einem alten und wenig bekannten Lebensmittelmarkt im zwölften Arrondissement. In der Mitte die Stände, am Rand feste Läden, ein Bauernmarkt eben, wie es auch in Österreich viele gibt, dazu ein überdachter Teil und ein afrikanisch angehauchter Flohmarkt. Zugegeben, Obst, Gemüse, Käse, Wein und Pasteten sind hier besonders ansprechend präsentiert. Das lädt ein, das macht Lust aufs Essen. In Paris habe er kochen gelernt, sagt Gibbs, ganz ohne Kochbuch. Die Ideen kämen hier von selbst. In der Boulangerie staunt er über einen Riesenlaib, will ihn aus der Nähe sehen. Stolz hebt die Bäckerin das Brot hoch, lässt sich bereitwillig fotografieren. Gibbs ist entzückt. Dafür zahle er gern ein paar Euro mehr. In seinem Land gebe es Lebensmittel nur in Zellophan verpackt. Kein Mensch habe sie je berührt, nur Maschinen. Das Gegenstück von Sinnlichkeit sei Praktikabilität, sinniert er. Supermärkte seien praktisch – sinnlich seien sie nicht. Wie könne ein Strichcode auch sinnlich sein? Und die Mitarbeiter – ersetzt durch Roboter.

Picasso: „He's my boy“

Ein Stück nördlich liegt das Picasso-Museum. Am Louvre stehen die Massen an, zu Picasso geht man einfach hinein. Picasso sei sein Held, bekennt Gibbs ehrfürchtig, weil er unbeirrt gegen Windmühlen kämpfte. Da kam dieser klein gewachsene, dunkelhäutige und wenig attraktive Spanier direkt in das von Schönheit, Symmetrie und Eleganz besessene Paris der Belle Époque und begann zu malen. Wie ein Besessener, Gemälde um Gemälde, zerlegte er Frauengesichter in Einzelteile, blau, würfelig-kubisch oder mit zwei Nasen, nur seinen inneren Bildern folgend. Die Franzosen zerrissen ihn in der Luft. Picasso machte weiter.

Es heiße, sagt Gibbs, wenn man es in New York schaffe, schaffe man es überall. Für die Kunst gelte das nicht. Da sei Paris die Messlatte. Amerika wäre voll von Menschen, die in ihrem Leben einen einzigen großen Moment hatten, Andy Warhols 15 Minuten Ruhm. Davon zehrten sie ein Leben lang. Picasso aber arbeitete an Dutzenden Leinwänden gleichzeitig, überall anders. Er hinterließ 13.000 Kunstwerke. Der Autor verneigt sich: „He's my boy.“

Das Mekka aller Schriftsteller ist Shakespeare and Company, die legendäre englischsprachige Buchhandlung am linken Seine-Ufer, in der Rue de la Bûcherie auf Höhe der Cathédrale Notre-Dame de Paris. Dabei steht dort gar nicht das Original. Dieses gründete die Amerikanerin Sylvia Beach 1919 in der Rue de l'Odéon. Rasch wurde es Treffpunkt der Literaten ihrer Zeit, von Hemingway bis Joyce. 1944 weigerte sich Beach, einem deutschen Soldaten ein Exemplar von „Finnegans Wake“ zu verkaufen. Unmittelbar darauf schloss sie den Laden, um Repressionen zuvorzukommen. 1951 eröffnete ihn der Amerikaner George Whitman an der heutigen Stelle wieder und machte ihn zum Zentrum der englischsprachigen Beat-Generation.

Er bewundere diesen Zugang zu Literatur, sagt Gibbs, die Selbstverständlichkeit, mit der Beach jungen Autoren im Laden Unterkunft gab. Weil man sie doch fördern müsse. Noch heute sind die Schlafnischen zu sehen, kleine Waschbecken zwischen den Büchern, eine alte Schreibmaschine.

Wer könne sich heute noch einen Buchladen vorstellen, der Talenten Nachtquartier gibt? In Los Angeles, erzählt der Autor, gebe es keine Buchläden mehr, nur mehr Bücher zum Download. Natürlich, Amazons Algorithmus schlage laufend neue Werke vor – aber zufälliges Entdecken, ungestörtes Schmökern wie hier in Paris seien tot und vergangen. Auch kenne er nirgendwo in den USA die Statue eines Schriftstellers. Paris sei voll davon.

Verweile doch, du bist so schön

Der Spaziergang endet am Medici-Brunnen im Jardin du Luxembourg. Als Student lebte Gibbs ums Eck, saß oft am Beckenrand auf einem der filigranen Metallstühle. Man lerne viel über sich, sagt er, wenn man den Abend hier ausklingen lasse, nur dasitze, aufs Wasser schaue, lese und schreibe. In L.A. gebe es keine öffentlichen Parks mehr, nur Betonwüsten. Wo es schön sei, müsse man konsumieren, um bleiben zu dürfen, für den Parkplatz zahlen und für mindestens einen Becher Kaffee.

Hier in Paris aber dürften die Spaziergänger noch einfach ihr Gesicht in die Sonne halten. Niemand swipe Instagram-Fotos. Man lebe mit allen Sinnen. Spricht's, streckt die Beine aus und schließt die Augen. Ein guter Platz. Eine gute Stadt. Und manchmal ist es gut, wenn die Dinge so bleiben, wie sie sind.

AUF EINEN BLICK

Paris hat mehr zu bieten als überlaufene Massenattraktionen: etwa den authentischen und kulinarisch höchst inspirierenden Lebensmittelmarkt Marché d'Aligre, das stille Picasso-Museum, die traditionsreiche Buchhandlung Shakespeare and Company oder den beschaulichen Medici-Brunnen im Jardin du Luxembourg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2019)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Ein Amerikaner in Paris

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.